Taumeln

Orientierungslos. Das ist es, was ich bin. Mein Ich löst sich in der chaotisch lauten Stille meines Kopfes auf, verschwindet mehr und mehr. Alles verwischt, mein Ich, meine Gedanken, meine (Nicht-)Gefühle. Wird zu durchsichtigem Nebel, der undurchdringlich scheint. Schreit nach Erlösung, Hilfe, Kontur, was auch immer. Brüllend laut, leise wispernd.

Rede, fordere ich mich in meinen endlosen inneren Gesprächen auf, die nie nach außen dringen. Sag was!, schreie ich, in der Hoffnung, Schatz zumindest einen Hinweis geben zu können, wie verloren ich mich fühle. Ich kämpfe mit mir, führe endlose Diskussionen in meinem Kopf, dessen Verbindung nach außen mehr und mehr zu verblassen scheint.

Es fängt zu nieseln an, sage ich.

Lost

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Neuer Hausarzt: check.
Matsch im Kopf: check.

Konzentration ist ein Fremdwort zur Zeit. Genauso, wie Perspektive. Ich warte. Auf was, weiß ich nicht – und es macht mich wahnsinnig. Mein Kopf dreht immer die gleichen Schleifen, aber an die wirklich wichtigen Themen traue ich mich nicht heran, ich mag sie nicht einmal aufschreiben.

Genau genommen mag ich garnicht mehr nachdenken. Es nervt mich so, ich fühle mich gefangen in meinem Kopf, der alles zerdenkt und Strukturen sucht, aber nur Matsch findet. Ich weiß nicht, wo ich stehe und was ich von mir will – nur, dass da irgendetwas ist, was ich nicht greifen kann.

Meine Krankenkasse äußert sich nicht dazu, ob eine tiefenpsychologische Therapie möglich wäre. Sie sagen nur, ich müsste einen Therapeuten suchen, probatorische Sitzungen machen, dann einen Antrag samt Bericht einreichen und abwarten. Ich weiß gerade nicht, ob ich das auf mich nehmen mag.

Ich würde so unendlich gerne die Verantwortung abgeben. Ich weiß, es könnte mir viel schlechter gehen. Es ging mir schon viel schlechter. Aber ich fühle mich so haltlos… Als hätte man die Farbe entfernt, und ich bin hier nirgendwo, verloren und abseits der Zeit…

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An Apple a Day (*)

Arbeitgeberfreundlich, wie ich bin, lege ich meine fette Erkältung natürlich brav in meinen Urlaub – und hoffe ein bisschen, dass mich mein vielleicht-neuer-Hausarzt bei der morgigen Vorsorgeuntersuchung überredet, mich (rückwirkend) krankzuschreiben.
Jahrelang war ich nicht mehr körperlich krank, aber die letzten Monate haben wohl auch in meinem Immunsystem Spuren hinterlassen.

Heute Nachmittag werde ich noch die Befunde aus meiner alten Hausarzt-Praxis abholen und für morgen vor- bzw. aussortieren – den Schmarrn von der damaligen Psychiaterin werde ich wahrscheinlich weglassen.

Ich bin sehr gespannt, wie der Termin werden wird. Ich hoffe wirklich, dass es passt und er mich noch für mindestens eine Woche krankschreibt.

* Keeps the Doctor away heißt es ja. Ironisch, dass ich an 5 von 7 Tagen Äpfel esse. Naja, hat ja lange funktioniert…

°

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Ich habe gelesen, dass sich zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr die eigene Identität herausbildet und festigt. Man probiert aus – das Leben, Beziehungen, Grenzen, sich selbst.
Ich habe diese Jahre im Dunkeln verbracht. Ich habe mich nicht ausprobiert, sondern überlebt.

Und jetzt stehe ich hier und weigere mich, das Leben an mich heran und die Depression und SV gehen zu lassen. Weil ich mich mit ihr identifiziere, sie ist mein Leben. Aussprechen würde ich das nie.

Jeden Tag frage ich mich aufs Neue, ob ich noch die Kriterien für F33.8 noch erfülle und gleichzeitig, was ich davon habe, wenn es so ist – oder auch nicht. Ich habe keine Ahnung, wie ich mich davon lösen soll. Das war nie Bestandteil einer der Therapien und ist nichts, über das ich sonst mit irgendjemandem sprechen würde.
Ich suche Beweise und Bestätigung, fülle VDS30- und VDS90-Fragebögen aus, erhalte Grenzwerte und ignoriere zeitgleich, dass ich zu oft an Alkohol denke trinke, nicht Essen nach wie vor ein Thema ist und mein Gehirn nicht immer das macht, was es soll.

Das schwarze Loch in meinem Innern verschluckt mich immer wieder aufs Neue. Manchmal lässt es mich raus – zum Spaß, scheinbar, weil es das erneute Verschlucken lustig findet, und dabei genüsslich auf mir rumkaut. Ich nicht so – aber wenn ich den Absatz drüber lese, stehe ich wohl doch drauf.

Ich sollte darüber nachdenken, weiter irgendeine Therapie zu machen.

Hm

°Triggerwarnung°
Ich fühle mich entschleunigt, auch wenn ich das Wort nicht mag. Die weitgehende Planlosigkeit dieses Urlaubs tut mir gut.
Dennoch rumort irgendetwas in mir. Ungedachte Gedanken, unausgesprochene Worte, unbefriedigte Bedürfnisse. Äußern tut sich das ganze in subtilem Kopfweh, einem vor unbewusster Anspannung schmerzenden Kiefer und steigendem Selbstverletzungsdruck – letzteres ein für mich gerade nicht einmal negativ besetztes Gefühl, eher ein Sehnen danach.

Mein Kopf fühlt sich unsortiert an. Tagsüber komme ich nicht zum Denken, dabei hätte ich Zeit genug, aber es will irgendwie nicht. Abends im Bett fängt es dann an, von selbst loszulaufen, wo ich es so gut ich kann unterbinde. Irgendwas ist da, aber es kommt nicht an die Oberfläche. Es lässt sich nicht denken, versteckt sich, entzieht sich meinem Zugriff. Schneiden würde helfen, denkt ein Teil von mir – weil es das bisher immer getan hat. Als würde ein Schalter umgelegt, kann ich danach Dinge anders sehen, anders denken als vorher.

Da ist es also wieder. Das Problem, dass ich Skills und Strategien kenne, es nicht zu tun. Aber das, was tiefer liegt, erreiche ich dadurch nicht.

Stress? Dagegen gibts doch ne Pille!

Den Eindruck gewinne ich zumindest, wenn ich die derzeitige Fernsehwerbung so sehe. Egal, ob Stress im Beruf, in der Familie oder sonstwo – nimm XY, und du bist wieder leistungsfähig. Und wenn es doch schon zu nem Tinnitus geführt hat, gibts dagegen jetzt auch was.
Und am Ende jedes dieser Werbespots heißt es sinngemäß, “viel los ist immer noch, aber so macht es mir garnichts mehr aus!“.
Hm. Also lieber Tabletten, als etwas am Grundproblem ändern. Super Idee.

Der Vergleich hinkt etwas, aber weil ich schon länger etwas dazu schreiben wollte: ein bisschen erinnert es mich an Verhaltenstherapie. Es ist eigentlich der Grund, warum ich keine Verlängerung beantragt habe – weil es die Ursache nicht oder nur bedingt behebt. Natürlich, ich habe Skills gelernt, bin selbstbewusster geworden durch kleine Aufgaben, die ich gestellt bekam, habe mich selbst mehr beobachtet und kann dadurch Verhaltensmuster ändern, die mich stören. Für viele sicher ein guter Weg, um besser zurecht zu kommen – wie auch in manchen Punkten für mich. Aber letztenendes zielt sie darauf ab, dass ich wieder funktioniere, leistungsfähig bin und in allen Stressvermeidungs- und -abbaustrategien in die Gesellschaft passe. Wenn ich mich durch das Gelernte auch noch wohler und sicherer fühle, umso besser.
Aber ich möchte verstehen, warum gewisser Stress bei mir negativ wirkt und ich in negative Denk- und Verhaltensmuster falle, während mich andere Dinge eher wenig in diese Richtung bringen. Ich möchte verstehen, warum ich die Krise bekomme, wenn ich nur an gewisse Dinge denke. Und ich möchte verstehen, wer ich bin und warum.

Ich möchte verstehen, warum es mir gerade ziemlich/erstaunlich/erschreckend gut geht und es mich so sehr verunsichert. Da war keine Pille. Zumindest weiß ich von keiner.