92 – Blind

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Ich frage mich, was mein Gehirn momentan eigentlich die ganze Zeit so tut. Mit Wahrnehmung(sverarbeitung) ist es jedenfalls nicht beschäftigt. Zumindest fühlt es sich seit einigen Tagen so an – als hätte ich einen Tunnelblick und Watte in den Ohren.

Dazu muss ich vielleicht erwähnen, dass ich mich für hochsensibel (HS) halte. Für mich ist das keine Diagnose, sondern lediglich die Beschreibung einiger meiner Eigenschaften, wie es z.B. auch „unmusikalisch“ wäre. Es beschreibt einen Teil von mir – ich trage es ich nicht auf einem blinkenden Schild um den Hals und ist für mich weder Ersatzreligion noch Misssionierungsgrundlage.

Auf das Thema gestoßen bin ich vor rund 3 1/2 Jahren. Ich las eine Zeit lang alles darüber, was ich finden konnte, nachdem das erste Buch eine Offenbarung für mich war. Ich musste weinen, weil ich auf einmal so viel verstand.
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91 – Bergauf

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Ich schrieb, dass es mir relativ plötzlich vor drei Wochen besser ging. Hell, bunt, Feierabend und so. Die erste Woche war ein Selbstläufer, ich musste nichts dafür tun. Woher es kam? Keine Ahnung, aber geil wars. In der zweiten Woche spürte ich, dass es nicht mehr von selbst ging, sondern ein bisschen Arbeit bedurfte – auf meine Gedanken achten, bewusst den Schritt aus dem Hamsterrad machen. Aber es ging, es blieb erstaunlich gut, und ich war achtsam.
Nun ist die dritte Woche rum, und ich frage mich, ob ich mich genug anstrenge. Ob ich es genug will.
Es ist, als würde ein Berg langsam, aber stetig wieder steiler, und ich werde müde und langsamer. Immerhin, ich gehe noch vorwärts.
Die letzten drei Wochen waren die Besten seit 2015 – mindestens, vielleicht sogar seit 2010. Ich will nicht, dass es aufhört, ich will nicht zurück – nicht kopfüber in die nächste dunkle Episode. Nicht jetzt, wo ich ganz frisch wieder weiß, wie es sein kann.
Ich will nicht übers Wasser laufen und ich will nicht ertrinken. Ich will fliegen…

90 – Paralleluniversum

Meine Depression ist ein Paralleluniversum, dass mich umschließt und überall hin begleitet. Ich bewege mich in der Welt der Anderen, aber niemand kann sehen, dass ich kein echter Teil dieser Welt bin. Wie eine unsichtbare, aber für mich deutlich spürbare Blase umhüllt sie mich – trübt die Farben und das Licht, während sie meine Energie raubt. Mich und die Anderen trennt eine ganze Dimension, die nicht fassbar ist. Wie ein Stück stoffliche Dunkelheit, allgegenwärtig.

Die Trennschicht, die zwischen mir und der Welt der Anderen liegt, ist manchmal unendlich und unüberbrückbar.
Vor einigen Tagen aber bildete sich ein Riss, der mir die ungetrübte Sicht ermöglichte. Auf eine bunte Welt, und den Abgrund am Rande der aufeinanderprallenden Dimensionen. Dieser Riss, der zunächst von einer ganz eigenen Energie auseinandergetrieben wurde, ist nun ein fragiler Zustand der Verbindung zweier Welten. Er braucht Energie, um sich nicht allmählich wieder zu verschließen und mich in sein Innerstes zu ziehen. Ein Schwebezustand, zwischen den Welten, zwischen den Kräften, die dort herrschen.

Ein Versuch, meine Gefühle zu beschreiben, die mich hin- und herreißen zwischen dem vertrauten Dunkel und dem fremden Bunt. Wenn die einfache Entscheidung die falsche ist…

89 – Körperwahrnehmung

Die Sache ist die – ich habe seit der Katastrophe erst durch die Schockreaktion (= fehlendes Hungergefühl über mehrere Wochen) und dann durch den Gedanken, wenigstens etwas in meinem Leben kontrollieren zu können (mein Essverhalten), inzwischen 10kg abgenommen, mein BMI liegt bei 19,4. Mein Körpergefühl dagegen sagt mir, dass ich immer noch mit meinem BMI von 28+ rumlaufe, den ich mit 12 hatte. Dass ich seit rund 20 Jahren mit Normal- bis Idealgewicht herumlaufe, ist in meinem Kopf nie richtig angekommen.

Spieglein, Spieglein

Wennn ich bewusst meine Schlüsselbeine, Rippen, Wangen- oder Hüftknochen im Spiegel anschaue, sehe ich, dass ich schlank bin. Ich freue mich auch, dass ich enge Klamotten anziehen kann, ohne dass irgendwas über meine Hose “quillt“.
Und trotzdem fühle ich mich nicht anders, als mit den +10kg von vorher.

Diät? Ernährungsumstellung? Essstörung?

Diäten habe ich haufenweise durch, meine Mutter hat mich und meinen Bruder (der als Kind eher zu dünn war, er hat es aber durch das Vorleben verinnerlicht und isst beizeiten auch, nennen wir es seltsam) quasi damit erzogen – sie war und ist dauerhaft unzufrieden mit ihrem Körper.

Mache ich jetzt eine Diät? Nein, würde ich nicht sagen. Ich habe mich nicht zu einer entschlossen.
Habe ich meine Ernährung umgestellt? Ja, schon irgendwie. Ich meine, es ist Sommer, wir haben einen eigenen Obst- und Gemüsegarten, und ich esse einfach “bunter“. Bestand mein Abendessen z.B. vorher aus zwei belegten Brötchen, ist es jetzt nur eins, dafür aber esse ich noch Möhren, (nicht selbstgezogene) Oliven (in Lake, nicht in Öl) oder Gurke mit Joghurt dazu.
Habe ich eine Essstörung? Also laut der bisherigen Definitionen, die ich so finden konnte, nicht. Laut der inneren Krise, die der Wunsch nach Nudeln von meinem Mann gestern bei mir auslöste (eine sowieso vegetarische und sehr gemüse- statt nudellastige Lasagne wurde dann draus) und der vielen Dinge, die ich eigentlich mal wieder gerne essen würde (Butterbreze, um nur eines von vielen zu nennen…), mir aber verweigere, schon.
Und auch mein vermehrter Haarausfall in den letzten Wochen, der wie durch ein Wunder durch supplimierte Vitamine/Mineralien wieder deutlich weniger geworden ist, und die langsame, aber stetige Gewichtsabnahme sprechen eine bestimmte Sprache.
Andererseits, ich esse ja. So wie jetzt gerade, Apfel und Pflaumen aus dem Garten, weil es schmeckt und obwohl ein Kaffee auch gereicht hätte, ich es aber vernünftig fand.

Auf der Waagschale

Es ist mir gerade egal, ob es gesund ist oder nicht, und meinetwegen muss ich auch nicht weiter abnehmen – meine Klamotten passen und auf Fotos sehe ich nicht fett aus – aber ich werde diese Kontrolle nicht aufgeben. Zumal ich mich an meine letzte solche Phase erinnere und sie der jetzigen so erschreckend ähnlich war: meine depressive Episode endete, und mein Essverhalten pendelte sich von selbst wieder ein. Ja, ich nahm zu, aber ich wurde nicht fett – objektiv gesehen.
Es scheint, als wäre es diesmal genauso – meine Episode scheint zu enden, alles andere wird sich zeigen.

88 – Tatendrang

Heute bin ich rastlos. Normale Sonntage bestehen bei mir zu 90% aus geplantem Nichtstun, nur unterbrochen von einer Runde Sport und Bügeln für die kommende Woche.
Gebügelt habe ich heute schon, Sport steht noch aus. Wir waren gestern den ganzen Tag unterwegs (ein schöner Ausflug), und ich weiß, wenn ich heute nicht ein bisschem rumgammel, hängt mir das die ganze Woche nach.
Ein Teil von mir will aber heute (unnötigerweise) das Bad putzen, aufräumen, das lang geplante Vogelhäuschen bauen und hundert andere Dinge machen, die ich mir noch ausdenken müsste. Und warum? Weil ich nicht nachdenken will. Über die Katastrophe, die gerade wieder präsenter ist und mich gestern schon beschäftigt hat, über die anstehende schwierige Therastunde diese Woche, über meine Mutter.

Kein Alkohol ist auch keine Lösung

Gesternabend, nach genügend Alkohol, habe ich das Foto und ein Outing über meine Depression in die Familien-WhatsApp-Gruppe geschmissen. Ich schrieb, dass ich mich seit 15 Jahren fühle, als würde ich eine Maske tragen, und das nun nicht mehr wolle. Ich bereue es nicht, ich hatte es seit einigen Tagen vor, nur traute ich mich nicht.
Über das Medium lässt sich streiten, aber meine gesamte Familie lebt fast 800km entfernt, da ist alles andere schwierig.
Nun, mein Schwager (der es zumindest in groben Zügen bereits wusste) schickte als Reaktion ein Herzchen. Meine Tante ebenfalls, mitsamt einer Umarmung. Beides finde ich sehr lieb und die einzig wünschenswerte Reaktion. Meine Mama (die es weiß) fragte mich per WhatsApp außerhalb der Gruppe, was passiert sei, dass ich es gepostet hätte.
Irgendetwas an dieser Reaktion bringt mich zur Weißglut. Ich möchte antworten, dass der Grund dort steht: keine Maske mehr. Nenn es Weiterentwicklung, Offensivität, wie auch immer. Aber frag nicht so blöde Fragen, sondern sei einfach stolz auf mich, weil ich endlich ein Stück mehr zu mir stehe!

Genau darüber möchte ich heute nicht nachdenken. Ich geh sporteln.

87

Sie war einfach aufgewacht. Hatte die Augen geöffnet und die Farben gesehen. Viele Farben, millionen! Alles war bunt und warm und leicht. Fasziniert, mit staunenden Augen, hatte sie sich erhoben und die fremde Welt erkundet, vorsichtig tapsend die ersten Schritte gewagt.
Der erste Tag hatte sie berauscht und mit so vielen neuen Eindrücken überflutet, dass ihr ganz schwindlig wurde. Ihre überreizten Gedanken gehorchten ihr kaum, sie sprangen wie ein Flummi umher. Doch die kommenden Tage beruhigte sich ihr Kopf und die ungerichtete Energie fand den Weg in ihren ganzen Körper. Sie wurde durchströmt von Tatendrang und fühlte sich … glücklich? So genau konnte sie das neue Gefühl garnicht einordnen, sie wusste nur, dass es gerne auf ewig so bleiben könnte.
Doch wenn sie ihren Gedanken den Blick zurück gewährte, und kurz die Augen schloß, erinnerte sie sich an das Leben im Dunkel. Dort, wo Tonnen von Gestein auf ihrem Kopf und ihrem Körper lagen und selbst ihre Gedanken kaum Platz hatten. Sie mussten sich als dichtes Knäuel immerwährender Schleifen zusammendrängen, gefangen im Schraubstock der massiven Felsen.

Ein Blinzeln, und die Erinnerung wurde wieder zu etwas, was sie hinter sich lassen wollte. Sie würde diese neue Welt entdecken, sich unbeschwert und leicht fühlen. Für immer. Das war ihr Wunsch.

Das Kopfweh kam schleichend. Die Anspannung, die fehlende Achtsamkeit. Und dann, von einem Tag auf den anderen, war es nicht mehr leicht, nicht mehr selbstverständlich, die Augen geöffnet und die Gedanken frei zu halten. Da begriff sie, dass es kein böser Traum, keine alte Erinnerung war, sondern ein Teil ihres Selbst. Was immer geschehen war, dass es sich für eine Woche nach Leben anfühlte, es war fragil. Es bedeutete Arbeit und Kraftanstrengung, ohne dass sie genau wusste, wo sie es festhalten konnte. Sie hoffte nur, dass sie es irgendwie schaffte, bevor sie wieder verschüttet wurde.