Innerhalb

Ich will ihn anschreien. Ihn schütteln, schubsen und all das vorwerfen, was er verbockt hat. Ihm die Unterschrift, die die große Lüge erst möglich gemacht, ja legitimiert hat, vor die Füße kotzen. Will all die Wut, die plötzlich wieder da ist, an ihm auslassen, gemein und verletzend sein, ihn hassen. Sagen, dass ich ihn nicht ertrage, eine Pause brauche, und gehen. Irgendwohin, nur weg, raus. Dass er sein als PTBS getarntes Selbstmitleid für sich behalten und es wie ein Mann ertragen soll.
Du. Hast. Es. VERBOCKT! Und es ist nicht nur monetär, sondern auch mental schlichtweg arschteuer. DEINE SCHULD!!! Und ein Problem, was ich ohne dich NIE gehabt hätte!

Aber ich tue es nicht.
Nicht, weil es aufgrund des Konstrukts einer Ehe so sein sollte.
Weil ich genauso gehandelt hätte.
Weil ich ihn verstehen kann.
Weil ich ihn liebe.

Inkohärent

Mein Kopf summt. Ich habe länger geschlafen als sonst, und es fällt wohl unter zu lang, was mitunter genauso doof ist wie zu kurz. Vorteil aber wird sein, dass zwischen Kaffeefrühstück und Sport – Körper verdreht die Augen bei dem Gedanken und verweist auf ein mehr als unangenehmes Erschöpfungsgefühl, welches ich aber ignoriere – etwas weniger Zeit liegt als sonst und ich es vielleicht schaffe, ohne knurrenden Magen zu trainieren, bevor es dann später das richtige Frühstück gibt.

Gesternabend betrachtete ich mich länger und etwas intensiver als sonst im Badspiegel. Und fand beim genaueren Hinsehen einen Haufen grauer Haare. Bisher waren die so rar gesäht, dass Schatz sie mir – weil sie ihm eher aufgefallen sind als mir – ausgezupft hat. Etwas, das bisher auch in Summe nur in einstelligen Anzahl vorkam. Jetzt aber sind es viele. Es stört mich nicht im Sinne der Ästhetik, ich finds eher cool. Aber es korreliert nicht mit meinem Selbstbild, weil die 36 Jahre, die in meinem Ausweis stehen, sehr viel Ähnlichkeit mit dem Juli im Kalender 2020 haben – beides ist mental noch nicht angekommen, es ist März (vielleicht Anfang April) und ich hänge irgendwo in den eher frühen 20ern.

Luft

Der zweifelhafte Dunst der Esskastanie, unter der ich sitze, umweht mich, während ich hier im Garten sitze und darauf warte, dass es endlich Zeit ist, das Gemüse für unsere Grillpfanne heuteabend abzuwiegen und zu schnippeln. Ironischerweise hasse ich Hunger fast noch mehr, als dass ich ihn liebe.

Zeit für eine weitere Bestandsaufnahme.
Ich war am Freitag zum dritten Mal im Fitnessstudio und fühle mich jedes Mal unfassbar beobachtet. Während Rosa sich im Spiegel kaum sattsehen kann und sich bewundert fühlt, laufe ich mit hochgezogenen Schultern von Gerät zu Gerät, auf dass mich ja niemand anspricht oder gar zum Wiegen zitiert, um mich anschließend rauszuschmeißen und auf unbestimmte Zeit zu sperren.
Meine am Rücken herausstehenden Hüftknochen schmerzen seit einiger Zeit latent, was Rosa jedoch nicht davon abhält, sie immer wieder abzutasten, ob sie auch wirklich noch da sind. Mein nicht vorhandener Arsch ist jedenfalls noch da, sagt er, als er merkt, dass zwei Stuhlkissen auf dem Gartenstuhl eindeutig 5 zu wenig sind.
Zum Staubsaugen heute fehlte mir – eigentlich – die Lust, aber neben der expliziten Notwendigkeit sah auch Rosa selbige, der Bewegung wegen. Dass sie mich damit an den Rand meiner körperlichen Leistungsfähigkeit, mindestens jedoch meiner mentalen Willenskraft bringt, findet sie eher begrüßenswert. Ich tröste mich damit, dass immerhin knapp dreistellige Quadratmeter zu Staubsaugen auch eine echte Herausforderung sein kann und bin ansonsten froh, dass mein Hirn weiterführende Gedanken schon länger und ziemlich umfassend einfach ablehnt und stattdessen lieber schaukelnd in der Hängematte liegt. Am liebsten hat es dabei, wenn ich Youtube laufen lasse (was über Essen wäre toll!) und es bitte nicht mit irgendwelchen kognitiv höchst anspruchsvollen Dingen wie dem Lesen meiner abonnierten Psychozeitschrift dabei unterbreche. Die kommt in letzter Zeit eh viel zu oft, meckert es dann und verweist vorwurfsvoll auf den langsam höher werdenden Stapel un- bzw. angelesener Papierberge, von denen ich maximal die Hälfte des angelesenen verstanden, geschweige denn im Gedächtnis behalten habe. Von den Büchern, die etwas angestaubt gleich daneben liegen, ganz zu Schweigen.

16.55 Uhr. Gleich kann ich reingehen und das Gemüse und den Salat vorbereiten. Und frage mich, worauf ich mich mehr so-etwas-wie-freue. Das Essen, oder dass ich dann bald ins Bett und von Essen träumen kann, ohne dass Rosa ein schlechtes Gewissen haben muss.

Systemrelevanz

Rosa hatte gestern einen fantastischen Tag – stand sie doch die ganze Zeit im Zentrum meiner Aufmerksamkeit und durfte sich auf Instagram ganz besonders austoben. Immerhin billigt sie dafür gerade, dass ich abends noch ungetrackt diverse Beerensträucher im Garten abgrase, da ist das wohl nur fair.

Körper hat heute keine Lust. Die Treppe, die mich im Homeoffice von der Kaffeemaschine und der Toilette trennt, gleicht dem Everest jedes Mal mehr. Sport?! lautet seine nicht unberechtigt sehr zweifelnde Frage, aber er kennt die Antwort. Rosa gibt sie vor.
Aber er mag nicht. Er mag echt nicht. Also trennt Rosa mich von ihm – noch mehr als sonst. Und beinahe treibt sie es zu weit dabei, denn auch wenn das Gefühl irgendwie interessant ist, neigt der Körper deutlich mehr als einmal zur Selbstaufgabe und nutzt mein nicht mehr konzentrationsfähiges Hirn gegen mich.

Ich stehe daneben und betrachte. Beobachte. Mal fasziniert, mal fassungslos, mal kopfschüttelnd. Abwartend. Die Zeit vergessend, die unwiederbringlich zerfließt.