98 – Denken. Hoffen.

Frau Therapeutin sagt, es ist normal, dass ich in alte* Verhaltensmuster zurückfalle.
Frau Therapeutin sagt, es ist normal, dass ich in alte* Denkmuster zurückfalle.
Frau Therapeutin sagt, ich muss dranbleiben.
Frau Therapeutin sagt, ich muss Achtsam bleiben.
Frau Therapeutin sagt, ich soll mich ablenken.

Ich sage nicht, dass ich keine Lust mehr habe. Dass ich will, dass es aufhört. Dass ich finde, nach 15 Jahren reicht es jetzt wirklich mal. Dass ich aus Überzeugung und ganz bewusst zu wenig esse, zu oft (heimlich!) Alkohol trinke, und keine Hoffnung auf dauerhafte Besserung sehe.
Ich schweige. Denke. Hoffe. Auf ein Ende.

*alt ist relativ. alt ist nur ein paar wochen alt. alt ist jetzt. alt ist neu.

97 – Fluchtgedanken

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Ich will weg. Eine Tasche packen, mir den Autoschlüssel schnappen, und still und heimlich (n)irgendwo hin fahren. Niemandem sagen, wo ich bin – niemandem sagen, wer ich bin.
Schlafen, essen, denken, mit mir allein sein. Sonst nichts.

Raus!

Diese Phasen habe ich öfter mal. Dann will ich alles hinschmeißen und abhauen. Nicht, dass ich ein Ziel hätte, oder wüsste, was ich dann tun würde – oder für wie lange. Einfach raus.

Natürlich (?) kann ich das nicht einfach so in die Tat umsetzen. Es würde, gerade in Anbetracht der „Katastrophe“, Schatz aus der Bahn werfen. Außerdem habe ich einen Job, muss Geld verdienen und kann nicht einfach untertauchen. Und es ist nicht so, dass ich Schatz verlassen will, ganz und garnicht.

Ein Tagtraum

So ist und bleibt das Ganze ein Tagtraum. In dem ich mich nicht mit den Konsequenzen meines Handelns herumschlagen oder mich rechtfertigen muss. In dem ich nicht meinen Job, meinen Mann oder mein Haus verliere. Oder und.
In dem ich abhauen und alles hinter mir lassen kann – nicht nur die „Katastrophe“ und Probleme, sondern auch die Depression, und den Rest meines Ichs, das ich loswerden will. Und in dem sich andere um mich sorgen, weil sie nicht wissen, wo ich bin und warum ich das getan habe. Wann ich wiederkomme. Ob ich wiederkomme.
In dem ich eine Rasierklinge dabei habe.

96 – Grenzüberschreitung

Bald kommen mein Bruder und mein Schwager zum Frühstück, danach haben wir einen Ausflug geplant. Ich möchte nur zurück ins Bett. Meine Grenzen sind weit überschritten, und Schuld bin ich selbst. Weil ich sie kenne, und ignoriere.
So viel Zeit mit anderen zu verbringen, stresst mich enorm. Das Gefühl, fremdbestimmt zu sein, keine Zeit für mich zu haben, keine Rückzugsmöglichkeit.
Und dann kommt der Anteil um die Ecke, der sagt, ich soll mich nicht so anstellen, schließlich sind es nur 2 1/2 Tage, und ich muss mich doch nur zusammenreißen. Also reiße ich mich zusammen, ignoriere den Kopfschmerz, die Gedanken, das Ruhebedürfnis und denke beinahe minütlich an meinen freien Tag am Dienstag, bis zu dem ich es halt einfach aushalten muss.

95 – Bruderherz

Mein Bruder ist zu Besuch. Wir haben uns seit über einem halben Jahr nicht mehr gesehen, nicht telefoniert, höchstens mal geschrieben. Er sagte mal, wenn das Telefon nicht klingelt, ist er es.
Ich liebe meinen Bruder, aber wir reden irgendwie nicht viel miteinander. Aber nun ist er da, zusammen mit meinem Lieblingsschwager, und ich freue mich ein bisschen und hoffe gleichzeitig, dass das WE nicht zu anstrengend für mich wird.

Heute kam Post zur “Katastrophe“, die Schatz und mich etwas durcheinanderwürfelt. Aber wir sind beide wütend, und das ist gut, denke ich.

Für kommenden Dienstag habe ich mir frei genommen – ich dachte vorletzte Woche noch, dass ich es vielleicht garnicht brauche, aber habe es zum Glück doch beantragt. Den Tag werde ich, egal wie das WE wird, brauchen, um mich zu erholen. So doof das klingt, denn ich verbringe die Zeit gerne mit Bruderherz, aber anschließend brauche ich einen Tag für mich.

Ich kann nicht einordnen, wie es mir geht. Schlechter als vorige Woche, leider. Ich bleibe dran, ich bin achtsam, mache so richtig Feierabend, arbeite nicht zu lange. Trotzdem geht die Kurve runter, und ich befürchte, dass es nicht das erhoffte Ende der depressiven Episode ist. Ich habe diese Woche an drei Abenden heimlich Alkohol getrunken, damit ich Watte im Kopf hatte. Fortführen möchte ich das nicht, die Baustellen reichen mir jetzt schon.

Essen ist schwierig (ich habe echt Hunger, aber ich bringe es nicht über mich, mehr als zwei Mal am Tag was zu essen – einmal davon ist wohl eher als kleine Zwischenmahlzeit anzusehen), ich nehme weiter langsam ab. Ich weiß nicht, ob ich noch dünner werden will – auch wenn ein Teil von mir gerade laut “Jaaa!“ brüllt, weil die ersten Worte meines Bruders nicht wie erhofft “Bist du dünn geworden!“ waren (genau genommen hat er noch garnichts dazu gesagt…).

94 – Wohin?

Wohin mit den Gedanken, dass es nur eine Absolutheit im Leben gibt?

Wohin mit den Gedanken, dass die einzige Gewissheit ein Ausweg wäre?

Wohin mit den Gedanken, die ein normaler Mensch nicht denkt?

Wohin mit den Gedanken, die ich niemandem erzählen kann?

Wohin mit den Gedanken, die ich doch gar nicht haben kann, wo es mir doch besser geht?

Geht es mir besser?

93 – Watte

Ein dümmliches Grinsen im Gesicht. Watte im Hirn. Kaffee für mich und Schatz gemacht, während er draußen saß, und nicht nur Likör, sondern auch Schnapps getrunken. Zu wenig, dass er es merkt, genug, dass ich es merke. Deutlich.

Warum? Frage ich mich später. Und streichle versonnen über mein flauschiges Hirn.