48 – Scars & other illusions

Wie im vorigen Beitrag angekündigt, komme ich nicht umhin, etwas über meine SV-Narben zu schreiben.

Warum ich das tue? Aus einem steten Gefühl heraus, gar nicht “verdient“ zu haben, mich überhaupt als jemanden zu betrachten, der über SV oder Depression schreiben darf, weil ich mir das alles nur einbilde bzw. mich nur anstelle und bloß zusammenreißen müsste. Ich hoffe, wenn ich es hier (wie auch schon einige Male in meinem Tagebuch) schreibe, dass ich irgendwann verstehe und annehmen kann, dass es keine Einbildung oder “Anstellerei“ ist.

Prinzipiell finde ich (meine) Narben weder hässlich, noch – in den meisten Fällen zumindest, und bei mir gar nicht – entstellend. Vielleicht, weil ich eine große OP-Narbe aus Kindertagen mit mir herumtrage und nie schlechte Erfahrungen damit gemacht habe. Wahrscheinlich ist das als jemand mit SVV Fluch und Segen zugleich.

Als ich mit 19 anfing, mich zu verletzen, tat ich das so, dass keine Narben zurück blieben. Später ritzte ich – nicht tief, aber tief genug für bleibende Narben. Ich beschränkte mich auf einen bestimmten Bereich an einem Unterschenkel, so dass es heute, viele Jahre nach der letzten Verletzung an der Stelle, eher irgendwie faltig und vielleicht nach einer bösen Schürfung aussieht. Einzelne Ritzer lassen sich nicht mehr ausmachen, so dass wohl kaum jemand, der mich in kurzer Hose sieht, überhaupt etwas sehen, geschweige denn SV als Ursache erkennen würde.

Ich war dann einige Zeit clean (auch, weil die Depression während dieser Zeit weg war), aber als ich mich nach Rückkehr der Depression das erste Mal wieder verletzte, musste ich feststellen, dass die alte Stelle aufgrund der fehlenden Sensibilität und der gewohnten Tiefe der Verletzung (irgendwie klingt es gerade total absurd, so etwas zu schreiben) nicht den gewünschten Effekt brachte.

In dieser zweiten Phase des SV änderte sich auch, dass ich nur sehr selten zu diesem Mittel griff. Ich hatte es schon vorher nicht oft getan, aber nun tat ich es nur alle paar Monate, und immer nur mit einer einzigen Verletzung. Der (vermutete) Grund würde hier den Rahmen sprengen.

Also begann ich, mich am Arm zu verletzen. Auf der Oberseite des Unterarms, um genau zu sein. Heute bereue und bewundere ich die Narben zugleich. Bereuen, weil sie mich im Job zu langen Ärmeln zwingen, und bewundern, weil sie mir zeigen, dass es echt ist, und dass ich auf absurde Art und Weise etwas besonderes bin.

Aber wenn ich nun in kurzen Ärmeln unterwegs bin, sieht man eine Anzahl an Narben, die sich an etwas mehr als zwei Händen abzählen lässt, und ich fühle mich unzulänglich. Nicht, weil ich Narben habe, sondern weil es so wenige sind, die sichtbar sind. Weil ich befürchte, jemand – insbesondere jemand, der selbst betroffen ist – könnte sich ein falsches Urteil über mich bilden und denken, ich wäre bloß Aufmerksamkeitsgeil oder hätte es halt mal ausprobieren wollen.

Dabei sollte es mir egal sein. Meine Narben sind echt, nicht nur die sichtbaren, sondern auch die unsichtbaren. Allein der aufkommende Gedanke an SV sollte mir zeigen, dass es echt ist.

Ich habe mich seit über einem Jahr nicht mehr verletzt. Nichts, worauf ich stolz sein kann, aber stolz sein sollte, weil die Gedanken immer wieder mal in unterschiedlicher Intensität da sind.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s