Vertigo

Schwindel wird allgemein definiert als wahrgenommene Scheinbewegung zwischen sich und der Umwelt.

Wie gehts dir? ist eine ernstgemeinte Frage, die Schatz jeden Tag stellt. Letzte Woche antwortete ich mit unverbindlichem Schulterzucken und dachte “so schlecht, wie schon lang nicht mehr“. Diese Woche antworte ich mit einem unverbindlichen Schulterzucken und sage “ich weiß es nicht“.

Weil ich es wirklich nicht weiß. Ich habe keine Ahnung. Nicht gut. Nicht schlecht. Nichtmal ok. Ich atme. Ich funktioniere. Reicht das?

„ … “

Ich versuche, zu verstehen, warum ich es niemandem sagen kann. Fünf einfache Worte. Es geht mir nicht gut. Nicht Mama. Nicht Schatz.
Nicht reden, weil es ja stimmen könnte. Erst recht nicht reden, weil es ja Einbildung sein könnte.
Lauter einzelne Gedanken, die durch meinen Kopf hüpfen und sich nicht aufschreiben lassen wollen. Funktionieren. Weitermachen. Abwarten und hoffen, dass es in 1 1/2 Wochen anders wird, besser vielleicht. Dass sich dann all meine Probleme in Luft auflösen.

Stille Wasser

Ich bin ertrunken. Ein falscher Schritt, an den jede Erinnerung fehlt, und ich fand mich in tiefsten Gewässern wieder. Ich schluckte Wasser und ging unter wie ein Stein. Ich wehrte mich nicht.
Nun beobachte ich meinen Körper, der wie schwerelos durch die Dunkelheit schwebt, immer tiefer in die Kälte. Es ist friedlich, irgendwie – das Wasser umhüllt ihn wie weiche, dämpfende Watte, lässt ihn sanft in die Tiefe sinken.

Ein geradezu romantisches Bild des Lochs, in das ich vor einer Woche gefallen bin, plötzlich und ohne Vorwarnung. Es ist so tief, dass ich das Licht kaum noch sehe. Alles ist unfassbar dumpf, und doch fühle ich mich irgendwie geborgen.
Ich funktioniere, aber ich spiel(t)e ernsthaft mit dem Gedanken, mich krankschreiben zu lassen, was ich bei einem besseren Verhältnis zu meinem Hausarzt sicher auch getan hätte. Meine Maske funktioniert perfekt. Schatz merkt es. Aber am Mittwoch, bei meiner allerletzten Therapiestunde, erzählte ich Frau Thera das Blaue vom Himmel, und sie glaubte mir. “Ich freue mich für Sie, dass es Ihnen so viel besser geht, als zu Beginn!“ Lächeln. Zustimmend nicken.

Chaos

°Triggerwahrnung°

Rot ist immernoch präsent. Immernoch wütend. Immernoch auf der Suche nach einem Grund, auszurasten.
Ich habe alle Hände voll zu tun, ihr nicht das Steuer zu überlassen. Sie zu beschwichtigen und davon zu überzeugen, dass es nicht sinnvoll ist, die Adern, die sich heute beim Sport so schön an meinen Unterarmen abzeichneten (und die mir zeigen, was Rot mit meinem Körper macht, weil sie das sonst nicht so stark tun), aufzuschneiden und ihnen beim Bluten zuzusehen.

Ich habe das Gefühl, massiv abzurutschen. Die Nacht war kurz und scheiße, und es brauchte zwei Stunden, mich davon zu überzeugen, doch mal aufzustehen. Schwarz ist auch da, und möchte heulen und sich verkriechen.

Ich muss daran denken, dass ich am Mittwoch zum ersten Mal bei einer Depressions-Selbsthilfegruppe war (ich denke, ich werde wieder hingehen) und ein kurzes, aber interessantes Gespräch über meine auslaufende Verhaltenstherapie, die längere, aber doch abgebrochene tiefenpsychologische Therapie, reine Symptombehandlung und tieferes Verständnis innerer Vorgänge hatte.
Mir fehlt gerade jegliche Geduld, mehr von meinen Gedanken dazu zu schreiben (vielleicht ein andernmal). Aber ich erlebe gerade, dass Symptombehandlung zwar sinnvoll ist, damit Rot vorerst nicht zur Klinge greift und Schwarz sich nicht verkriecht, sondern zumindest 10 Minuten Sonne und frische Luft abbekommt, aber das Grundproblem nicht löst, weil ich es nichtmal verstanden habe.

Ich sehe Schemen und meine, ein Muster zu erkennen, aber sicher bin ich mir nicht. Schwarz habe ich seit Wochen eher klein gehalten, ihr Ruhe- und Rückzugsbedürfnis mit zu vielen und zu dicht aufeinanderfolgenden Terminen ignoriert, genau wie die täglichen Gedanken an SV und Alkohol – auch wenn ich letzterem zu oft aber mit zu geringen Mengen nachgebe und nicht nur daran denke. Also kommt jetzt Rot daher, weil sie Schwarz beschützen will und mit ihrer lauten Art eher die Aufmerksamkeit bekommt, die sie haben will.

In meinem Inneren ist gerade so viel los, dass ich mich garnicht näher und tiefergehend damit beschäftigen kann. Mein Plan für heute ist, mich abzulenken und lauter Zeug online anzuschauen, um nicht mit Rot zu streiten, ob sie sich schneiden darf, weil ich weiß, wer am Ende verlieren wird.
Ich habe keine Ahnung, ob ich morgen arbeitsfähig sein will werde, aber auch damit kann ich mich nicht beschäftigen. Irgendetwas kippt in meinem Inneren, und es fühlt sich gefährlich an.

Wut

Plötzlich ist sie da. Plötzlich ist Rot da.
Wir kommen heim, Schatz will noch nach draussen gehen, Nachthimmel aufnehmen. Wir essen noch eine halbe Pomelo zusammen, er geht nebenbei die Sternkarte am Handy durch. Steht auf, weil er etwas vergessen hat, kommt wieder zurück, ich verteile weiter Pomelo, aber er isst so langsam, dass ich auf seiner freien Hand stapeln muss.
Als wir aufgegessen haben und ich mit gewaschenen Händen zurück zum Sofa komme, darauf wartend, dass er endlich rausgeht, sitzt er immernoch da und schaut aufs Handy. Krault die Mieze. Gibt mir mehr Decke, als ich haben will, und GEHT EINFACH NICHT.
Ich weiß nicht, warum es mich wütend macht. Rasend. In Gedanken brülle ich ihn an, er soll mich endlich in Ruhe lassen und rausgehen. Ich sage zu ihm, dass es umso kälter draussen wird, je länger er wartet.
Er spürt, dass etwas nicht stimmt, fragt nach. Ich halte mich tapfer, lasse mir nichts anmerken, und endlich steht er auf. Nur, um in der Küche zu hantieren, und ich möchte meine Tasse nach ihm werfen.
Schließlich geht er runter, und ich atme innerlich auf. Zwei Minuten später höre ich Schritte auf der Treppe – “…nur noch eben schnell…“ höre ich, und bin erleichtert, dass er es sich nicht anders überlegt hat und wieder runtergeht.

Ich will gar nichts tun, wobei er mich stören würde. Und trotzdem hätte ich ihn erwürgen können. Ich verstehe mich nicht, verstehe nicht, was Rot hier plötzlich zu suchen hat. Was sie will, warum sie so verdammt wütend ist. Aber sie tobt. Schreit herum, wirft Sachen. Brüllt, so laut sie kann.

Wie fühlt es sich eigentlich an, erwachsen zu sein?

Ich fühle mich wie ein unbeholfener Teenager, der nur versucht, in der Welt der Erwachsenen mitzuspielen und hofft, nicht als Kind enttarnt zu werden.
Ich habe ein Haus. Ich habe ein Auto. Ich habe einen Job. Ich habe eigenes Geld und Versicherungen, sogar Weingläser! In wenigen Wochen werde ich 35 (wtf?!) und kann nichts anfangen mit dieser Zahl, die dort steht.
Wie oft bin ich erstaunt, dass ich schon ganz alleine ein Auto lenken darf. Wie oft frage ich mich, warum ich in meinem Job ganz alleine wichtige Entscheidungen treffen und sogar Leute einstellen darf.
Ich träume wahnsinnig oft – mehrmals pro Woche, schätze ich, aber einmal mindestens – dass ich noch zur Schule gehe. Und ich komme zu spät, oder habe (was für ein Klischee) meinen Sportbeutel vergessen.
Und nicht selten, wahrscheinlich ebenfalls wöchentlich, komme ich abends von der Arbeit heim und überlege, welche Hausaufgaben ich noch machen muss – und bin verblüfft, wenn ich merke, dass mir niemand welche aufgegeben hat.

Ich weiß, das biologische Alter sagt nichts über das mentale aus. Und meins ist jung und alt zugleich. Ich liebe animierte Filme, rumalbern, mit Schatz einen imaginären Zoo voller lustiger und niedlicher Tiere zu haben. Zugleich hat mich die Depression und meine Lebensgeschichte mehr über mich selbst gelehrt, als andere je über sich erfahren werden.

Wie kann man mir die Verantwortung für dieses Leben also einfach so überlassen? Niemand da, der sie haben will?