Kopflos

Gestern und heute ist mein Puls mal nicht auf weniger als 45 gefallen – zumindest wäre es mir nicht aufgefallen. Rosa findet das bedenklich, aber mit den Extrasystolen, die dafür häufiger waren, ist sie dann doch fast zufrieden. Ihr erklärtes Ziel besteht darin, so lange weiter zu machen, bis nichts mehr geht. Krankenhaus, Sonde, wasweißich. So genau verrät sie mir das nicht.
In Ermangelung anderweitiger kurz- wie langfristiger Ziele, abgesehen von der als nächstes anstehenden Sport-, Schlaf- oder Essensroutine, nehme ich es hin. Und wenn ich dabei den Eindruck erwecke, also wolle ich gerade nichts dagegen tun, dann ist er richtig, dieser Eindruck. Denn ich weiß nicht, wofür ich es tun sollte. Oder mit welcher Energie.

Auch Schatz spricht von Therapeutensuche, als ich ihm einen Hauch oberflächlicher Gedanken von mir eröffne. Aber ich habe keine Lust. Weder auf die Suche, noch auf die Warterei oder die wöchentlichen Termine. Wie ich mich fühle, fragt er mich. Ich weiß es nicht, sage ich, und gebe ihm damit die Ehrlichste aller Antworten.

Sog

Aufstehen. Warum eigentlich? Der Sinn erschließt sich mir nicht so recht. Genausowenig, warum ich Montag schon wieder arbeiten muss – habe ich doch nach meinem Urlaub schon zwei Tage, reicht das nicht?

Meine Tageskalorien bewegen sich seit ca. zwei Wochen wieder auf Prä-Ernährungsberatungs-Niveau, dazu fünf Mal die Woche Sport. Findet mein Körper nicht so super, sagt er und erzeugt schon nach dem Aufstehen eine nahezu unüberwindbare gravitative Kraft in Richtung Sofa und allen anderen sich bietenden Sitzgelegenheiten.
Rosa zeigt sich dagegen ziemlich zufrieden, weil nur diese Form der Erschöpfung die Untätigkeit beinahe entschuldbar macht.

Der zwischenzeitliche Gedanke, alles rund um die Essstörung die alle meinen, die ich habe, mal genauer aufzudröseln, zerschellt am Energiedefizit und liegt damit neben allen anderen Aufgaben, die ich heute nicht erledigen kann, auf einem größer werdenen Haufen. Ich sollte die Unterlagen von Frau Ernährungsberaterin dazu legen und ihn einfach anzünden, dann wäre mir wenigstens warm.

Kartenhaus

Das Telefon klingelt. Ich möchte nicht rangehen, aber Schatz ist etwas zu früh aus dem Garten zurück und erwartet genau das von mir, also tue ich es, aber nicht ohne mich zwei Räume und zwei geschlossene Türen weit weg damit zu verkriechen.

Eigentlich kam es mir sehr gelegen, als gestern Frau Ernährungsberaterin schreibt, dass wir den von mir unter Ausreden auf heute verschobenen Termin auch telefonisch abhalten können. Fast zwei Monate haben wir uns nicht gesehen und gesprochen, ich habe getroffene Vereinbarungen nicht eingehalten und mir trotzdem eingeredet, dass ich eigentlich gar nicht so bin.
Letzte Nacht habe ich kaum geschlafen, was nicht nur daran liegt, dass vorgestern mein letzter Urlaubstag war, sondern auch an Rosa, mit der ich stundenlang überlege, was wir Frau Ernährungsberaterin dann heute erzählen. Oder ob wir nochmal Ausreden für eine erneute Verschiebung suchen. Oder gleich sagen, dass wir keinen Bock mehr auf sie haben. So gar keinen.

Als ich mich endlich entscheide, den Termin heute abzusagen, ist es bereits 10 vor. Zu spät. Also entscheide ich, den Anruf einfach ins Leere laufen zu lassen und Schatz irgendwas zu erzählen. Nunja – siehe oben.

Ich nenne ihr mein – verursacht von den wenigen Hormonen, die noch übrig sind und zwar nicht für eine Menstruation, aber immerhin für einen zyklisch schwankenden Körperwassergehalt reichen – Höchstgewicht der letzten Wochen als mein aktuelles und lasse dabei außen vor, dass ich diese Woche einen neuen Tiefststand erreicht habe.
Ich berichte von Zwischenmahlzeiten und erwähne dabei nicht, dass sie nur noch auf dem Papier existieren.
Ich rede von Kalorien- und Portionsgrößen, die sich in Wirklichkeit den Platz mit den Zwischenmahlzeiten teilen.
Ich erzähle vom geschlossenen Fitnessstudio und nicke ins Telefon, als sie mir für wenig bis keinen Sport und leichte Zunahme Zuspruch gibt und verschweige dabei, dass ich mit 5 Mal pro Woche sogar noch öfter und intensiver Sport mache als vorher.

Für nächste Woche vereinbaren wir einen weiteren Termin, weil sie mir noch Unterlagen per Post zuschicken möchte und ich von morgen bis Montag ein Essprotokoll faken führen und per Mail an sie senden soll.

Ich halte Rosa fest an der Hand, und sie mich. Wir Zwei gegen den Rest dieser verrückten, durchgeknallten, kaputten und sinnlosen Welt. Schatz darf an die andere. Aber nur, wenn er Rosa nicht im Weg ist.

Reserve

Im Bett.
Ich möchte bitte endlos weiterschlafen ist mein erster Gedanke, als ich heutemorgen aufwache. Als mir dann auch noch das Virus die Welt wieder einfällt, und dass mein Fitness-Studio geschlossen hat, erst recht. Zwar habe ich das Wochenende bei meinen Eltern halbwegs gut überstanden, aber es hat wohl mehr Reserven gefressen, als ich gestern noch vermutet hatte. Weltschmerz und das Gefühl von Sinnlosigkeit erdrücken mich.
Doch irgendwann stehe ich plötzlich, auch wenn ich mir das nicht so richtig erklären kann. Aber dann kann ich mich auch anziehen und – nach zu vielen Tagen ohne – wieder etwas Routine leben. Immerhin.

In der Garage.
Mein alter Crosstrainer ist eine Zumutung, wenn man das Studioequipment gewohnt ist. Aber hilft ja nix, kein Sport ist auch keine Lösung. Ich versuche, irgendwie die Übungen, die ich sonst so mache, ohne Geräte – dafür mit Hanteln und Isomatte – abzubilden und habe am Ende das Gefühl, trotzdem genau nichts getan zu haben, auch wenn ich meine Arme bitte nie wieder bewegen möchte. Ernsthaft. Nie wieder!
Weil Schatz aber draußen noch Brennholz macht und ich nicht ohne ihn frühstücken will, helfe ich ihm noch für ne Stunde. Super Idee, finden meine Arme und auch der ganze Rest, so ohne jeden Brennstoff. Rosa freut sich.

Unter der Dusche.
Keine Ahnung, wie ich meine Arme zum Haarewaschen so fucking weit anheben soll. Irgendwie gehts dann doch. Und ich schaffe es sogar, nicht noch vor meiner Frühstücksschüssel umzufallen.

Auf der Couch.
Meine Arme fühlen sich immer noch an, als hätte ich Elefanten jongliert. Ich prüfe meine Online-TV-Liste auf anguckbares und vergesse fast, meine Fotos vom Wochenende zu bearbeiten. Meine Arme zittern, als ich die Teetasse anhebe.

Bildungsfern

Konzentration. Ein Fremdwort. Bingewatching und gleichzeitig peripherer Handyexzess. Ich staple die unnützen Informationen in eine Ecke, nur damit ich stapeln kann und nicht denken muss. Oder fühlen. Gut, dass sich letzteres sowieso wie verlernt anfühlt. Ersteres auch. Ersteres aber nicht verlernt, sondern unmöglich, dank Dauerbeschäftigung mit Rosa, Sport, Essen, Nichtessen, Hungerhaben – und dank jeglichem Mangel an anderweitigen Interessen. Wäre zu anstrengend, außerdem.

Drei Wochen Urlaub. Tag 1.

Lippenbekenntnisse

„Am Samstag müsst ihr dann Hungern, weil wir da gibt’s dann ja abends was! “ sagt mein Papa und spielt damit auf den geplanten Restaurantbesuch an, und während Rosa verwirrt schaut, weil sie das eh für selbstverständlich hält, klärt sich für mich in dem Moment die Frage, ob mein Papa auch nur ahnt, dass Rosa auch mitkommt. Wohl eher nicht.

Rosa und ich haben eine Horror-Woche vor uns. Oder stecken schon mittendrin. Gestern Essengehen mit Freunden. Morgen und übermorgen eine berufliche Veranstaltung im Hotel, mit Übernachtung. Freitag bis Montag Besuch bei meiner Familie, die grundsätzlich alle Treffen mit irgendeiner Form von Essen konnotiert. Meine Mama schickt mir seit zwei Tagen Rezeptvorschläge für Sonntag, bei denen Rosa mich nur entgeistert anschaut und ich hilflos mit den Schultern zucke. Das Restaurant, in das wir mit meinem Papa gehen, hat keine Speisekarte online. Sport wird außerdem schwierig in der Woche. Vielleicht schaffe ich nur zwei Mal. Nicht gut.
Und in der Woche drauf Termin bei Frau Ernährungsberaterin. Jäi.

Rosa und ich müssen uns also irgendwie durchwinden. Wenig Kalorien unter ausreichend Essen tarnen, vor der Familie auch noch erzählen, wie toll es wäre, wenn die Essstörung bald Geschichte wäre, während ich Rosa dabei sanft an mich drücke und ihr heimlich versichere, dass das alles nur Lügen sind. Ehrlich. Ich will das alles so, wie es gerade ist. Genau. So. Ich will zerbrechlich sein, und kontrolliert und einsam und schwach und und leicht und besonders, und will es genießen, meinen Körper immer weiter zu treiben. Ich weiß, dass ich es nicht sollte. Aber die Person zu sein, die man sein sollte, daran scheitert jeder. Also bin ich, was ich sein will. Auch, wenn es dumm ist.