Entrückt

Ein Abend im Restaurant, zu viel Essen, zu wenig Alkohol. Die Bilanz eines Abends, den ich nun allein auf dem Sofa mit einer Flasche selbstgemachtem Likör ausklingen lasse. Viel zu viel Zucker! schreit mein Kopf, der sich noch über das zu viel! an Essen Gedanken macht, während der Alkohol langsam seinen Job erledigt.
Es ist mein fester Vorsatz, mich zu betrinken. Nach einer Woche, in der ich an 5 Werktagen fast 6 Arbeitstage geleistet habe und in der die Anderen es sich nicht haben nehmen lassen, Schatz und mir nochmal zwischen die Rippen zu treten, während wir am Boden liegen und warten, dass die Katastrophe endlich vorbei ist.
Weil es Schatz mehr zusetzt als mir, springt mein Gehirn sofort in den mir schon bekannten Beschützermodus. Eigene Gefühle aus, extrem funktionaler und unterstützender Modus an. Der Zusammenbruch folgt, wenn es Schatz besser geht. Ziemlich Sicher.

Entrückt ist der einzige Begriff, der mir dazu einfällt. Als wäre ich meilenweit von meinen Gefühlen und Bedürfnissen entfernt. Arbeiten, nicht denken. Wohnung aufräumen, nicht denken. Putzen, nicht denken. Trinken, nicht denken.

Irgendwie muss dieses Wochenende vorübergehen. Irgendwie muss die Zeit vorübergehen, bis der Termin am Mittwoch stattfindet. Irgendwie muss ich weitermachen. Irgendwie muss ich versuchen, nicht durchzudrehen.

Irgendwie sollte ich aufhören, mit Vorsatz zu trinken. Aber nicht heute.

Stille Wasser

Ich bin ertrunken. Ein falscher Schritt, an den jede Erinnerung fehlt, und ich fand mich in tiefsten Gewässern wieder. Ich schluckte Wasser und ging unter wie ein Stein. Ich wehrte mich nicht.
Nun beobachte ich meinen Körper, der wie schwerelos durch die Dunkelheit schwebt, immer tiefer in die Kälte. Es ist friedlich, irgendwie – das Wasser umhüllt ihn wie weiche, dämpfende Watte, lässt ihn sanft in die Tiefe sinken.

Ein geradezu romantisches Bild des Lochs, in das ich vor einer Woche gefallen bin, plötzlich und ohne Vorwarnung. Es ist so tief, dass ich das Licht kaum noch sehe. Alles ist unfassbar dumpf, und doch fühle ich mich irgendwie geborgen.
Ich funktioniere, aber ich spiel(t)e ernsthaft mit dem Gedanken, mich krankschreiben zu lassen, was ich bei einem besseren Verhältnis zu meinem Hausarzt sicher auch getan hätte. Meine Maske funktioniert perfekt. Schatz merkt es. Aber am Mittwoch, bei meiner allerletzten Therapiestunde, erzählte ich Frau Thera das Blaue vom Himmel, und sie glaubte mir. “Ich freue mich für Sie, dass es Ihnen so viel besser geht, als zu Beginn!“ Lächeln. Zustimmend nicken.

Wie fühlt es sich eigentlich an, erwachsen zu sein?

Ich fühle mich wie ein unbeholfener Teenager, der nur versucht, in der Welt der Erwachsenen mitzuspielen und hofft, nicht als Kind enttarnt zu werden.
Ich habe ein Haus. Ich habe ein Auto. Ich habe einen Job. Ich habe eigenes Geld und Versicherungen, sogar Weingläser! In wenigen Wochen werde ich 35 (wtf?!) und kann nichts anfangen mit dieser Zahl, die dort steht.
Wie oft bin ich erstaunt, dass ich schon ganz alleine ein Auto lenken darf. Wie oft frage ich mich, warum ich in meinem Job ganz alleine wichtige Entscheidungen treffen und sogar Leute einstellen darf.
Ich träume wahnsinnig oft – mehrmals pro Woche, schätze ich, aber einmal mindestens – dass ich noch zur Schule gehe. Und ich komme zu spät, oder habe (was für ein Klischee) meinen Sportbeutel vergessen.
Und nicht selten, wahrscheinlich ebenfalls wöchentlich, komme ich abends von der Arbeit heim und überlege, welche Hausaufgaben ich noch machen muss – und bin verblüfft, wenn ich merke, dass mir niemand welche aufgegeben hat.

Ich weiß, das biologische Alter sagt nichts über das mentale aus. Und meins ist jung und alt zugleich. Ich liebe animierte Filme, rumalbern, mit Schatz einen imaginären Zoo voller lustiger und niedlicher Tiere zu haben. Zugleich hat mich die Depression und meine Lebensgeschichte mehr über mich selbst gelehrt, als andere je über sich erfahren werden.

Wie kann man mir die Verantwortung für dieses Leben also einfach so überlassen? Niemand da, der sie haben will?

Inkonsistenzen

Der Drang zu Schreiben zerschellt an Gedanken, die mehr ein Gefühlsahnung sind und sich nur schwer bis garnicht in Worte fassen lassen.

Ein Gefühl der Inkonsistenz schwebt in meinem Kopf herum. Weil, so meine ich, meine Stimmung seit einigen Tagen nicht so sehr schlecht ist, aber gleichzeitig jeden morgen diese nicht einzuordnenden Gedanken an SV da sind, jeder Tag lieber auf dem Sofa verbracht werden will und jeden Abend ein Glas Wein – oder mehr – lockt.
Ich verstehe es nicht, und ambivalent wie ich eben bin, will ich es verstehen und etwas dagegen machen und ich will es nicht verstehen und dem Druck – jeglichem – langsam beim Steigen zusehen.

Ein Teil von mir sieht die Erklärung in unterbewussten Vorgängen, die sich meinem Zugriff entziehen. Die Katastrophe, die nicht verarbeitet werden kann, weil sie nicht zu Ende ist, und an die ich jeden bewussten Gedanken beiseite schiebe, um nicht durchzudrehen. Die wenigen Gedanken, die ich zulasse, beschäftigen sich nur mit einer simplen Betrachtung der Geschehnisse, aber nicht mit den Gefühlen, die sie ausgelöst haben und die seither, verschlossen in einer mal mehr, mal weniger dichten Kiste, vor sich hin gären.
(Ein weiterer Teil fragt sich, wann immer ich überhaupt einen Gedanken daran verschwende, wann ich wohl endlich aufhören werde, vor mich hin zu jammern und die Schallplatte, die offensichtlich einen Sprung hat und immer wieder zur selben Stelle springt, wegwerfe.)

Die Zeit lässt, glaube ich, bei allen Umstehenden, die über die Katastrophe bescheid wissen, das sprichwörtliche Gras darüber wachsen. Sie sehen sie noch, wenn sie in unsere Richtung schauen und fragen auch artig nach, was es neues gibt, aber wenn sie den Blick in andere Richtungen schweifen lassen, ist sie nicht mehr präsent. Aber die Erde auf unserem Fleckchen ist verbrannt. Hier wächst kein Gras, und jeden verdammten Tag ist sie präsent. Jeder Tag ist Warten, jeder Tag ist Hoffen, jeder Tag ist es aushalten und so weit wie möglich wegschieben.
Es ist zermürbend. Ja, das ist das richtige Wort, denke ich. Der erste Knall war riesig, laut und staubig, aber seither ist es eher ein Reiben. Ganz langsam, beinahe unauffällig, aber stetig. Es zermürbt die Bruchstücke, die nach dem Knall übrig geblieben sind, immer weiter, in immer winzigere Stücke.

Ich will blutende Schnitte. Etwas reales. Vielleicht ist es das – es sehen wollen. Es spüren wollen.

Hatte ich erwähnt, dass es schneit?

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Mein freier Tag beginnt unsanft mit dem Geräusch des Frontladers, der über das Pflaster auf unserem Hof schrammt und Schnee räumt. Ich habe Kopfschmerzen und wieder einmal ist einer der ersten Gedanken der an Selbstverletzung.
Es ist viel zu früh, noch nichtmal ganz hell draußen. Ich mag nicht aufstehen, tue es aber doch irgendwann, um mich nicht noch tiefer in meinen Gedanken zu verstricken. Über Nacht sind teils 1,20 Meter hohe Schneewehen entstanden, vom Zaun um den Gemüsegarten sieht man nur noch das obere Viertel. Nicht die schlechteste Entscheidung, heute frei zu nehmen.

Alles in mir schreit nach Kaffee (und anderem, aber Kaffee ist gesellschaftsfähiger), und Schatz kommt schon von der ersten Schaufelaktion rein. Macht mich ganz nervös, weil er neben mir, die ich auf der Couch mit Kaffee und Handy wach zu werden versuche, nach draußen zum Vogelhäuschen knippst und dann in der Küche hantiert. Das Geräusch von Geschirr auf Geschirr tut mir in den Ohren weh.

Es ist fast Mittag, als wir nach über 2 Stunden erneuter und diesmal gemeinsamer Schneeschaufelei wieder reinkommen und duschen gehen. So viel Schnee habe ich seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen. Hübsch – wenn man nicht schaufeln muss.
Immerhin, mein Kopfweh ist weg und meine Stimmung ist – etwas – besser. Aber es schneit weiter. Und schneit. Und schneit.

Pause

(Keine) Pausen machen ist eines der Themen bei meiner Therapie (gewesen). Immer wieder falle ich, vor allem Beruflich, in mein angestammtes Muster zurück. Während andere mit keiner anderen Absicht als Ratschen von Büro zu Büro laufen, habe ich schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir auf der Toilette jetzt im Winter noch ein paar Sekunden länger als notwendig warmes Wasser über meine dauernd kalten Hände laufen lasse. Wobei notwendig an dieser Stelle natürlich ein dehnbarer Begriff ist, bei Eishänden.

Meine Motivation in der Arbeit ist derzeit aus Gründen, die ich nur zum Teil verstehe, eher wenig nicht vorhanden. Für morgen habe ich mir spontan heute frei genommen, nicht zuletzt wegen der gemeldeten Schneemengen. Für mich vom Gefühl her trotzdem eher ein Blau machen als Frei haben, obwohl alles mit dem Chef abgestimmt ist.
Als ich Schatz davon erzähle – inklusive wenig Bock auf Arbeit – sagt er, “dann nimm dir doch diese Pause, wenn du sie brauchst“. So hatte ich das noch gar nicht gesehen. Dass es eine Pause ist, die ich brauchen könnte und sich dadurch von selbst rechtfertigt – auch wenn ich sie vor mir garnicht rechtfertigen müssen sollte.

Also mache ich morgen (schneeschaufelnd) Pause. Basta.