Slackline

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Sie stand also wieder auf dem Seil, an dem sie bis vor kurzem nur noch mit wenigen Fingern gehangen hatte, unter ihr der gähnende Abgrund.
Zunächst hatte sie eine Kulisse um sich herum aufbauen lassen. Eine sichere Blase, mit einer grünen weichen Wiese nur wenige Zentimeter unter dem Seil, und schützenden Wänden und einem Dach, so dass die vor dem Außen sicher war. So konnte die das Balancieren ganz neu einüben, denn ein Straucheln und Fallen endete bloß im weichen Gras. Und sie strauchelte und fiel, aber sie stand auf und versuchte es erneut, diesmal erfolgreich. Von Tag zu Tag wurde es leichter auf dem Seil, die Strecken wurden länger, das Straucheln weniger.
Und nach einigen Wochen kam der Punkt, als die Kulissen abgebaut wurden, und auch die Wiese verschwand. Dafür hatte sie sich eine Balancierstange gebastelt, an der sie sich festhalten konnte. Aber unter ihr war nicht mehr der schwarze Abgrund, sie konnte den Boden sehen, ziemlich nah. So nah, dass sie im Notfall mit einem Bein vom Seil herabsteigen und sich stabilisieren konnte. An den Wind, der nach dem Wegfall der Wände nun wieder spürbar war, musste sie sich erst noch gewöhnen. Und auch daran, dass das Seil wieder höher über den Boden stieg, aber dafür hatte sie ihre Stange bei sich, auf die sie ihr ganzes Denken fokussieren konnte. Andere wähnten den freihändigen Tanz auf dem Seil als ihr nahes Ziel, aber sie hing noch viel zu sehr an ihrem Helfer, um das auch nur ein Erwägung zu ziehen. Schritt für Schritt.

Kopf hoch

Ich staune, zu wie viel Selbstmitgefühl ich in der Lage bin. Etwas, von dem ich nicht gedacht hätte, dass ich es könnte, geschweige denn, es gut zu finden. Aber irgendetwas macht die Klinik mit mir. Irgendetwas erzeugt Resonanz in meinem Inneren, und ich wünsche mir wirklich (wirklich!), dass ich, was immer es ist, es mit nach Hause nehmen und weiter kultivieren kann.

Auf Resonanz trafen auch die Worte eines Vortrags über Depression, die ich garnicht so genau wiedergeben kann, aber deren Kernaussage mich seither beschäftigt. Depression ist nicht heilbar – aber wenn ich die Auslöser kenne, kann ich (fast, vielleicht auch ganz) symptomfrei leben. Ich weiß nicht warum, aber dieser Gedanke hilft mir viel mehr als der, dass ich Gesund werden kann. Auch wenn das Ergebnis am Ende das Selbe ist.

Und manchmal nehme ich in Gedanken Schwarz an die Hand, und wir gehen gemeinsam ein Stück. (… ein Satz, der mir beim Schreiben Tränen aufsteigen lässt…)

(die Karte auf dem Foto ist von cityproducts – ggf. unbezahlte und unaufgeforderte Werbung wg. Nennung)

Nachts sind manche Katzen schwarz

Ich habe das Gefühl, meine Depression hat sich abgekapselt. Jetzt könnte man meinen, dass das doch super ist, weil sie mich dann nicht so stört. Aber das Gegenteil ist der Fall. Denn wenn Schwarz sich einrollt und in einer Ecke verkriecht, geht sie nicht mit zur Therapie. Dann sitzt sie es aus und kommt erst wieder raus, wenn ich raus bin – aus der Klinik.
Während OrangeGelb sich fragen, ob ich hier genug tue, genug leiste, um die Zeit hier zu nutzen, sagt Schwarz einfach nichts.
Nur am Abend schlurft sie kurz durchs Bild und erinnert mich daran, dass sie auch noch da wäre, aber tagsüber halt nicht rauskommt, weil die sonnenfarbenen Schwestern den Tag schon schaukeln und Jemand zur Therapie geht. Sie würde gerne einen Hinweis auf mir hinterlassen, aber ich lasse sie nicht, weil ich doch Schwimmen gehen will jeden Tag. Dann wäre ich gerne betrunken, sagt sie, aber auch das geht nicht, weil Alkoholverbot. Also legt sie sich mit mir schlafen, und rollt sich in der Nacht wieder wie eine Katze in der hintersten Ecke meines Kopfes zusammen.
Bis morgenabend, flüstert sie.

Dis-tanz in Worten

Schwarz möchte ganz dringend ein paar Gedanken und Gefühle festgehalten wissen. (Rot auch, und erstaunlicherweise bittet sie ganz lieb darum). Für die Klinik, für die Therapie(n). Noch viel mehr, seit beide gestern in der Katamnese mit meiner ehemaligen Therapeutin vollkommen übergangen wurden von Jemandem, der, wie mir erst vor kurzem bewusst wurde, generell die Therapiestunden für sich beansprucht (hat).
Jemand, der mit erschreckender Distanz zu sämtlichen Gefühlen und Gedanken von SchwarzRot das Ding rockt. Vorzeige-Patient. Der das GefallenWollen so geschickt hinter dem selbstverständlichundhochmotiviertGesundwerdenwollen versteckt, dass es nicht einmal den Therapeuten auffällt. So reflektiert, dass er genau das zurückwirft, was erwartet wird. Und zu solch ignoranter Selbstanalyse fähig, dass SchwarzRot mit allen Gedanken und Gefühlen im Wortsinn aufgelöst werden, und nur der Schatten einer Erinnerung überhaupt Erwähnung findet.
Nach seinem Auftritt lügt Jemand mir mitunter noch tagelang ins Gesicht, während SchwarzRot nur langsam zur alten Form zurückfinden. Und wenn sie zurück sind und nach Gehör verlangen, ist niemand da, der zuhört. Denn, wenn jemand da wäre, wäre Jemand da.

Fragen

Es ist kein Sein. Kein Denken, kein Fühlen. Es ist ein Aushalten und hoffen, dass heute bald vorbei ist und ich meinen Lieblingsmenschen nicht ausversehen zerfetze, weil er mich zu lieben versucht.

Als ich mich für die Klinik entschied, hatte ich erwartet, dass es mir tags darauf Bombe geht und ich mich die nächsten Wochen täglich frage, was ich dort dann eigentlich soll. Aber statt Erwartungen zu erfüllen ist mein Kopf in einer seltsam abwartenden Statik gefangen, die nur noch wenig mit Leben zu tun hat. Es ist ein Reagieren und dreht sich um die reine Funktionserhaltung, hat aber große Ähnlichkeit mit Nichts.