Ich habe manches gelernt in der Klinik. Aber nicht, wie ich im echten Leben mit dieser allumfassenden fehlenden Sicherheit leben soll, die mir überall entgegenbrüllt.
Ich. Will. Das. Nicht!
Schlagwort: Ungewissheit
Into Darkness
Gut, der Titel ist vielleicht zu dramatisch gewählt, aber er gefällt mir. Denn auch, wenn die Tage okay bis gut sind und ich besonders heute über die Mühelosigkeit staune, mit der ich Sport, Einkaufen, andere Erledigungen und den Haushalt schmeiße – woran vor einigen Wochen nicht einmal zu denken gewesen wäre -, sind es die Abende, an denen sich zeigt, dass ich eben nicht geheilt bin, sondern nur bis zu einem gewissen Grad symptomfrei.
Wenn es Abend wird, sind die Cravings zurück. Nach Alkohol, nach Klingen, nach wie-auch-immer-induziertem Rausch. Der zweifelhafte Vorteil der ES ist, dass Alkohol aufgrund der Kalorien und SV aufgrund des Sports nicht näher in Betracht gezogen werden kann. Bleibt mir also nichts anderes übrig, als über die zugrunde liegenden Bedürfnisse nachzudenken und sie zu verstehen.
Am Montag startet meine Wiedereingliederung. Ich weiß noch nicht, wie ich das finde, aber dass beim näheren drüber Nachdenken auch Alkohol noch einmal an Attraktivität gewinnt. Deutlich.
Mäh
„Hattest du in der letzten Woche denn überhaupt schon einen Tag ohne Kopfschmerzen, Schwindel oder Herzrasen?“ fragt Schatz, als ich (mir) zum wiederholten Male die Frage stelle, ob ich nicht doch trotz Krankschreibung diese Woche schon wieder arbeiten gehen soll.
Jeden Tag schreien Orange und Grün mir ins Gesicht, ich soll mich nicht so anstellen und gefälligst arbeiten gehen, denn ich hab ja nichts. Ich bin schließlich nicht krank oder sowas. Jeden Tag murmle ich gedanklich tausendfach vor mich hin, dass es ok ist, krankgeschrieben zu sein und ich trotzdem das Wetter genießen darf.
„Nein“ antworte ich und finde es so ätzend wie beruhigend, dass er Recht hat. Nur interessiert OrangeGrün das nicht. Sie schreien weiter, während Schwarz hofft und bangt, was nun weiter passiert und mir sicherheitshalber mal SV-Druck und das Verlangen nach Alkohol um die Ohren haut.
Ich halte den Kopf unter Wasser – dann ist mir der Regen egal
Zocken. Gammeln. Nicht an in 1 1/2 Wochen denken. Wenn die Katastrophe in die nächste Runde geht.
Der Termin hat das Potential, mich in Panik zu versetzen, also versuche ich, nicht daran zu denken. Wenn ich es doch tue, sehe ich mich in Gedanken schreien, um mich schlagen und durchdrehen – wieder einmal. Aber ich habe mich in der Gewalt. Ich halte dem schreienden, um sich schlagenden, durchdrehenden Teil das Messer an die Kehle und zwinge ihn zur Ruhe, weil ich nächste Woche funktionieren muss. Daran führt kein Weg vorbei. Also halte ich das Messer versteckt, aber so, dass der Teil es im Rücken spürt, während wir unseren Verpflichtungen nachgehen.
Weder über den einen, noch über den anderen möglichen Ausgang dieses Termins will ich nachdenken. Beide Varianten haben das Potential, meinen Zusammenbruch zu bewirken den sich ein Teil von mir – der mit dem Messer an der Kehle – wünscht, weil loslassen wirklich verlockend klingt.

Was mich nicht umbringt, macht mich …
…stärker // …wahnsinnig // …schlaflos // …verzweifelt // …fertig // …hilflos // …krank // …selbstschädigend //
Jemand, der von der Katastrophe weiß, sagte mir, er habe den Eindruck, sie habe mich stärker gemacht.
Ich frage mich, ob es wirklich so ist, oder ob ich nicht vielmehr meine ohnehin schon guten Fähigkeiten, Dinge zu verdrängen, einfach perfektioniert habe, um irgendwie weitermachen zu können. Oder ob mir manche Dinge einfach egaler sind, weil sie relativiert wurden durch all das. Beides, wahrscheinlich, so dass andere es mit Stärke verwechseln, während ich mein Aufrecht-stehen zu einem nicht unerheblichen Teil aus dem Gedanken ziehe, nicht alles überleben zu müssen.
Nach aktuellem Stand der Katastrophe denke ich: wir sind am Arsch. Wir haben nichts getan, können aber genau das nicht beweisen. Die Anderen das Gegenteil auch nicht, aber wir sind am Ende die, die verlieren werden. Ich habe eine Scheißangst. Klar, ich kann sie beiseite schieben und ein einigermaßen funktionales Leben führen, aber ist das Stärke?
Ist es Stärke, wenn ich bei alltäglichen Katastrophen Kleinigkeiten denke, ist doch egal, machen wir’s so und sehen, was passiert?
Ist es Stärke, das Sehnen nach SV zu ignorieren, um für Schatz stark zu wirken?
Ist es Stärke, restriktiv zu Essen, um wenigstens das Gefühl von Kontrolle zu haben?
Ist es Stärke, die eigene Verzweiflung zur Seite tu schieben und einfach weiterzumachen?
Ist es Stärke, die so verdammt intensiven spärlichen Gefühle auszuschalten und stattdessen reizbar, unkonzentriert und orientierungslos zu sein?
Ist es Stärke, sich jeden Abend Alkohol zu wünschen und ihn sich nur aus Angst vor einer Sucht noch oft genug zu verweigern?
Ist es Stärke, stark zu sein – um jeden Preis?
Hypothetische Gefühle
Im Dezember wird sich entscheiden, ob die Katastrophe, die heute genau 6 Monate her ist, vorbei ist, oder dann erst so richtig los weiter geht.
Die (Un-)Wucht hypothetischer Gefühle
Wenn ich darüber nachdenke, dass es weitergeht, denke ich daran, dass ich dann wütend sein werde. Abgesehen davon, dass ich dank der Befürchtung magischen Denkens eigentlich garnicht darüber nachdenken möchte.
Wenn ich aber darüber nachdenke, dass es vorbei wäre, überrollt mich die Wucht dieser hypothetischen Erleichterung derart, dass ich es nur mit äußerster Mühe schaffe, nich zusammenzubrechen und allen Schmerz der letzten Monate rauszuheulen.
Ich habe vor beidem Angst. Wenn es vorbei wäre, weiß ich nicht, ob ich zusammenklappe. Wenn es weitergeht…geht es weiter, bleibt anstrengend und hart und ungewiss.
Und ich will nicht Hoffen, weil es so anders ausgehen könnte.