51 – Selbst.Bewusstsein.

Ihr Selbstbewusstsein. Ein fragiles Gebilde, eine feine Zeichnung auf noch feinerem Papier. Mühsam dort festgehalten, hatte sie es über die Jahre immer bei sich getragen. Die Zeit und die Beanspruchung waren es, die das Papier hatten durchscheinend und zerknittert werden lassen.

Seit über einem Jahr war sie dabei, es zu glätten und zu konservieren. Sie hatte sogar eine Möglichkeit gefunden, das Papier Stück für Stück zu unterlegen, um es wieder stärker zu machen, und die Zeichnung immer wieder mit Stiften nachgezogen. Es war weder einfach, noch schnell gegangen, aber jetzt merkte sie, wie wichtig all ihr Tun in den vergangenen Monaten gewesen war.

Auch wenn sich zwei der Menschen, von denen sie sich Hilfe und Unterstützung in der schwierigen Situation hatte holen wollen, ihr das Blatt aus den Händen rissen, mit ihren eigenen Stift wilde Spekulationen und Anschuldigungen darauf schrieben, und es vor ihren Augen so fest zerknüllten, dass sie meinte, es krümeln zu sehen, hatte sie den Mut, sich dagegen zu wehren und das Blatt wieder an sich zu nehmen. Sie hatte es heraus getragen, langsam wieder entfaltet und die fremden Bemerkungen entfernt. Zwar konnte man sie noch erahnen, aber sie wusste, dass sie verschwinden würden. Und sie würde diese Stellen noch einmal besonders sorgfältig überkleben, daran wachsen und versuchen, stolz auf sich zu sein.

Sie weigerte sich, dieses feine Gebilde, welches so wichtig für sie war, von anderen zerstören zu lassen. Ein kleiner, aber so wichtiger Schritt, der sie selbst erstaunte. Ein erstes Mal. Ein erstes Mal seit viel zu langer Zeit.

50 – Isolation

Immer, wenn sie aufwachte, befand sie sich in dem gleichen Schwebezustand. In einer kleinen Blase, mit leerem Kopf und umgeben von ihren diffusen Gedanken. Die Welt, das Leben, lief um diese Blase herum, umgab sie, aber ließ sie nicht teilhaben. Ihr war es nur recht. Es interessierte sie nicht, was dort vorging, es war ihr egal. Egal, dass die Sonne schien, egal, dass es dort einfach weiterging.

Eine Explosion hatte ihr zuerst den Boden unter den Füßen weg gerissen, und sie dann in Brand gesetzt. Sie war verglüht, in einer Blase gefangen und dazu verdammt, mit leerem Kopf ihren Gedanken zuzusehen, die ihr beinahe jeden Blick nach draussen versperrten.

Sie verstand nicht, wie das hatte passieren können. Dass Menschen, oder diejenigen, die sich als solche ausgaben, zu so etwas fähig waren. Eine Existenz, und damit mehr als nur ein Leben, einfach zu nehmen und in die Luft zu jagen, ohne Rücksicht und mit einer Erklärung, die aus nichts anderem als Lügen bestand. Und sie wussten es, da war sie sich sicher. Sie wussten, dass sie aufgrund einer Lüge das Streichholz angezündet und den vorbereiteten Sprengstoff damit entzündet hatten.

Und dabei war sie eigentlich nur der Kolateralschaden. Nur ein, vielleicht sogar erhoffter, Nebeneffekt. Ein verglühtes, leeres Etwas, das in einer schwebenden Blase allein mit seinen Gedanken zurückblieb. Handlungsunfähig, unter Schock, leer und verbrannt.

49 – Nightmare

Ich kann zur Zeit nicht viel hier sein. Mache Katastrophen kann man sich nicht ausdenken.

Mein Leben, oder mehr, unser Leben, nämlich meins und das von Schatz, steht in Flammen. Jemand hat uns den Boden unter den Füßen weggerissen und uns, die wir buchstäblich unter Schock in der Luft hingen, in Brand gesetzt.

Wir sind nacheinander zusammengebrochen. Erst Schatz, während ich so stark war, wie ich es selbst nie für Möglich gehalten hätte. Ich war sein Fels und sein Anker. Er hat gerade erst den Blick von Innen wieder nach Außen richten können. Dann hat es heutefrüh mich erwischt. Heulen, nach über einem Jahr heftig verletzt, weiterheulen, Krankenhaus.

Wir sind beide verbrannt, beide schwer verletzt und traumatisiert. Der Schock, der uns am Montag überfiel, lässt nur langsam nach.

Jetzt gerade sehen wir nicht nur die Sonne, sondern spüren sie auch wieder. Wir klammern uns aneinander, wie zwei Ertrinkende, und kämpfen ums überleben.

Findet eure Wut!

Sagte eine liebe Freundin, und sie hat Recht damit. Finden, rauslassen, das ist jetzt wichtig.

48 – Scars & other illusions

Wie im vorigen Beitrag angekündigt, komme ich nicht umhin, etwas über meine SV-Narben zu schreiben.

Warum ich das tue? Aus einem steten Gefühl heraus, gar nicht “verdient“ zu haben, mich überhaupt als jemanden zu betrachten, der über SV oder Depression schreiben darf, weil ich mir das alles nur einbilde bzw. mich nur anstelle und bloß zusammenreißen müsste. Ich hoffe, wenn ich es hier (wie auch schon einige Male in meinem Tagebuch) schreibe, dass ich irgendwann verstehe und annehmen kann, dass es keine Einbildung oder “Anstellerei“ ist.

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47 – Hiking & Hiding

Ich stehe vor einem kleinen Dilemma. Einem Problem, dass ich irgendwie lösen und einer Entscheidung, die ich treffen muss.

Bald bin ich zu einem TeamEvent mit meinem Chef, dessen Chef und allen weiteren Team- und Fachbereichsleitern meiner Abteilung eingeladen, 8 oder 10 Leute ungefähr. Wandern. Jippieh. Eigentlich wandere ich gerne, auch wenn Schatz und ich das dann “Fototour“ nennen. Ich habe gute Schuhe, diverse Hosen und T-Shirts, in denen ich mich wohlfühle und gut laufen kann. Privat, wenn es mir egal ist, dass meine Narben am linken Arm* (und am rechten Bein*, wenn ich mal in kurzer Hose unterwegs bin) zu sehen sind. Am Arm sind es nicht viele, abzählbar an zwei Händen, aber sie sind eindeutig und gut zu sehen. Und da fängt es an: was tun, wenn ich – falls ich – mitgehe? Denn erstaunlicherweise habe ich sogar Lust, mitzugehen – also zumindest Stand heute.

Auf der Arbeit wissen nur zwei Menschen, nämlich mein Chef und sein Chef, dass ich Depressionen habe (verstanden hat es nur der Chefchef). Keine Details, kein weiteres Drumherum, sondern nur, dass es so ist. In der Arbeit trage ich immer lange Ärmel, im Sommer in Form von dünnen Blusen, die niemand hinterfragt.

Wandern gehen kann und will ich aber nicht in einer Bluse, das passt für mich nicht und sähe wahrscheinlich auch noch seltsam aus. Also, was tun…

Es gibt nur zwei Möglichkeiten, mitgehen oder nicht mitgehen. Aber eigentlich möchte ich mit, und mir nicht irgendeine blöde Ausrede einfallen lassen, warum ich nicht kann oder (dann auch am Folgetag, damit es nicht so auffällt) krank machen. Also mitgehen. Aber wie? Langärmlig geht nur, wenn es nicht zu warm ist, aber es ist halt bald Sommer und die Wahrscheinlichkeit eher gering. Ich mag mir weder nen Wolf schwitzen, noch doofe Kommentare anhören. Also kurze Ärmel. Und entweder ein großes Pflaster mit glaubwürdiger Ausrede und der Hoffnung, dass es nicht bei zu viel Hitze vom Schwitzen abgeht, oder “nackt“. Denn genau so würde es sich anfühlen, und ich weiß nicht, ob ich so weit bin (jemals sein werde) und ob ich es aushalten könnte.

Ich weiß es noch nicht. Genug Zeit, um mir in aller Ruhe den Kopf zu zerbrechen, habe ich ja noch.

* Irgendwie kann ich das so nicht stehen lassen. Ich habe sofort, wenn ich so was schreibe, das Bedürfnis, mich zu erklären, weil ich befürchte, jemand anderes könnte mich nicht ernst nehmen. Wahrscheinlich werde ich in den nächsten Tagen einen extra Beitrag dazu schreiben.