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Ich habe gelesen, dass sich zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr die eigene Identität herausbildet und festigt. Man probiert aus – das Leben, Beziehungen, Grenzen, sich selbst.
Ich habe diese Jahre im Dunkeln verbracht. Ich habe mich nicht ausprobiert, sondern überlebt.

Und jetzt stehe ich hier und weigere mich, das Leben an mich heran und die Depression und SV gehen zu lassen. Weil ich mich mit ihr identifiziere, sie ist mein Leben. Aussprechen würde ich das nie.

Jeden Tag frage ich mich aufs Neue, ob ich noch die Kriterien für F33.8 noch erfülle und gleichzeitig, was ich davon habe, wenn es so ist – oder auch nicht. Ich habe keine Ahnung, wie ich mich davon lösen soll. Das war nie Bestandteil einer der Therapien und ist nichts, über das ich sonst mit irgendjemandem sprechen würde.
Ich suche Beweise und Bestätigung, fülle VDS30- und VDS90-Fragebögen aus, erhalte Grenzwerte und ignoriere zeitgleich, dass ich zu oft an Alkohol denke trinke, nicht Essen nach wie vor ein Thema ist und mein Gehirn nicht immer das macht, was es soll.

Das schwarze Loch in meinem Innern verschluckt mich immer wieder aufs Neue. Manchmal lässt es mich raus – zum Spaß, scheinbar, weil es das erneute Verschlucken lustig findet, und dabei genüsslich auf mir rumkaut. Ich nicht so – aber wenn ich den Absatz drüber lese, stehe ich wohl doch drauf.

Ich sollte darüber nachdenken, weiter irgendeine Therapie zu machen.

Hm

°Triggerwarnung°
Ich fühle mich entschleunigt, auch wenn ich das Wort nicht mag. Die weitgehende Planlosigkeit dieses Urlaubs tut mir gut.
Dennoch rumort irgendetwas in mir. Ungedachte Gedanken, unausgesprochene Worte, unbefriedigte Bedürfnisse. Äußern tut sich das ganze in subtilem Kopfweh, einem vor unbewusster Anspannung schmerzenden Kiefer und steigendem Selbstverletzungsdruck – letzteres ein für mich gerade nicht einmal negativ besetztes Gefühl, eher ein Sehnen danach.

Mein Kopf fühlt sich unsortiert an. Tagsüber komme ich nicht zum Denken, dabei hätte ich Zeit genug, aber es will irgendwie nicht. Abends im Bett fängt es dann an, von selbst loszulaufen, wo ich es so gut ich kann unterbinde. Irgendwas ist da, aber es kommt nicht an die Oberfläche. Es lässt sich nicht denken, versteckt sich, entzieht sich meinem Zugriff. Schneiden würde helfen, denkt ein Teil von mir – weil es das bisher immer getan hat. Als würde ein Schalter umgelegt, kann ich danach Dinge anders sehen, anders denken als vorher.

Da ist es also wieder. Das Problem, dass ich Skills und Strategien kenne, es nicht zu tun. Aber das, was tiefer liegt, erreiche ich dadurch nicht.

Stress? Dagegen gibts doch ne Pille!

Den Eindruck gewinne ich zumindest, wenn ich die derzeitige Fernsehwerbung so sehe. Egal, ob Stress im Beruf, in der Familie oder sonstwo – nimm XY, und du bist wieder leistungsfähig. Und wenn es doch schon zu nem Tinnitus geführt hat, gibts dagegen jetzt auch was.
Und am Ende jedes dieser Werbespots heißt es sinngemäß, “viel los ist immer noch, aber so macht es mir garnichts mehr aus!“.
Hm. Also lieber Tabletten, als etwas am Grundproblem ändern. Super Idee.

Der Vergleich hinkt etwas, aber weil ich schon länger etwas dazu schreiben wollte: ein bisschen erinnert es mich an Verhaltenstherapie. Es ist eigentlich der Grund, warum ich keine Verlängerung beantragt habe – weil es die Ursache nicht oder nur bedingt behebt. Natürlich, ich habe Skills gelernt, bin selbstbewusster geworden durch kleine Aufgaben, die ich gestellt bekam, habe mich selbst mehr beobachtet und kann dadurch Verhaltensmuster ändern, die mich stören. Für viele sicher ein guter Weg, um besser zurecht zu kommen – wie auch in manchen Punkten für mich. Aber letztenendes zielt sie darauf ab, dass ich wieder funktioniere, leistungsfähig bin und in allen Stressvermeidungs- und -abbaustrategien in die Gesellschaft passe. Wenn ich mich durch das Gelernte auch noch wohler und sicherer fühle, umso besser.
Aber ich möchte verstehen, warum gewisser Stress bei mir negativ wirkt und ich in negative Denk- und Verhaltensmuster falle, während mich andere Dinge eher wenig in diese Richtung bringen. Ich möchte verstehen, warum ich die Krise bekomme, wenn ich nur an gewisse Dinge denke. Und ich möchte verstehen, wer ich bin und warum.

Ich möchte verstehen, warum es mir gerade ziemlich/erstaunlich/erschreckend gut geht und es mich so sehr verunsichert. Da war keine Pille. Zumindest weiß ich von keiner.

Setzen, 6!

Als uns die Klassenarbeit vorgesetzt wird, die aus einer Mischung aus Psychologie, Biologie, Chemie, Mathe und Physik besteht, macht mich das genauso wenig stutzig wie die Tatsache, dass neben Klassenkameraden auch Mitarbeiter und Kollegen von mir mit im Raum sitzen.
Wir haben eine Schulstunde Zeit, der Fragenkatalog ist kilometerlang, der Vordruck für die Antworten ist viel zu knapp bemessen. Ich habe nicht gelernt, fällt mir siedend heiß ein, während die anderen fleissig drauflos schreiben. Habe schlichtweg vergessen, dass wir eine Arbeit schreiben oder dass ich noch zur Schule gehe.
Ich hänge immernoch an der ersten Frage, als ich bei anderen sehe, wie sie Frage 13 beantworten und beiläufig chemische Experimente durchgeführen. Mein Bleistift funktioniert nicht richtig, und als ich kurzfristig auf die grün gemusterte Tapete ausweichen muss, weil mir der Platz ausgeht, kann man meine Schrift gar nicht mehr lesen.
Ich bin gestresst, und habe solche Angst davor, zu versagen.

Ich wache auf, weil Schatz aufsteht. Fühle mich wie gerädert, weil ich gestern ewig lang wach lag und nachgedacht habe. Und jetzt dieser Traum, der mich immer noch gestresst fühlen lässt.
Irgendwann schlafe ich tatsächlich wieder ein. Nur, um in weiteren seltsamen Träumen von meinem vorigen Traum zu erzählen und weitere wirre Dinge zu erleben.

Ich wache auf, weil meine Blase findet, dass ich lang genug im Bett war. Ich bin anderer Meinung, vorallem, was die Schlafdauer angeht, aber ich ziehe den Kürzeren.

Kaffee, endlich. Ein gestresstes Gefühl, das mich wahrscheinlich den ganzen Tag begleiten wird. Die Bedeutung des Traums ist, wie die der anderen, nicht schwer zu erraten. Wirklich nachdenken mag ich darüber aber nicht. Mach ich dann heutabend. Wenn ich im Bett liege und schlafen will.

F wie …

Ich tue es schon wieder. Mich in Diagnosen verlieren, ICD-F-Diagnoseschlüssel aus meiner Patientenakte vom Hausarzt googeln, mich darin suchen und fragen, ob ich überhaupt krank bin, weil ich auch heute schon wieder (!) einen eigentlich recht guten Tag habe. Ob es dann noch eine Rechtfertigung für das, was in meinem Kopf passiert, gibt.
Einen guten Tag einfach als solchen hinnehmen? Ging gestern einigermaßen gut, heute eher so mittel bis schlecht.

Für nächste Woche habe ich jetzt einen Termin bei meinem vielleicht neuen Hausarzt Herr Dr. Ganzheitlich gemacht, gleich mal Vorsorge inkl. Hautkrebs-Screening. Dann weiß er gleich, woran er ist und ich habe mir fest vorgenommen, ihn sehr offensiv zu fragen, ob die Diagnosen ein Problem für ihn sind. Ob ich mit Vorwürfen rechnen muss, wenn es doch mal wieder zu SV kommt, weil ich nicht versprechen kann, dass es nie wieder passiert.

Vertrauensfrage

Ich suche mir einen neuen Hausarzt. Ich habe das lange vor mir hergeschoben, aber für den jetzigen Urlaub habe ich es mir vorgenommen. Nach allem, was mir dort an den Kopf geworfen wurde, mag ich einfach nicht mehr dort hin.

Heutemorgen.
Traumhaftes Wetter, also gehe ich zu Fuß ins Dorf, wo ich einen Friseur-Termin habe. Meine noch-Hausarztpraxis ist gleich nebenan, also gehe ich vorher dort vorbei und bitte um eine Kopie meiner Patientenakte. Die Sprechstundenhilfe blafft mich in bekannter Manier an, ob ich vorher angerufen habe und dass das jetzt am Vormittag mal gar nicht ginge, weil Montag, und was ich denn eigentlich genau wolle und wofür? Ich wiederhole freundlich, aber bestimmt, was ich möchte, dass ich die nicht sofort brauche und gerne nach meinem Friseur-Termin nochmal vorbeischaue, wenn sie Gelegenheit hatte, mit einem der Ärzte zu sprechen. Ich rechne damit, dass ich morgen wiederkommen soll, und mit weiteren blöden Bemerkungen.
Als ich nach einer 3/4 Stunde zurückkomme, erhalte ich wider Erwarten tatsächlich meine fertige Kopie (gar nicht so billig…) und spaziere durch die Wintersonne wieder Heim.

Vorm Öffnen des Umschlags habe ich Schiss. Also gehe ich erstmal die frisch frisierte Frisur zerduschen, stelle eine Maschine Wäsche an, fülle die Miezen, putze das Duschregal. Dann traue ich mich.
Neben viel Kauderwelsch kann ich auch einiges rauslesen und fühle mich darin bestätigt, dass ich mir eine neue Praxis suchen sollte. Immerhin, nach dem gewünschten Telefonat des noch-Hausarztes mit meiner inzwischen-nicht-mehr-Therapeutin ist die Borderline-Diagnose rausgeflogen.

Die neue Praxis, die ich mir im Nachbarort rausgesucht habe, schließt gerade, als ich die Telefonnummer im Netz suche, aber *TrommelwirbelweilLandarzt* sie haben eine Homepage und eine Mailadresse, also schreibe ich hin. Schon eine halbe Stunde später habe ich eine sehr nette Rückmeldung, so dass ich heuteabend, wenn sie wieder Sprechstunde haben, anrufen und einen Termin machen werde.

Nun ist die Frage, möchte ich zu Frau Dr. Schulmedizin oder Herr Dr. Ganzheitlich? Das finde ich gar nicht so leicht zu beantworten. Ich hätte lieber einen Arzt, ohne dass ich sagen könnte, woher die Präferenz für einen Mann kommt – auch für die Therapie(n) hätte ich eigentlich lieber Männer gehabt. Aber an Homöopathie glaube ich etwa so sehr wie an den Mondkalender, nämlich garnicht. Also doch Frau Dr. Schulmedizin? Mal schauen. Schatz fragen, wenn er von der Arbeit zurück ist.

Außerdem mag ich diese Stelle für ein Schulterklopfen in eigener Sache nutzen. Weil ich die Sonne und den Spaziergang genossen habe, beim Doc war, mich von der Sprechstundenhilfe nicht habe verunsichern lassen, Wäsche wasche, das Regal saubergemacht, die Kaffeemaschine entkalkt, gelüftet, beim Tierarzt angerufen und die Mail geschrieben habe. Und was gegessen habe ich auch.

Heute ist ein guter Tag.