Inkonsistenzen

Der Drang zu Schreiben zerschellt an Gedanken, die mehr ein Gefühlsahnung sind und sich nur schwer bis garnicht in Worte fassen lassen.

Ein Gefühl der Inkonsistenz schwebt in meinem Kopf herum. Weil, so meine ich, meine Stimmung seit einigen Tagen nicht so sehr schlecht ist, aber gleichzeitig jeden morgen diese nicht einzuordnenden Gedanken an SV da sind, jeder Tag lieber auf dem Sofa verbracht werden will und jeden Abend ein Glas Wein – oder mehr – lockt.
Ich verstehe es nicht, und ambivalent wie ich eben bin, will ich es verstehen und etwas dagegen machen und ich will es nicht verstehen und dem Druck – jeglichem – langsam beim Steigen zusehen.

Ein Teil von mir sieht die Erklärung in unterbewussten Vorgängen, die sich meinem Zugriff entziehen. Die Katastrophe, die nicht verarbeitet werden kann, weil sie nicht zu Ende ist, und an die ich jeden bewussten Gedanken beiseite schiebe, um nicht durchzudrehen. Die wenigen Gedanken, die ich zulasse, beschäftigen sich nur mit einer simplen Betrachtung der Geschehnisse, aber nicht mit den Gefühlen, die sie ausgelöst haben und die seither, verschlossen in einer mal mehr, mal weniger dichten Kiste, vor sich hin gären.
(Ein weiterer Teil fragt sich, wann immer ich überhaupt einen Gedanken daran verschwende, wann ich wohl endlich aufhören werde, vor mich hin zu jammern und die Schallplatte, die offensichtlich einen Sprung hat und immer wieder zur selben Stelle springt, wegwerfe.)

Die Zeit lässt, glaube ich, bei allen Umstehenden, die über die Katastrophe bescheid wissen, das sprichwörtliche Gras darüber wachsen. Sie sehen sie noch, wenn sie in unsere Richtung schauen und fragen auch artig nach, was es neues gibt, aber wenn sie den Blick in andere Richtungen schweifen lassen, ist sie nicht mehr präsent. Aber die Erde auf unserem Fleckchen ist verbrannt. Hier wächst kein Gras, und jeden verdammten Tag ist sie präsent. Jeder Tag ist Warten, jeder Tag ist Hoffen, jeder Tag ist es aushalten und so weit wie möglich wegschieben.
Es ist zermürbend. Ja, das ist das richtige Wort, denke ich. Der erste Knall war riesig, laut und staubig, aber seither ist es eher ein Reiben. Ganz langsam, beinahe unauffällig, aber stetig. Es zermürbt die Bruchstücke, die nach dem Knall übrig geblieben sind, immer weiter, in immer winzigere Stücke.

Ich will blutende Schnitte. Etwas reales. Vielleicht ist es das – es sehen wollen. Es spüren wollen.

Hatte ich erwähnt, dass es schneit?

img_8596_bea_xs

Mein freier Tag beginnt unsanft mit dem Geräusch des Frontladers, der über das Pflaster auf unserem Hof schrammt und Schnee räumt. Ich habe Kopfschmerzen und wieder einmal ist einer der ersten Gedanken der an Selbstverletzung.
Es ist viel zu früh, noch nichtmal ganz hell draußen. Ich mag nicht aufstehen, tue es aber doch irgendwann, um mich nicht noch tiefer in meinen Gedanken zu verstricken. Über Nacht sind teils 1,20 Meter hohe Schneewehen entstanden, vom Zaun um den Gemüsegarten sieht man nur noch das obere Viertel. Nicht die schlechteste Entscheidung, heute frei zu nehmen.

Alles in mir schreit nach Kaffee (und anderem, aber Kaffee ist gesellschaftsfähiger), und Schatz kommt schon von der ersten Schaufelaktion rein. Macht mich ganz nervös, weil er neben mir, die ich auf der Couch mit Kaffee und Handy wach zu werden versuche, nach draußen zum Vogelhäuschen knippst und dann in der Küche hantiert. Das Geräusch von Geschirr auf Geschirr tut mir in den Ohren weh.

Es ist fast Mittag, als wir nach über 2 Stunden erneuter und diesmal gemeinsamer Schneeschaufelei wieder reinkommen und duschen gehen. So viel Schnee habe ich seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen. Hübsch – wenn man nicht schaufeln muss.
Immerhin, mein Kopfweh ist weg und meine Stimmung ist – etwas – besser. Aber es schneit weiter. Und schneit. Und schneit.

Pause

(Keine) Pausen machen ist eines der Themen bei meiner Therapie (gewesen). Immer wieder falle ich, vor allem Beruflich, in mein angestammtes Muster zurück. Während andere mit keiner anderen Absicht als Ratschen von Büro zu Büro laufen, habe ich schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir auf der Toilette jetzt im Winter noch ein paar Sekunden länger als notwendig warmes Wasser über meine dauernd kalten Hände laufen lasse. Wobei notwendig an dieser Stelle natürlich ein dehnbarer Begriff ist, bei Eishänden.

Meine Motivation in der Arbeit ist derzeit aus Gründen, die ich nur zum Teil verstehe, eher wenig nicht vorhanden. Für morgen habe ich mir spontan heute frei genommen, nicht zuletzt wegen der gemeldeten Schneemengen. Für mich vom Gefühl her trotzdem eher ein Blau machen als Frei haben, obwohl alles mit dem Chef abgestimmt ist.
Als ich Schatz davon erzähle – inklusive wenig Bock auf Arbeit – sagt er, “dann nimm dir doch diese Pause, wenn du sie brauchst“. So hatte ich das noch gar nicht gesehen. Dass es eine Pause ist, die ich brauchen könnte und sich dadurch von selbst rechtfertigt – auch wenn ich sie vor mir garnicht rechtfertigen müssen sollte.

Also mache ich morgen (schneeschaufelnd) Pause. Basta.

Mein roter Faden

Unter einem roten Faden versteht man ein Grundmotiv, einen leitenden Gedanken, einen Weg oder auch eine Richtlinie. „Etwas zieht sich wie ein roter Faden durch etwas“ bedeutet beispielsweise, dass man darin eine durchgehende Struktur oder ein Ziel erkennen kann.

Quelle:Wikipedia

Der rote Faden, der sich durch meinen gerade geschriebenen Entwurf für einen Blogbeitrag zieht, ist nicht erkennbar. Er dreht sich um Rückenschmerzen, einen vielleicht bevorstehenden Hexenschuss, Pflichtbewusstsein und irgendetwas kaputt gegangenes bei der Katastrophe vor über 7 Monaten, was sich nicht reparieren lassen will und dazu führt, dass ich jeden Tag weniger Lust auf meine Arbeit habe. Aber auch um wieder allmorgendliche Gedanken an Selbstverletzung, hypothetische Gefühle, Angst und Hoffnung.

Der rote Faden, der sich durch mein Leben zieht – mein roter Faden – dagegen ist wunderbar erkennbar, weil sich vor über 7 Monaten zusätzlich die Katastrophe dort herumgewickelt hat. Und sie ist jeden einzelnen verf*ckten Tag so präsent, als würde sich der Faden heiß glühend in meinem Gehirn in jede einzelne Windung brennen, tiefer und tiefer.

Das Gras wächst immer höher
und du beißt fast hinein

Enno Bunger

In etwas über einem Monat löst sich – vielleicht, ganz vielleicht, hoffentlich vielleicht, bitte bitte vielleicht – die Katastrophe wieder vom Faden. Dann muss ich schauen, was davon noch übrig ist.

 

So oder so

IMG_5197_bea_xs
Gestern.
Ich wache auf, erinnere mich an anstrengende Träume. Mir fällt ein, dass Silvester ist, denke an meinen Plan, spätestens Mitternacht betrunken zu sein und verspüre den Wunsch, mich zu verletzen.
Ich stehe auf und denke, dass das nicht mein Tag wird. Weine fast, grundlos.
Es stresst mich, dass es am Abend beim Raclette so viel zu Essen geben wird, nehme mir aber vor, sehr kontrolliert fast nur Gemüse zu essen. Wir müssen noch viel vorbereiten, und so stürze ich mich dort hinein und stelle im Laufe des Tages fest, dass der Tag garnicht mehr so schlecht ist. Die Ablenkung tut gut – trotzdem muss ich vorm Fahren einem Impuls folgend meine Rasierklinge zurück in meine Handtasche schmuggeln.
Am Abend fahren wir unsere Wagenladung Zutaten zu Freunden und haben am Ende absurd viel Essen auf dem Tisch der Gartenhütte stehen. Ich esse Gemüse und nur wenig andere Sachen, bis ich angenehm satt bin – und esse weiter, bis ich am Ende Magenschmerzen bekomme. Ich gehe zur Toilette mit dem festen Vorsatz, zu erbrechen, lasse es dann aber doch sein, weil ein Teil von mir es für eine sehr blöde Idee hält.
Eine halbe Stunde später knie ich vor dem Klo und stecke mir den Finger in den Hals – nur, um wieder einmal festzustellen, dass ich nicht kotzen kann. Alles bleibt, wo es ist und ich fühle mich grauenvoll.
Ich hoffe, dass es mir mit meinem selbstgemachten Schnaps mit wirklich viel Alkohol zumindest egaler wird. Vermutlich liegt es an meinem übervollen Magen, dass ich genau nichts vom Alk merke und mich nicht einmal beschwippst fühle.
Als wir um halb 3 ins Bett gehen, fühle ich mich immer noch wie ein Walross.

Heute.
Es ist 8 Uhr, als ich von allein aufwache und mir blutende Arme wünsche. Mein Bauch fühlt sich noch genauso voll an wie in der Nacht und mir ist schlecht.
Ich stehe auf und denke, dass das nicht mein Jahr Tag wird.
Die Morgensonne scheint durch eine Wolkenlücke über den Bergen, Schatz und ich gehen schnell raus und machen ein paar Fotos, bevor die Lichtstimmung sich in Grau verwandelt, weil sich die Lücke schließt. Die Luft ist angenehm.
Vielleicht wird das Jahr der Tag doch okay?


Gestern.
Trotz komischer Träume habe ich ganz ok geschlafen. Wir haben heute noch viel vor, Vorbereitungen für das Essen heuteabend. Kurz nach meinem Frühstückskaffee fange ich an und merke, wie gut mir die Ablenkung tut. Es wird ein angenehmer, irgendwie kurzweiliger Tag und als wir am Abend zu Freunden fahren, habe ich fast so etwas wie gute Laune.
Wir sitzen in gemütlicher Runde zusammen und essen – es schmeckt fantastisch. Ich esse mehr als sonst, aber ich weiß auch, dass es okay ist, weil es ein besonderer Abend ist und ich auch mit einemgefühlten zu viel wahrscheinlich nicht auf meinen eigentlichen Kalorienbedarf komme. Dass ich Magenschmerzen bekomme, finde ich allerdings wirklich ätzend – aber mindestens genauso, dass ich mich hinterher dazu hinreißen lasse, zumindest zu versuchen, es wieder auszukotzen.
Wir verbringen einen lustigen Abend und als wir ins Bett gehen, denke ich, dass es mindestens ein okayer Tag war.

Heute.
Es ist 8 Uhr, als ich von allein aufwache und ganz froh darüber bin, weil ich dann heuteabend wahrscheinlich gut einschlafen kann. Ich stehe auf und bin erstaunt, dass die Sonne durch die Wolken leuchtet – könnte ein guter Tag werden!