Mein Körper mault, dass er keine Lust hat heute. Auf garnichts. Mir ist das erstmal egal, ich nehme ihn trotzdem mit zum Sport. Notgedrungen macht er mit, auch wenn er mir ab und an Schwindel präsentiert, damit ich ihn und seine Meinung zum Thema auch nicht vergesse.
Ja, gut, ich war nicht so nett zu ihm diese Woche. Noch weniger Kalorien, denn immerhin geh ich ja nur 4 Mal in dieser Woche zum Sport und die Waage dort zeigte ein Plus von 700g, die garantiert nicht, wie die Messung eigentlich eindeutig zeigt, Wasser und damit zyklusbedingt sind (welcher Zyklus?!), und gestern 11km Fototour die nicht bei den 4 Mal Sport eingerechnet sind. Da wär ich auch motzig. Noch dazu, wenn ich dauernd frieren würde und ich auch auf gepolsterten Möbeln teilweise nicht wüsste, wie ich schmerzfrei sitzen oder mich anlehnen soll.
Dafür sitzen wir aber jetzt zusammen auf dem Sofa, ich habe ihm Wollsocken und eine Sweatjacke angezogen und für nachher einen Tee versprochen. Vielleicht sogar einen zweiten mit Kokosmilch, mal gucken. Den Rest des Tages werden wir hier so rumgammeln, und dann gehts erst am Dienstag wieder zum Sport. Wenn das nicht nett ist…
Schlagwort: Selbstfürsorge
Über

Die erste Woche Alltag liegt hinter mir und neben dem Gefühl, mit meiner Überforderung überfordert zu sein, stellt sich auch die unerwartete Erkenntnis ein, dass eine 4-Tage-Woche nicht einfach nur nett gegenüber einer prä-Klinik-5-tägigen ist, sondern 3 Tage Wochenende (gerade?) einfach (noch?) notwendig sind. Und beides fühlt sich garnicht so schön an, erst recht nicht an einem grauen Novembertag, auch wenn sich dieser gerade von seiner gemütlichen Seite mit warmem Tee, einer Decke und einem Sofa zeigt.
Für die Überforderung mit der Überforderung fällt mir keine schicke Umschreibung oder ein Kunstwort ein, leider. Die Anforderungen in der Arbeit sind hoch, und in 4 Tagen mit einem immer noch anhaltenden Informationsdefizit nur schwer bis garnicht zu schaffen. Mein Ich-leiste-also-bin-ich-Teil hält natürlich nichts vom Delegieren, also rudere ich alleine, obwohl Angebote im Raum schweben, dass andere etwas übernehmen würden. Ja, auch ich sehe den Fehler. *PunktaufderbessermachenListe*
Wahrscheinlich resultiert genau aus diesem Umstand der, dass ein langes Wochenende echt nötig ist gerade, um wieder runterzufahren.
Und ganz nebenbei ist da ja auch noch die ES, der es ganzhervorragend geht und die einen Großteil meiner Gedankenkapazitäten einnimmt, wenn diese gerade mal nicht mir der Arbeit ausgelastet sind. So haben wir fast 24 Stunden mit der Diskussion verbracht, ob ich an meinem sportfreien Samstag doch ins Studio fahre, weil ich gestern nicht wie freitags üblich dort auf der Waage war um zu sehen, dass ich auch nicht nur gefühlt weiter abgenommen habe und ob ich heute Flammkuchen selber machen und essen darf. Auf beides lautet die Antwort Nein, was ich mal als ganz blauäugig alsTeilsieg verbuche – und dann halt morgen auf die Waage steige.
Sehenden Auges
Es ist mir gänzlich unverständlich, dass ich auf der einen Seite sage – und es auch so meine -, dass ich etwas gegen die ES tun will, und auf der anderen Seite einfach genau so weitermache wie zu zuvor.
Mein Körper beginnt, natürliche weibliche Funktionen einzustellen, und ich bin stolz darauf, während ich gleichzeitig den Kopf über so viel Dummheit schüttle.
Heute lasse ich – wahrscheinlich, sofern ich es aushalte – zum zweiten Mal diese Woche Sport ausfallen. Wobei es eigentlich heißen sollte, dass ich meinen Muskeln und mir heute Regeneration gönne und deshalb einfach nur nicht zum Sport gehe, aber gut. Gestern erschien das sogar wie eine sinnvolle Entscheidung, heute springt der Gedanke pausenlos randalierend gegen die Gitterstäbe. Wie ich meinen Plan, künftig nurnoch 4 Mal in der Woche zum Sport zu gehen, umsetzen und ertragen soll, ist mir ein Rätsel. Hinzu kommt, dass wir uns heuteabend bei Freunden treffen und Pizza bestellen wollen. Eine absolut absurde Vorstellung, die in einem Salat enden und mich trotzdem den ganzen Tag beschäftigen wird.
Verzerrung
°Triggerwarnung°
Zweidimensional betrachtet sehe ich die Auswirkungen der Essstörung und mein rationales Denken, das mehr essen für sinnvoll bis notwendig hält. Darunter liegt eine Subdimension nach der anderen, und jede beginnt mit einem Aber.
In der Zweierdimension sehe ich auf Fotos, wie dünn ich geworden bin. Mein Körperfettanteil schmilzt dahin, mein Gewicht ebenso, mein BMI ist nur 1 kg von der als anorektisch definierten Grenze entfernt. Ich sehe, wie meine letzten Jeans auch zu weit werden, und dass ich jetzt besser nicht körperlich krank werden sollte, weil die Reserven fehlen. Ich sehe, dass ich so bei dem vielen Sport keine Muskeln aufbauen kann, und dass meine Menstruation möglicherweise dieses Mal komplett ausbleibt. Ergo sollte ich meine Energiezufuhr erhöhen, ganz einfach. Gewicht halten als erstes Etappenziel.
Dann kommen die verschlungenen Subdimensionen ins Spiel.
Aber ich finds geil, zum ersten Mal in meinem Leben so dünn zu sein.
Aber mein kleiner Aufmerksamkeitsjunky liebt es, dass meine Mama (und mein Arzt, und die Fitnesstrainer, und mein Papa, und mein Bruder, und …) sich Sorgen macht.
Aber ich habe keine Ahnung, um wie viel ich meine Kalorienzufuhr erhöhen darf ohne wieder Fett zu werden.
Aber ich will meinem Hunger nicht nachgeben.
Aber ich bin noch garnicht dünn genug, um ernsthaft was zu ändern.
Aber ich mag keine Zwischenmahlzeit einbauen.
Aber ich liebe meine Knochen.
Aber ich möchte weiterhin meine Muskeln sehen und ums Verrecken keinen höheren Körperfettanteil.
Aber ich kann noch eine Million weitere Gründe finden, erst morgen (dann aber wirklich – vielleicht) mit mehr Kalorien anzufangen.
Gestern habe ich Schatz erzählt, dass ich es so schwer finde, auch wenn ich nur wenige der Subdimensionen im Gespräch überhaupt angekratzt habe. Ich zeige mich willig, etwas dagegen zu tun und bitte ihn, mit drauf zu schauen. Die ~200 kcal weniger, die ich gestern irgendwie unbeabsichtigt weniger esse als sonst, fallen dabei nicht auf, weil er keinen Plan hat, wo welche Energie drinsteckt und ich ihm meine Tagesübersicht einfach nicht zeigen kann.
Die Subdimensionen haben sich so fest um mein rationales Denken geknotet, dass sie sich nur fester ziehen, wenn ich sie zu entwirren versuche. Und es ist nicht so, dass ich das Entwirren nicht wollen würde. Aber die ES will eben auch. Mehr, vielleicht.
Licht
°Triggerwarnung°
Es geht mir dermaßen gut, dass es wehtut. Nicht mir, aber meiner Depression. Die bekommt nämlich Angst. Und flüstert man soll doch gehen, wenn es am Schönsten ist! Soll ich dir verraten, wo die Klingen sind?
Nein danke, sage ich, nehme sie kurz in den Arm und lächle weiter vor mich hin.
Wirklich, ich bin fasziniert, wie gut es mir geht, und wie leicht es mir fällt, auf mich zu achten vom Essen einmal abgesehen. Wie stark ich für mich bin, wie viel ich von mir selbst vergessen hatte und nun nach und nach wiederfinde. Es ist geradezu beängstigend, aber geil. So kann es bleiben, bitte.
Kleine und große Dinge
Es geht mir gut. Punkt. Kein Komma. Kein aber. Ist so, fühlt sich geil an. Ausrufezeichen!
Ja, tatsächlich hat mir der Klinikaufenthalt, der in ein paar Tagen endet, unglaublich gut getan. Die Symptome meiner Depression haben sich verkrümelt, und es geht mir so gut, wie seit Jahren nicht. Mehr noch, ich kann es sogar sagen: es geht mir gut. Ohne, dass ich mich fühle, als würde ich Schwarz verleugnen oder all das wäre nur eingebildet. Nein, es ist real und Teil meines Weges, und es tat weh und wird es vielleicht auch mal wieder tun, aber jetzt gerade nicht. Ich bin unendlich dankbar dafür.
Ich nehme vieles mit aus der Klinik und hoffe, dass es nicht im Alltag versickert. Die Essstörung nehme ich auch mit, die sich dann doch eher Ironie an gut Ironie aus entwickelt hat – dass ich vielleicht nicht mehr täglich Sport machen kann, muss ich erst noch für mich einsortieren. Wie das Ganze ES-Thema, welches mich gerade (zu?) stark beschäftigt und schon dazu führte, dass ich meiner Therapeutin hier in der Klinik nicht die Wahrheit sagte, als es um meine Gewichtsabnahme ging. Vielleicht hole ich das noch nach. Vielleicht auch nicht.