Löcher

Geh weg, lass mich in Ruhe, nerv mich nicht, sprich mich bloß nicht an.

Nicht anfassen, nicht angucken, nicht neben mir sitzen, nicht im selben Raum sein.

Heute ertrage ich keine Nähe. Ich will nicht umarmt, geküsst oder berührt werden. Ich will keine Gesellschaft, nichtmal von Miezen, alles hat Potential, mich innerlich zur Weißglut zu bringen.

Ein Sonnenuntergang, der nach Sommerregen duftet, ein Wald, der nach Frühling klingt.

Ein verlorener Samstag, der dunkel beginnt und dunkel endet.

Was mich nicht umbringt, macht mich …

…stärker // …wahnsinnig // …schlaflos // …verzweifelt // …fertig // …hilflos // …krank // …selbstschädigend //

Jemand, der von der Katastrophe weiß, sagte mir, er habe den Eindruck, sie habe mich stärker gemacht.
Ich frage mich, ob es wirklich so ist, oder ob ich nicht vielmehr meine ohnehin schon guten Fähigkeiten, Dinge zu verdrängen, einfach perfektioniert habe, um irgendwie weitermachen zu können. Oder ob mir manche Dinge einfach egaler sind, weil sie relativiert wurden durch all das. Beides, wahrscheinlich, so dass andere es mit Stärke verwechseln, während ich mein Aufrecht-stehen zu einem nicht unerheblichen Teil aus dem Gedanken ziehe, nicht alles überleben zu müssen.

Nach aktuellem Stand der Katastrophe denke ich: wir sind am Arsch. Wir haben nichts getan, können aber genau das nicht beweisen. Die Anderen das Gegenteil auch nicht, aber wir sind am Ende die, die verlieren werden. Ich habe eine Scheißangst. Klar, ich kann sie beiseite schieben und ein einigermaßen funktionales Leben führen, aber ist das Stärke?
Ist es Stärke, wenn ich bei alltäglichen Katastrophen Kleinigkeiten denke, ist doch egal, machen wir’s so und sehen, was passiert?
Ist es Stärke, das Sehnen nach SV zu ignorieren, um für Schatz stark zu wirken?
Ist es Stärke, restriktiv zu Essen, um wenigstens das Gefühl von Kontrolle zu haben?
Ist es Stärke, die eigene Verzweiflung zur Seite tu schieben und einfach weiterzumachen?
Ist es Stärke, die so verdammt intensiven spärlichen Gefühle auszuschalten und stattdessen reizbar, unkonzentriert und orientierungslos zu sein?
Ist es Stärke, sich jeden Abend Alkohol zu wünschen und ihn sich nur aus Angst vor einer Sucht noch oft genug zu verweigern?

Ist es Stärke, stark zu sein – um jeden Preis?

Sonntag, 69. Januar

Die Zeit ist stehengeblieben. Kurz vor der ersten Woche im Februar, als die Katastrophe nicht vorbei war. Erwartet, zwar, aber nicht gehofft. Gehofft war etwas anderes. Seither steht die Zeit.
Ganz oft denke ich zum Beispiel, dass diese oder jene Knospe aber früh dran ist in diesem Jahr – bis ich merke, dass es da draußen schon Mitte März ist, nicht Ende Januar, so wie in meinem Kopf.

Da draußen läuft die natürlich ungetrübt weiter, denn was juckt die Zeit schon meine innere kaputte Uhr. So gehen meine letzten Urlaubstage ins Land, während ich mir wünsche, ich hätte meinem neuen Hausarzt die Ohren vollgeheult, so dass ich vielleicht ein paar Tage Krankschreibung hätte erwirken können. Hab ich nicht. Gewissen sauber, Uhr immernoch kaputt.

Ich fange in Gedanken an, Ausreden Gründe und Begründungen für SV zu finden. Das Sehnen wird stärker, und ein bisschen verstehe ich auch, warum. Weil ich erst die Fenster zugenagelt habe, dann die Tür, und mich nun wundere, warum nichts von dem, was in meinem Kopf passiert, nach außen dringt. Das Brecheisen finde ich nicht, aber ich weiß, wo die Streichhölzer liegen…

Taumeln

Orientierungslos. Das ist es, was ich bin. Mein Ich löst sich in der chaotisch lauten Stille meines Kopfes auf, verschwindet mehr und mehr. Alles verwischt, mein Ich, meine Gedanken, meine (Nicht-)Gefühle. Wird zu durchsichtigem Nebel, der undurchdringlich scheint. Schreit nach Erlösung, Hilfe, Kontur, was auch immer. Brüllend laut, leise wispernd.

Rede, fordere ich mich in meinen endlosen inneren Gesprächen auf, die nie nach außen dringen. Sag was!, schreie ich, in der Hoffnung, Schatz zumindest einen Hinweis geben zu können, wie verloren ich mich fühle. Ich kämpfe mit mir, führe endlose Diskussionen in meinem Kopf, dessen Verbindung nach außen mehr und mehr zu verblassen scheint.

Es fängt zu nieseln an, sage ich.

Lost

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Neuer Hausarzt: check.
Matsch im Kopf: check.

Konzentration ist ein Fremdwort zur Zeit. Genauso, wie Perspektive. Ich warte. Auf was, weiß ich nicht – und es macht mich wahnsinnig. Mein Kopf dreht immer die gleichen Schleifen, aber an die wirklich wichtigen Themen traue ich mich nicht heran, ich mag sie nicht einmal aufschreiben.

Genau genommen mag ich garnicht mehr nachdenken. Es nervt mich so, ich fühle mich gefangen in meinem Kopf, der alles zerdenkt und Strukturen sucht, aber nur Matsch findet. Ich weiß nicht, wo ich stehe und was ich von mir will – nur, dass da irgendetwas ist, was ich nicht greifen kann.

Meine Krankenkasse äußert sich nicht dazu, ob eine tiefenpsychologische Therapie möglich wäre. Sie sagen nur, ich müsste einen Therapeuten suchen, probatorische Sitzungen machen, dann einen Antrag samt Bericht einreichen und abwarten. Ich weiß gerade nicht, ob ich das auf mich nehmen mag.

Ich würde so unendlich gerne die Verantwortung abgeben. Ich weiß, es könnte mir viel schlechter gehen. Es ging mir schon viel schlechter. Aber ich fühle mich so haltlos… Als hätte man die Farbe entfernt, und ich bin hier nirgendwo, verloren und abseits der Zeit…

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An Apple a Day (*)

Arbeitgeberfreundlich, wie ich bin, lege ich meine fette Erkältung natürlich brav in meinen Urlaub – und hoffe ein bisschen, dass mich mein vielleicht-neuer-Hausarzt bei der morgigen Vorsorgeuntersuchung überredet, mich (rückwirkend) krankzuschreiben.
Jahrelang war ich nicht mehr körperlich krank, aber die letzten Monate haben wohl auch in meinem Immunsystem Spuren hinterlassen.

Heute Nachmittag werde ich noch die Befunde aus meiner alten Hausarzt-Praxis abholen und für morgen vor- bzw. aussortieren – den Schmarrn von der damaligen Psychiaterin werde ich wahrscheinlich weglassen.

Ich bin sehr gespannt, wie der Termin werden wird. Ich hoffe wirklich, dass es passt und er mich noch für mindestens eine Woche krankschreibt.

* Keeps the Doctor away heißt es ja. Ironisch, dass ich an 5 von 7 Tagen Äpfel esse. Naja, hat ja lange funktioniert…