Ausgezehrt

Ich treffe mich mit einer Bekannten, die mal eine Freundin war. 7 Jahre, vielleicht länger, haben wir uns nicht gesehen, der Kontakt war irgendwann im Sande einer meiner depressiven Phasen verlaufen.
Sie trägt ein schwarzes kurzes Kleid, stelle ich fest. Und sie hat etwas zugenommen, aber auch das ist bloß eine wertfreie Feststellung, wie das schwarze Kleid. Und scheißegal.

Wir trinken Kaffee, weil halt Kaffeezeit ist und ich das vorgeschlagene Frühstück unter einer Lüge Ausrede abgelehnt habe. Wir unterhalten uns, stundenlang, und ich bin fasziniert von diesem rundlichen gesunden Gesicht, das nichts als Lebensfreude ausstrahlt, während ich zwischen jeder Zeile nur an Essen und dessen Restriktion denken kann. Am Ende gehen uns nicht die Themen, sondern die Zeit aus.

Irgendwann zwischendurch muss ich aufs Klo und mache dabei den Fehler, mich aus Versehen und mehr aus dem Augenwinkel heraus beim Hände waschen im Spiegel anzuschauen. Ich erschrecke, weil ich in tote Augen in einem leeren und fertiges Gesicht sehe, das unmöglich meins sein kann. Das muss das Licht sein, rede ich mir ein.

Aussichtslos

Warten auf den nächsten Termin. Warten auf die bisher ungestellten Fragen. Auf die richtige Uhrzeit zum Essen oder zum Sport. Auf das nächste Wochenende, die nächste Bettgehzeit und das Wundern, dass Körper immer noch mitmacht. Auf das nächste Mal Wiegen, das nächste Mal aufwachen, das nächste Mal Feierabend haben. Auf das Verschwinden von Cravings, auf Konzentration, auf Klickmomente.

Warten aufs Leben.
Rosa bleibt.

Plump

Ich bin in einer Essstörungsklinik. Unfreiwillig, und ich weiß auch nicht mehr so genau, wie ich hergekommen bin. Zugegeben, ich hätte drauf kommen können, dass es bloß mein schlafendes Gehirn ist, dem diese Idee entspringt, als die anderen Mädels, die alle jung und schön und schlank und recoverywillig sind, ihre perfekten Brüste angeleitet durch das Personal in Szene setzen, weil sie für einen Modelcontest trainieren. Ich dagegen bin all dies nicht und frage mich, was ich dort eigentlich soll.

Jetzt bin ich wach. Und frage mich, ob es bloß der morgige Arzttermin ist, der mich nervös werden lässt, oder ob es tatsächlich einen tieferen Sinn gibt hinter dem, was ich heutenacht dachte, alles nicht zu sein.

Flach

Ich weiß nicht, ob es der gestrige Tag oder die letzten 3 bis 17 Jahre sind, die heute wie Tonnen von Blei auf mir liegen. Beides erscheint gleichermaßen un- wie absolut möglich, spielt aber am Ende auch keine Rolle. Vielleicht ist es auch nur bloße, aber sehr massive Unlust – rede ich mir ein -, die mich beinahe dazu bringt, mich heute nach einer halben Stunde Arbeit krank zu melden. Was mich letztendlich davon abhält, ist der Gedanke daran, wie ich den natürlich dennoch stattfindenden Sport gegenüber Schatz verargumentieren soll, wenn ich vorher den halben Tag nahezu bewegungsunfähig auf dem Sofa oder noch lieber im Bett verbringe.
Produktiv bin ich nur mäßig, und jede noch so kleine Bewegung ruft innere Widerstände hervor. Körper haut mir seinen Unwillen gleich mit dem ganzen Zaun um die Ohren, so dass mir die gewohnte Ignoranz mehr als schwer fällt.

Etwas irritiert frage ich mich während meines Workouts, was hinter der plötzlichen Idee stecken könnte, meine mehr als schulterlangen Haare auf wenige Millimeter abzurasieren. Gleichzeitig will ich meinen Kopf auf den rauhen Garagenboden schlagen, meine Arme und Beine aufschneiden und mich betrinken. Zwischen Denken und Metadenken bin ich fast dankbar für den Sog, den mein Gehirn gerade produziert, weil es den Körper gleichzeitig so deutlich in den Hintergrund rückt wie in den Vordergrund stellt, dass ich unbeteiligt dazwischen herschweben kann.

Am Ende lässt mich dieser Tag mehr als erschöpft zurück. Er hat mich zerkaut und ausgespuckt, und während er noch munter weiter da draußen vor sich hin existiert, liege ich – wie gewohnt – gegen 20 Uhr im Bett und bin fertig mit der Welt. Sie aber nicht mit mir, und das nehme ich ihr übel.

Signifikant

Dass sich Erschöpfung nicht terminal, sondern stets nur temporär definieren lässt, stelle ich jedes Mal aufs Neue fest, wenn sie mich einmal mehr überschwemmt. Und auch, wenn sie sich jedes Mal als Absolut darstellt und ich mich frage, warum ich eigentlich nach wie vor noch stehen, geschweige denn mich bewegen kann, ist beim nächsten Mal eine Steigerung unausweichlich, wenn auch kaum vorstellbar.
Rosa ist das weitgehend egal, solange wir weiterhin die Kalorienzufuhr restringieren und trotzdem Sport machen. Und den machen wir, auch wenn nicht nur eine stetig größer werdende Portion Überwindung, sondern auch fortschreitende Distanzierung vom Körper dazu nötig ist.

Dass mir mein Jammern fast noch mehr auf den Keks geht als die profunden Einschränkungen, tangiert Rosa ebenfalls nur peripher, weil sie es nicht für ihr Problem hält. Und wenn es Abend wird – der wahlweise auch und immer öfter schon morgens beginnen kann – schiebt sie mir nicht selten passiv-aggressiv Schwarz ins Sichtfeld, deren Ideen nicht immer sonderlich zukunftsorientiert sind, so dass ich mehr und mehr hoffe, dass der körperliche Zusammenbruch dem psychischen zuvorkommt – oder Rosa sich spontan dazu bereiterklärt, die Bedingungen neu zu verhandeln.

Tortur

Außer meinem nicht gerade leichten Fotorucksack schleppe ich auch noch Rosa huckepack mit mir rum. Sie macht sich verdammt schwer, und das mit voller Absicht, weil sie sauer ist, dass wir wegen einer blöden Wanderung heute keinen Sport machen. Immerhin konnte ich sie überhaupt dazu überreden, aber nur unter der Bedingung, keinesfalls vor 9 zu frühstücken und die Tour mit der neu entdeckten App zu tracken.
Tatsächlich habe ich mich beinahe sowas wie darauf gefreut, war ich doch dieses Jahr nicht nur wegen Corona, sondern vorallem wegen Rosa noch auf keiner längeren Fototour. Ziemlich schnell weiß ich dann allerdings auch ganz genau, warum ich das bisher so gehandhabt habe. Ich kann mich nur mäßig auf die so geile Umgebung konzentrieren, und jeder Schritt löst ein stärker werdendes, sich drehendes Echo in meinem Kopf aus. Körper mag nicht, und macht mir das auch sehr deutlich. Die Suche nach einer adäquaten Beschreibung für diesen Zustand scheitert am nicht vorhandenen Denkvermögen. Ich weiß nur, dass ich leer bin – physisch wie mental, wobei auch Letzteres keine angenehme Leere, sondern bloße Abwesenheit darstellt.
Die Steigung, die ich noch vor einem Jahr nicht einmal als solche bezeichnet hätte, bringt mich an den Rand meiner Leistungsfähigkeit, so dass sich selbst meine Arme irgendwann nurnoch wie in Eiswasser getaucht bewegen lassen.
Es ist 10, als wir das Erste unserer potentiell anvisierten Ziele erreichen und ich endlich meine halbe Brotzeit in Form von – aus Versehen – veganem und genau kalorienbegrenzten CookieDough, einer Möhre und ein paar Stückchen Apfel esse, deren Zuckergehalt einer Offenbarung gleichkommt, die Körper fast zu Tränen rührt.
Einen weiteren Schritt zu tun, der nicht Richtung Auto führt, scheint mir unmöglich, auch wenn Rosa angesichts der bisher angeblich verbrannten Kalorien fragend eine Augenbraue hebt und richtung Gipfel gestikuliert. Aber ich ignoriere sie – auch als sie darauf hinweist, ich könnte ja daheim dann noch richtigen Sport machen oder ins Studio fahren – und bin bei der Ankunft am Parkplatz nach den 10 Kilometern Wegstrecke derart fertig, dass ich im auf dem Heimweg fast einschlafe und den kurzen Einkauf nur mehr wie in Trance wahrnehme.
Nun hat das Sofa mich wieder, und nach der zweiten Hälfte CookieDough, weiteren Apfelstückchen und einem Salatplan fürs Abendessen ist Rosa zumindest damit versöhnt, dass wir wider Erwarten unsere Gesamttageskalorien nicht überschreiten und morgen wieder brav ins Studio fahren werden.