Meinungsverschiedenheiten

Ich entscheide mich. Für nichts. Oder doch dagegen? Ich entscheide mich, dass ich mich nicht entscheiden kann. Oder will. Ist ja auch egal.

Ich hasse es. Ich hasse mich. In Bezug auf meine Entscheidungsfähigkeit war ich auf einem wirklich guten Weg – fast, als wäre es der Weg zu mir selbst. Dann kam die Katastrophe, und alles ist anders. Wichtige Entscheidungen zu treffen fällt mir immer schwerer, und vorallem im Berufsleben ist das wenig hilfreich, geschweige denn zielführend.

Ich wirke wie ein Fähnchen im Wind, dabei bin ich der Auffassung, dass ich nicht den Weg des geringsten Widerstands wähle, sondern einfach unterschiedliche Meinungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedlich überzeugend finde – wahrscheinlich bloß ein Trick von meinem Kopf, damit ich nicht herausfinde, dass ich tatsächlich nur ein Fähnchen bin.

Es ist so anstrengend. Ich höre mir die Argumente für A an, und bin zutiefst überzeugt. Mitunter tage- bis wochenlang. Dann höre ich Argumente für Z, und plötzlich kehrt sich meine innere Überzeugung um. Verstehen kann ich sowieso immer beide Seiten, weil ich beide Sichtweisen nachvollziehen kann. Und dann muss ich eine Entscheidung treffen. Und bin überfordert.

Ich hasse es, dass ich so (geworden) bin. Ich will nicht so sein. Ich will mir beide Seiten anhören und dann eindeutig für mich eine Entscheidung treffen können. Und, ganz verrückt, auch noch dazu stehen können, ohne dann wieder rumzueiern.

Gestern war wieder so eine Situation – die Deluxe-Version, sozusagen. Und seither sind SV-Gedanken da, weil ich einfach nicht mehr darüber nachdenken und meinem Kopf beim Meinungs-Hopping zusehen will. Ich will mich in Stücke hacken, der Situation entfliehen, einfach nicht mehr dort auftauchen. Ein Gefühl, welches ebenfalls nicht dazu beiträgt, mich weniger zu hassen.

Nüchtern betrachtet wäre Alkohol toll

„Hast du geschlitzt?“ Ja, genau so sagt er das. Geschlitzt.

Von vorn. Mein Papa ruft an. Seit Wochen habe ich nicht mehr mit ihm gesprochen, weil es mir bis Ostern so scheiße ging, dass ich nicht telefonieren konnte wollte. Das schrieb ich ihm vor einiger Zeit, und wünschte ihm einen schönen Urlaub. Ob ich in Behandlung sei, fragte er. Nein. Viel mehr schrieb weder ich noch er.

Nun also das unausweichliche Telefonat. Zuerst spricht er mit Schatz, während ich zunehmend nervöser werde. Über Gefühle mit Papa reden war noch nie meine Stärke.

Dann schwebt der Hörer vor meinem Gesicht, und ich nehme ihn mit einem inneren Seufzen entgegen.
Ob es mir besser geht, fragt er. Ja, nein, vielleicht, ein bisschen schon, denke ich – es ist kompliziert. „Ja, schon“, ringe ich mir ab, um Worte verlegen. Dann:“Hast du geschlitzt?“ Einen Moment lang kann ich nicht fassen, dass er überhaupt fragt, während ich die Wortwahl gleichzeitig faszinierend und abstoßend finde. Schon, ein bißchen, aber nicht annähernd genug schlimm. „Nein“ sage ich, bevor ich einen Gedanken daran verschwenden kann, ihm die Wahrheit zu sagen.
„Und du hast es auch nicht vor?“ fragt er dann, und im Tonfall schwingt neben Sorge auch Du dummes kleines Mädchen, wenn du es tätest mit. „Nee“ nuschle ich. Doch, und jetzt gerade ganz besonders, weil du mit so einer Frage und so einem Tonfall daherkommst, dass ich dir mir an die Kehle springen und dich anschreien will, dass das so einfach nicht ist, wie dein verbales, belächelndes Kopfschütteln es impliziert. „Ja, dann ist ja gut. Deswegen hatte ich auch gefragt wegen ärztlicher Betreuung und so, man macht sich ja Sorgen… Euer Urlaub war auch schön, habe ich gehört?“ wechselt er das Thema, während ich wieder daran hängen bleibe, dass meine körperliche Unversehrtheit wohl immer das Wichtigste bei Anderen zu sein scheint. Wenn nach Außen alles okay ist, kann es Innen schließlich auch nicht so schlimm sein. So viel zu der Frage von vor einigen Tagen, warum der Satz Stell dich nicht so an! so ausdauernd in meinem Kopf klebt.

Ja, es geht mir besser als vor Ostern. Vielleicht sogar ganz okay. Aber nach dem Telefonat ist da ganz viel Durcheinander. Alkohol half ein bisschen, und wenn ich nicht so Angst vor den Kalorien hätte, würde ich mich jetzt wohl ordentlich betrinken.

Unbunt

Heutemorgen.
Ich sollte wohl eigentlich nicht Auto fahren, weil alles nur automatisch läuft und ich mich alle paar Kilometer frage, wie ich diese nun genau hinter mich gebracht habe, weil mein Kopf ganz woanders ist. Aber sind keine Blaulichter im Rückspiegel, also muss es wohl gut funktioniert haben.

Heutemittag.
Der Tag so: *zwoooosh*
Ich so: *Warte auf mich, keine Zeit!*
Informationen prasseln auf mich ein, eine dringende Aufgabe reiht sich an die Nächste, und Besprechungen wollen auch noch abgehalten werden.
Ich muss pinkeln, aber erst nach einer Ewigkeit fällt mir ein, dass ich einfach mal aufs Klo gehen könnte.

Heutenachmittag.
Mein Kopf streikt, zu viele Infos, gearbeitet habe ich jetzt auch lange genug. Feierabend. Fahren geht nebenher, während ich über den Tag nachdenke und mich relativ unbesiegbar fühle. Zwar bin ich in einer wichtigen Angelegenheit nun der entgegengesetzten Meinung von vor 2 Wochen, aber diese fühlt sich richtig an. Die vor 2 Wochen damals auch, aber das lasse ich außen vor. Grün fragt sich, wer sich eigentlich den ganzen Psychokram ausdenkt und wo genau das Problem liegen soll. Ich frage mich, wann genau Grün aufgetaucht ist.

Jetzt.
Häh? Seltsamer Tag. Ein Hoch auf EgoStates. Und so.

Ich halte den Kopf unter Wasser – dann ist mir der Regen egal

Zocken. Gammeln. Nicht an in 1 1/2 Wochen denken. Wenn die Katastrophe in die nächste Runde geht.
Der Termin hat das Potential, mich in Panik zu versetzen, also versuche ich, nicht daran zu denken. Wenn ich es doch tue, sehe ich mich in Gedanken schreien, um mich schlagen und durchdrehen – wieder einmal. Aber ich habe mich in der Gewalt. Ich halte dem schreienden, um sich schlagenden, durchdrehenden Teil das Messer an die Kehle und zwinge ihn zur Ruhe, weil ich nächste Woche funktionieren muss. Daran führt kein Weg vorbei. Also halte ich das Messer versteckt, aber so, dass der Teil es im Rücken spürt, während wir unseren Verpflichtungen nachgehen.
Weder über den einen, noch über den anderen möglichen Ausgang dieses Termins will ich nachdenken. Beide Varianten haben das Potential, meinen Zusammenbruch zu bewirken den sich ein Teil von mir – der mit dem Messer an der Kehle – wünscht, weil loslassen wirklich verlockend klingt.
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Bestandsaufnahme

Müdigkeit wogt durch meinen Kopf. Draussen zwitschern die Vögel in der Frühsommersonne. Mein Ohrgeräusch zwitschert mit und wird für einen Moment so laut, dass das Vogelzwitschern in den Hintergrund tritt. Mein Kiefer ist verspannt.
Ich betrachte das vergangene Wochenende voller Reden, Wandern, Sonne, Erleben und Geselligkeit und frage mich, ob es mir gut geht. Oder nicht.
Am Wochenende ging es mir gut, denn zum Denken hatte ich keine Zeit. Eindrücke aufsaugen in der Natur und in Gesprächen, unterwegs sein, abends gemeinsam essen und spielen.
Jetzt ist da ein Uff! in meinem Kopf, weil es so viel war und ich zwischendurch keine Zeit hatte, alles zu verarbeiten und zu sortieren. Und natürlich die Frage, die ich mir nach solchen Tagen immer stelle. Die, ob ich mich bloß anstelle.
Dass ich einfach dem Ist etwas Raum geben könnte, auf die Idee komme ich garnicht erst. Oder erst jetzt gerade. Ja, ich bin müde. Ja, mein Ohrgeräusch ist da. Ja, mein Kiefer tut weh, weil ich die Zähne mal wieder aufeinanderpresse, ohne es zu merken. Ja, ich zähle die Tage – ich weiß nur nicht, welche genau.

Overload

„Von dir ist ja garnichts mehr übrig, was ist passiert?“ fragt meine Freundin überrascht, als wir uns zum Wanderwochenende treffen. Oh, danke! Sag mir mehr davon! denke ich, während ich relativierend erzähle, dass die Katastrophe schuld ist und das Thema wechsle.

„Du bist nur noch ein Strich, du hast eine Essstörung!“ sagt mein Mann, nachdem ich nach einer kurzen Abwesenheit ein abbrechendes Gespräch mit Blick auf meine rückkehrende Person zwischen ihm und unseren Freunden bemerke und wir wenig später schlafen gehen. Oh, danke! Erzähl mir mehr davon! denke ich, während ich „Blödsinn!“ sage und das Thema wechsle.

Die Bilanz des langen Wochenendes: 0 Ich-Zeit, ~ 55 km in wunderschöner Natur gewandert, zig Zauneidechsen und 2 Schlangen gesehen, 2 kg zugenommen. -.-

Letzteres versaut mir gerade den Tag, auch wenn ich mich an den Gedanken klammere, dass meine Muskeln nach den vier Tagen ordentlich strapaziert sind und ich gerade erst meine Tage hatte – ein Zustand, in dem ich es seit jeher vermeide, mich zu wiegen. Ich konnte mein Essen eigentlich gut kontrollieren, habe das Frühstück ausgelassen, mir meinen Joghurt mit Apfel immer für unterwegs mitgenommen und habe viele Möhren gegessen. Dann kam Samstagabend, und ich hatte einen gefühlten Fressflash, bei dem ich nach meinem überschaubaren Abendessen noch Plätzchen und Schokolade in mich hinein gestopft habe. Zwei Tage wandern bei andauernder Kalorienunterversorgung waren dann doch zu viel für meine Selbstkontrolle. Und auch wenn ich hoffe weiß, dass ich nicht wirklich davon zugenommen haben kann, fühlt es sich scheiße an. Ich hoffe, dass beim regulären Wiegen am Freitag wieder meine gewohnte Zahl dort steht, oder auch weniger, weil 55 km in vier Tagen für meinen Fitness-Zustand doch recht ordentlich sind.

Mein heutiges Frühstücks-Eis* wird jedenfalls den Hühnern gespendet, nachdem ich in Ermangelung von Joghurt eine zweite Banane verwendet habe und nach 3 Löffeln den Gedanken an den ganzen Zucker nicht mehr ertrage – abgesehen davon, dass es in dieser Mischung schlichtweg nicht schmeckt.

* gefrorene Blaubeeren, eine Banane, Joghurt, etwas Milch, Leinsaat, Rosmarin und Zimt

Und sonst? Habe ich Kopfweh und bin unendlich froh, heute und morgen Ich-Zeit zu haben, auch wenn es ein tolles Wochenende war. Ich bin nicht geeignet für 4 Tage Gesellschaft am Stück – so wenig, dass ich gestern die ganze 6-stündige Fahrt nicht lesen konnte, weil mein Kopf so voll von Eindrücken und Reden war, dass nichts mehr hinein passte.