Von außen betrachtet

Von außen betrachtet führe ich ein ganz normales Leben. Von außen bekomme ich das oft gesagt. Dass ich einen guten Job mache. Dass ich an einem schönen Ort lebe.
Jetzt, wo ich Urlaub habe, soll ich mich erholen und entspannen. Nichts tun. Es mir gut gehen lassen. Was man halt so macht als normaler Mensch, wenn man Urlaub hat.

Von innen betrachtet bin ich jedes Mal wieder erstaunt, dass ich so ein normales Leben führe, während ich das Gefühl nicht loswerde, eine Maske zu tragen und eine Rolle zu spielen.
Nein, ich liege innerlich nicht am Boden. Ich bin nicht zutiefst verzweifelt. Aber in meinem Urlaub kann ich nicht Nichts tun, weil ich dann nach Innen statt nach Außen blicke, und da gibt es so verflucht viel aufzuräumen. Und ich weiß, wie schnell ich mich in meinem Chaos verlieren kann, und dann doch stolpere.

Schemenhafte Gedanken huschen geisterhaft in meinem sonst leeren Kopf umher. Blitzartige Ideen, die sich in Rauch auflösen, sobald ich sie festhalten will. Nur Schneiden und Trinken haben mehr Kontur, als sie haben sollten.

Du willst hier weg du willst hier raus
Du willst die Zeit zurück
Du atmest ein du atmest aus
Doch nichts verändert sich

Juli – Geile Zeit

Innen würde so gerne ausbrechen. Schreiend losrennen, weg, raus. Ausrasten, zu viel trinken, schneiden, untertauchen, verschwinden. Gerettet werden.

Weil halt

Eigentlich wollte ich diese Woche meinen Blog nicht so inflationär nutzen, wie ich es gefühlt die letzten Tage getan habe. Pläne. Das Universum lacht.

Der erste Seminar- und damit Hoteltag ist um. Viel später, als ich gehofft – und mir vorgenommen – hatte. Zuviel Essen, zu wenig Alkohol.
Ironisch, dass die Kollegin, die etwa 3-mal so viel wiegt wie ich, am Nachmittag, nachdem ich mit leicht schlechtem Gewissen den Rest meines Mittagsjoghurts auf meinem kurzen Zwischenstopp im Zimmer gegessen habe, sagt, sie habe “jetzt mal einen Keks und damit das erste überhaupt an diesem Tag“ gegessen. Und am Abend, als es nach 21 Uhr endlich Abendessen und Nachtisch gibt (normalerweise liege ich um die Zeit schon im Bett) nur ihre halbe Portion und keinen Nachtisch isst, während ich gefühlt eine Million Kalorien in mich reinschaufele (ich hätte halt doch nur den Salat nehmen und mir doofe Kommentare anhören sollen, statt den verdammt leckeren Bratling auf viel zu öligem Gemüse) und anschließend den ersten Süßkram Nachtisch seit der Ausnahme an Silvester fresse.
Und das Training der letzten Zeit führt dazu, dass auch die Weinschorlen und der Ramazotti weit weniger bewirken, als sie es vor einem Jahr getan hätten.

Am Schlimmsten ist aber, dass ich mich nach diesem Gelage nicht so schlecht fühle, wie ich meine, dass ich es gefälligst sollte. Natürlich habe ich nicht gekotzt, weil ich es nicht kann, aber ich habe es nichtmal versucht.

Klar ist jedenfalls, dass ich morgen nicht zum Frühstück gehe und es bei Kaffee belasse. Und Mittag hoffe ich auf ein (Salat-)Buffet und noch mehr Kaffee.

Btw., mir ist klar, dass meine Kollegin wahrscheinlich (m)ein invertiertes und damit ähnlich ungesundes Körper- wie Essproblem hat. Ist beides scheiße.

Routine

Ich finde Routine großartig. Und Beständigkeit. Klingt vielleicht langweilig, aber an der Stelle ist wohl ein kleiner Autist an mir verloren gegangen. Unnötig zu erwähnen, wie ätzend ich es finde, wenn mal etwas anders läuft, als ich es gewohnt bin.
Ich esse unter der Woche immer das Gleiche. Mein Mittagessen, welches ich mir mit in die Firma nehme, habe ich seit 9 Jahren nicht verändert und mein Abendessen variiere ich maximal in einzelnen Zutaten. Und das ganz unabhängig von meinem derzeitigen Essproblem, welches das Ganze nicht leichter macht.
Auch meine Tagesabläufe sind gleichförmig, die Wochenenden meist vorhersehbar. Und ich liebe es.

Gebracht hat mich auf diese Gedanken der Umstand, dass mein Lieblingsbäcker, der noch eine eigene Backstube hat, demnächst unter – mir noch unbekannte – neue Leitung gestellt wird. Keine Kette, hoffentlich. Natürlich wird es dort weiterhin Brot geben. Aber ich fänd es besser, wenn es einfach so bleibt, wie es ist, weil es gut ist, wie es ist.

So wird auch die kommende Woche eine Herausforderung für mich. Von Montagmittag bis Dienstagabend bin ich auf einem Seminar in einem Hotel (und muss dann dort auch Essen), Donnerstag gibt es ein nachmittägliches kleines TeamEvent, Freitag treffe ich mich mit einer Freundin* – nur der Mittwoch wird einigermaßen normal laufen.

Ich hoffe also, dass ich die kommende Woche gut überstehe – wenn es mir so geht wie heute, könnte das sogar klappen, weil es mir erstaunlich gut geht heute. Dann habe ich endlich Urlaub.

* Freundin. Ja, ich bin mal mutig und nenne sie so. Diejenige, die ich beim Klettern kennengelernt und danach schon einmal wieder getroffen habe. Sie hat mich zu sich eingeladen, Kaffee trinken, Karten spielen, Reden. Wäre schön, wenn es Freundschaft wird.

Die Frau im Spiegel

Schatz weiß, was ein Mädchen hören will. Du siehst fertig aus, sagt er, als ich von der Arbeit heimkomme. Und so fühle ich mich auch. Erschöpft. Ich will nur noch aufs Sofa.
Seit Tagen geht es mir so. Vormittags ist es okay, aber mit Beginn meiner Mittagspause habe ich das Gefühl, ich wäre einen Marathon gelaufen. Bergauf. Mit Bleiweste. Dann will ich nur noch Heim, aufs Sofa oder ins Bett, mit Kuscheldecke, und nichts mehr tun müssen.

Manchmal, wenn ich an einem Fenster oder einer Glastür vorüber gehe und mein Spiegelbild aus den Augenwinkeln sehe, denke ich, die ist aber dünn. Aber das bin nicht ich, denn wenn ich mich mit Absicht vor den Spiegel stelle, bin ich vielleicht schlank, aber auch nicht mehr weniger.
Ich bin nicht dünn. Oder doch? Denn da ist diese schmale, aber doch vorhandene Lücke zwischen meinen Oberschenkeln, von der ich bislang überzeugt war, sie sei rein anatomisch niemals möglich, und meine Schulter, die je nach Licht ziemlich knochig ausschaut. Abgesehen von meinen Hosen, die ich größtenteils ausziehen kann, ohne sie zu öffnen – würde ich sie noch tragen (können).

Vielleicht werde ich einfach krank. Grippale Infekte gehen in der Firma rum. Vielleicht habe ich mich angesteckt.

Glaskugeltage

Ich habe Geburtstag, dieser Tage.
Ich habe frei, aber nicht gut geschlafen, wie die letzten Nächte schon. Unruhig, irgendwie. Ich bin lange vorm Wecker wach, der eingeschaltet ist, weil Schatz und ich einen Ausflug geplant haben. Aufstehen, anziehen, Kaffee, losfahren.
Die Sonne scheint, und der Himmel ist so blau, wie er es nur im Winter ist. Dazu ferne hohe Wolken, die im morgendlichen Licht beige und rosa und lila über der schneebedeckten Landschaft schweben.
Nichts davon erreicht mich. Selbst, als ich laut ausspreche, wie schön das aussieht, spüre ich nichts dabei. Mein Geist ist gefangen in einer Glaskugel, so dass meine Gedanken gegen die Wände prallen und durcheinander sind.
Auch unser Ziel – fotografisch mehr als lohnenswert – weckt keine Vorfreude. Natürlich würde ich die Frage, ob ich mich darauf freue, mit Ja beantworten, aber eigentlich ist da nichts. Kein Gefühl.
Als ich die Kamera in die Hände nehme, verschwindet die Glaskugel. Kurz wünsche ich sie zurück, weil es viel zu voll ist, für meinen Geschmack, aber dank der Linse schaffe ich es, bei mir zu bleiben und sogar so etwas wie Spaß daran zu haben.

Sonntagsgedanken

Heute geht es mir etwas besser. Und ich hasse es, das zu schreiben, weil es in meinem Kopf impliziert, dass ich mich die letzten Tage nur angestellt habe. Reingesteigert. Überreagiert.
Dabei ist dieses etwas ein sehr fragiles Gebilde. Ein Wie fühlst du dich kann ich nicht eindeutig beantworten. Etwas besser, trotzdem nicht gut vielleicht.

Ich habe nach wie vor den Gedanken, mich verletzen zu wollen. Ich esse nur einmal am Tag und habe weiter abgenommen nehme weiter ab. Ich antworte nicht auf Nachrichten und gehe nicht ans Telefon, weil ich bei einem weiteren Halt(et) die Ohren steif entweder in Tränen ausbrechen oder losbrüllen würde.
Ich will nicht stark sein und funktionieren müssen. Ich will leiden dürfen, weil ich es tue. (Keine Ahnung, ob jemand versteht, was ich meine – es ist ein sehr abstrakter, kaum erklärbarer Gedanke in meinem Kopf).

Ich weiß, dass die Kontrolle übers Essen (die mir dank fehlendem Appetit nicht wirklich schwer fällt) andere destruktive Verhaltensweisen – vorrangig SV – nur (unzulänglich, btw) ersetzt. Und, so erbärmlich es klingt, auch ein kleines bisschen darauf abzielt, dass andere sehen, dass etwas nicht stimmt. Etwas, das ich mit SV nie bezwecken wollte.