Du siehst scheiße aus, sagt er zu mir. Emotionslos, und nicht, um mich zu verletzen, sondern eine bloße Feststellung. Ich hätte ihn besser nicht fragen sollen, aber das habe ich, und nun habe ich eine Antwort, auch wenn sie mir nicht gefällt.
Dabei muss ich ihm Recht geben. Ich bin ja selbst geschockt erschrocken, als ich mich so sah. Jetzt weiß ich, warum ich auch auf weichen Möbeln in bestimmten Positionen kaum noch sitzen kann. Mein Hintern sieht aus wie der, den ich mir an einer unterernährten 80-jährigen vorstelle, und ich kann einen Finger zwischen meine Pobacken legen, die sich selbst angespannt nicht mehr berühren. Das ist nicht nur nicht schön, das ist hässlich.
Sieht so aus, als hätte ich die Wahl zwischen mich-angezogen-schön-dünn-und-dafür-mit-faltigem-Arsch oder nackt-nicht-allzu-unansehnlich-aber-angezogen-nicht-so-dünn-wie-ich-gern-wäre-und-sein-könnte zu fühlen. Da nehme ich wohl ich-frage-den-blöden-Spiegel-einfach-nicht-mehr-nackt-nach-seiner-Meinung. Und ziehe mich nie wieder vor meinem Mann aus.
Schlagwort: Anorexie
Defizitär
Die ES und ich, wir kommen gerade ganz gut miteinander aus. Zwar frage ich mich zwischendurch, was seit der Klinik so schief läuft, dass sie sich so wohl mit mir fühlt, aber dann scht! sie mir ins Ohr und wir denken lieber gemeinsam übers Essen nach. Wie vorher die Depression, die wir gemeinsam in Schach halten, füllt sie etwas aus. Ein Loch, das sich jeder Erkenntnis entzieht.
Auch den Termin bei der Ernährungsberatung nächste Woche sieht die ES ganz entspannt, weil es dann so aussieht, als würden wir uns bemühen, aber ja nicht gesagt ist, dass wir dann auch wirklich auf das hören, was Frau Beraterin uns so erzählt.
Und ich? Weiß nicht, ob ich lieber mit der ES abhänge oder etwas ändern möchte oder nur will, dass es so aussieht, während ich die Kontrolle feiere.
Feeling skinny today

Im Fitness-Studio haben sie mich heute nicht auf die Waage gelassen, dabei ist das letzte Mal aus verschiedenen Gründen schon 2 Wochen her. So oft mache man das eigentlich nicht. Achso. War die letzten 3 Monate also ein Versehen, dass es wöchentlich ging. Nun gut. Der schräge Blick und der Kommentar von vorletzter Woche fallen mir wieder ein: ich muss dich darauf hinweisen, dass weitere Abnahme nicht unser Ziel ist.
Dann gehe ich halt daheim auf die Waage, die ich blöd finde, weil sie analog ist und ich die Nachkommastellen raten muss. Dennoch, wenn ich den halben Liter Wasser abziehe, den ich beim Sport getrunken habe, lande ich bei einer Zahl, die nicht zu mir zu gehören scheint. Oh scheiße, ist das wenig… schießt mir durch den Kopf. Wie geil!
Etwas später am Tag. Schatz fragte nach meinem Gewicht und ich antwortete, und für die Zeit dieser Antwort bin ich wieder einmal der festen Überzeugung, heute endlich mal die Ernährungsberaterin anzurufen. Das ist 6 Stunden her, jetzt ist es Abend und dann Wochenende.
Noch etwas später am Tag. Ich schlage die Zeitschrift auf, die ich abonniert habe, und gleich als erstes wird mir eine Überschrift präsentiert, die das Wort Magersucht enthält. Eine zweite, die beiliegt, tut das Gleiche. Lass das doch, Universum.
Wir wollen auf den Weihnachtsmarkt. So viele Schichten, dass ich nicht frieren werde, kann ich garnicht anziehen. Ich erschrecke, als ich die Jeans an mir herunterhängen sehe. Und noch mehr, als ich merke, dass ich meine Gürteltasche, die ich mir schon enger genäht habe, geschlossen ausziehen könnte – zusammen mit der Jeans.
Heute mal 100 kcal mehr als sonst? Nicht undenkbar. Aber die Machbarkeit erscheint mir unmöglich – und ich verstehe nicht, warum mir diese Zahl so eine Angst macht, dass ich sie nicht überschreiten kann.
Body in Focus
Interessanterweise ist in den letzten Wochen mein Körper in meiner Aufmerksamkeits-TopList immer weiter nach hinten gerutscht. Er ist dünn, er verweigert die Menstruation, ich sehe Muskeln und Adern und Knochen an Stellen, die ich vorher nicht sehen konnte, und ich finde es verdammt gut so, also wende ich mich anderen Dingen zu. Sport. Essen. Sport. Nicht Essen.
Bisher hat mich niemand – abgesehen von nahestehenden Menschen – auf meinen Körper angesprochen. Doch das änderte sich diese Woche, drastisch sogar.
Situation 1.
Kaffeeküche am Morgen. Ein Kollege, mit dem ich nie mehr als 3 Sätze Smalltalk im Quartal rede, sagt, er habe mich ja lange nicht gesehen (immerhin, mein Klinik-Aufenthalt scheint nicht bis zu ihm getratscht worden zu sein) und ich sei so dünn geworden. Ob das Absicht sei?
Ja und nein. Ich mache sehr viel Sport zur Zeit. Als Pantoffelheld und Mann in den frühen 50ern muss er mir daraufhin gleich von seinen sportlichen Ambitionen berichten. Themenwechsel? Check.
Situation 2.
Eine berentete Kollegin ist zu Besuch. Ich sehe ihr an, dass sie mit den anderen schon über mich und die Klinik geredet hat und unfassbar neugierig ist. Ich gebe ausweichen Antworten. Und ich sei ja nur noch die Hälfte!
Ich mache sehr viel Sport zur Zeit. Was machen die Enkel? Es folgt ein Wortschwall. Themenwechsel? Check.
Situation 3.
Ich erzähle einer Kollegin von einer aktuell belastenden Situation (Katastrophe lässt grüßen). Sie sagt, ich werde immer dürrer,ob ich das wisse.
Ja, weiß ich. Ich mache sehr viel Sport zu Zeit. Ich kann gar nicht so viel Essen, wie ich verbrenne. Während ich noch nicht glauben kann, den letzten Satz wirklich gesagt zu haben, kommen wir zum Glück auf anderes zu sprechen. Themenwechsel? Check.
Situation 4.
Im Fitnessstudio. Eine Frau, die ich vom Sehen her kenne und bei der ich überzeugt bin, dass sie mich nicht leiden kann – ohne dass wir je miteinander gesprochen hätten, aber sie guckt mich immer so schräg an – spricht mich an. Ich hätte ja eine so tolle Figur! Ob ich so wenig essen würde?
Oh, danke. Ich habe wohl einen guten Stoffwechsel. Innerlich verdrehte ich die Augen über diesen Blödsinn und starte die nächste Trainingseinheit. Themenwechsel? Unnötig.
Ich hätte gerne stille Bewunderung oder Besorgnis. Aber tatsächlich ist es mit mehr als unangenehm, auf meinen dünnen, sportlichen, schönen Körper angesprochen zu werden. Weil ich weiß, dass gesund gerade keines der zutreffenden Adjektive für ihn ist.
Motzig
Mein Körper mault, dass er keine Lust hat heute. Auf garnichts. Mir ist das erstmal egal, ich nehme ihn trotzdem mit zum Sport. Notgedrungen macht er mit, auch wenn er mir ab und an Schwindel präsentiert, damit ich ihn und seine Meinung zum Thema auch nicht vergesse.
Ja, gut, ich war nicht so nett zu ihm diese Woche. Noch weniger Kalorien, denn immerhin geh ich ja nur 4 Mal in dieser Woche zum Sport und die Waage dort zeigte ein Plus von 700g, die garantiert nicht, wie die Messung eigentlich eindeutig zeigt, Wasser und damit zyklusbedingt sind (welcher Zyklus?!), und gestern 11km Fototour die nicht bei den 4 Mal Sport eingerechnet sind. Da wär ich auch motzig. Noch dazu, wenn ich dauernd frieren würde und ich auch auf gepolsterten Möbeln teilweise nicht wüsste, wie ich schmerzfrei sitzen oder mich anlehnen soll.
Dafür sitzen wir aber jetzt zusammen auf dem Sofa, ich habe ihm Wollsocken und eine Sweatjacke angezogen und für nachher einen Tee versprochen. Vielleicht sogar einen zweiten mit Kokosmilch, mal gucken. Den Rest des Tages werden wir hier so rumgammeln, und dann gehts erst am Dienstag wieder zum Sport. Wenn das nicht nett ist…
Über

Die erste Woche Alltag liegt hinter mir und neben dem Gefühl, mit meiner Überforderung überfordert zu sein, stellt sich auch die unerwartete Erkenntnis ein, dass eine 4-Tage-Woche nicht einfach nur nett gegenüber einer prä-Klinik-5-tägigen ist, sondern 3 Tage Wochenende (gerade?) einfach (noch?) notwendig sind. Und beides fühlt sich garnicht so schön an, erst recht nicht an einem grauen Novembertag, auch wenn sich dieser gerade von seiner gemütlichen Seite mit warmem Tee, einer Decke und einem Sofa zeigt.
Für die Überforderung mit der Überforderung fällt mir keine schicke Umschreibung oder ein Kunstwort ein, leider. Die Anforderungen in der Arbeit sind hoch, und in 4 Tagen mit einem immer noch anhaltenden Informationsdefizit nur schwer bis garnicht zu schaffen. Mein Ich-leiste-also-bin-ich-Teil hält natürlich nichts vom Delegieren, also rudere ich alleine, obwohl Angebote im Raum schweben, dass andere etwas übernehmen würden. Ja, auch ich sehe den Fehler. *PunktaufderbessermachenListe*
Wahrscheinlich resultiert genau aus diesem Umstand der, dass ein langes Wochenende echt nötig ist gerade, um wieder runterzufahren.
Und ganz nebenbei ist da ja auch noch die ES, der es ganzhervorragend geht und die einen Großteil meiner Gedankenkapazitäten einnimmt, wenn diese gerade mal nicht mir der Arbeit ausgelastet sind. So haben wir fast 24 Stunden mit der Diskussion verbracht, ob ich an meinem sportfreien Samstag doch ins Studio fahre, weil ich gestern nicht wie freitags üblich dort auf der Waage war um zu sehen, dass ich auch nicht nur gefühlt weiter abgenommen habe und ob ich heute Flammkuchen selber machen und essen darf. Auf beides lautet die Antwort Nein, was ich mal als ganz blauäugig alsTeilsieg verbuche – und dann halt morgen auf die Waage steige.