Dis-tanz in Worten

Schwarz möchte ganz dringend ein paar Gedanken und Gefühle festgehalten wissen. (Rot auch, und erstaunlicherweise bittet sie ganz lieb darum). Für die Klinik, für die Therapie(n). Noch viel mehr, seit beide gestern in der Katamnese mit meiner ehemaligen Therapeutin vollkommen übergangen wurden von Jemandem, der, wie mir erst vor kurzem bewusst wurde, generell die Therapiestunden für sich beansprucht (hat).
Jemand, der mit erschreckender Distanz zu sämtlichen Gefühlen und Gedanken von SchwarzRot das Ding rockt. Vorzeige-Patient. Der das GefallenWollen so geschickt hinter dem selbstverständlichundhochmotiviertGesundwerdenwollen versteckt, dass es nicht einmal den Therapeuten auffällt. So reflektiert, dass er genau das zurückwirft, was erwartet wird. Und zu solch ignoranter Selbstanalyse fähig, dass SchwarzRot mit allen Gedanken und Gefühlen im Wortsinn aufgelöst werden, und nur der Schatten einer Erinnerung überhaupt Erwähnung findet.
Nach seinem Auftritt lügt Jemand mir mitunter noch tagelang ins Gesicht, während SchwarzRot nur langsam zur alten Form zurückfinden. Und wenn sie zurück sind und nach Gehör verlangen, ist niemand da, der zuhört. Denn, wenn jemand da wäre, wäre Jemand da.

Diffus

Der Cursor blinkt penetrant vor meiner Nase herum, als hätte er nichts besseres zu tun. Aber wenn er so ist wie ich, hat er das vielleicht tatsächlich nicht, einfach, weil ihm nichts besseres einfällt. Also starren wir uns gegenseitig an, ich blinzle, er blinkt. Er gewinnt.

Ich würde so gerne etwas in Worte fassen. Es sortieren, chrolonogisch, thematisch, nach Relevanz. Sätze bilden, eine Zusammenfassung dessen, was mich schlussendlich in die Klinik bringt oder gebracht hat. Aber der penetrant blinkende Cursor hinterlässt langsam Abdrücke, weil es es auf immer derselben Stelle tun muss. Nur, weil ich ihn nicht beschäftigen kann. Wie mich.
Ich kann nichts greifen von dem, was als diffuse Ahnung eines – vielleicht sogar schlauen – Gedankens durch die hintersten Ecken meines Kopfs weht. Es fühlt sich so an, als wären da wichtige Dinge, die festgehalten werden wollen, damit ich die Zeit in der Klinik auch optimal nutzen kann, aber sie entgleiten mir immer wieder. Dabei wäre es mir so wichtig, eine fertig strukturierte Aufstellung meines bisherigen Weges sowie meines nichtDenkens und nichtFühlens mitzubringen, so dass die Therapeuten nur noch sagen müssen, ich solle jetzt bitte Dieses tun, damit es mir anschließend ganz hervorragend geht. Für immer.
Und ja, ich weiß, wie das klingt. Als wäre genau das Teil des Problems.

Nie genug

°Triggerwahrnung°

Meine Mama schreibt.

Hast du schon was von der Klinik gehört?
Nein.
Aber deinen Chef kannst du doch am Montag dann trotzdem vorbereiten, dass das kommt.
Das mag ich erst machen, wenn ich was genaues weiß. Nicht dass die sagen, ich passe nicht ins Konzept, bin nicht krank genug oder hab die falsche Nase…
Ja stimmt.
Und sie wechselt das Thema.

Ich weiß nicht, warum ich es immer wieder versuche. Bestätigung von ihr zu bekommen, dass sie mich versteht, mich ernstnimmt. Mich aufbaut, mir Mut macht und relativiert, was ich schreibe. Schwarz stürzt sich natürlich darauf. Ich bin nicht krank genug!
Seit sie mir das schrieb, will ich mich betrinken und schneiden. Tief. Und ihr Bilder davon schicken und sie anschreien, ob es jetzt vielleicht ausreicht? Ob ich jetzt krank genug bin? Rot hat sich mit Schwarz zusammengetan und beide überfluten mich mit unendlich viel Wut, die nirgends hin kann. In meinem Kopf schmeiße ich sämtliches Geschirr an die Wand und brüllte, bis ich heiser bin. Kopfweh und Schwindel melden sich.
Ich antworte. Auf den Themenwechsel.

Endlich ein Grund zur Panik

Ich hasse es, krankgeschrieben zu sein. Sobald ich das Haus verlasse, sei es zum notwendigen Lebensmittel-Einkaufen, zum nicht-so-lebensnotwendigen Gartencenterbesuch oder, wie vielleicht morgen geplant, zum Berggehn, schiebe ich Panik, jemand aus der Arbeit – der ~100km entfernten Arbeit – könnte mich sehen und dann denken, dass ich zwar so etwas machen kann, aber nicht arbeiten gehe. Oder schlimmer noch, es dort rumerzählen.
Unsichtbar sein wäre toll. Dann hätte ich heute nicht mit dem übermächtigen Wunsch zu verschwinden dort im Gartencenter gestanden und versucht, gegen den immer heftiger werdenden Druck in meiner Brust zu atmen, sondern die Blumen genießen und damit etwas für mich tun können. Aber nö, so überlege ich jetzt, ob Berg morgen wirklich eine so gute Idee ist oder ich den Tag lieber daheim verbringe und mein schlechtes Gewissen halt nur in den Garten trage. Vielleicht ganz in der Früh zum See (und Milliarden Mücken), aber mehr scheint unmöglich.
Ich kann gar nicht anders, als Montag wieder Arbeiten zu gehen. Zwar bereitet mir dieser Beitrag gerade schon wieder Schwindel und leichtes Kopfweh (vom Atmen rede ich mal nicht…), aber ob ich jetzt hier unentspannt und faul rumhänge, oder dann unkonzentriert einen Teil meiner Arbeit meine Arbeit mache, ist dann auch irgendwie egal.

Projekt #mentalhealth

mentalhealth
Ich habe meine #mentalhealth, die ich lieber mit Stabilität denn Gesundheit übersetzen möchte, in meinem Kopf zum Projekt erhoben. Keine Ahnung, warum, aber ich hoffe, dass es so einen anderen Stellenwert einnehmen kann. Ein Projekt klingt netter als ein schnödes es muss sich was ändern.

Einen detaillierten Projektplan gibt es nicht – wird es auch nicht geben. Aber ein paar Punkte finde ich wichtig:
[x] einen Termin bei der Kinesiologin machen
[x] mich um einen Therapeuten kümmern
[ ] zum Therapeuten hingehen
[ ] zum Therapeuten ehrlich sein und Wünsche formulieren, z.B. dass ich mit Vornamen angesprochen werde (wenn auch das „Sie“ so bleibt)
[ ] zu meiner Familie offen und ehrlich sein, z.B. das Alkohol-Thema erwähnen
[ ] mir überlegen, wie ich künftig im beruflichen Umfeld mit dem Thema umgehe
[ ] möglichst jeden Abend mindestens in den Garten gehen
[ ] einmal die Woche etwas früher Feierabend machen
[ ] mir die Arbeit wieder angenehmer gestalten
[ ] Alkohol ist nur noch am Wochenende erlaubt

Das klingt in meinen Augen nicht nur ambitioniert, das ist es auch. Und vielleicht klappt es nicht. Aber vielleicht doch, und wenn es nur für einen schönen Sommer reicht.

Nüchtern betrachtet wäre Alkohol toll

„Hast du geschlitzt?“ Ja, genau so sagt er das. Geschlitzt.

Von vorn. Mein Papa ruft an. Seit Wochen habe ich nicht mehr mit ihm gesprochen, weil es mir bis Ostern so scheiße ging, dass ich nicht telefonieren konnte wollte. Das schrieb ich ihm vor einiger Zeit, und wünschte ihm einen schönen Urlaub. Ob ich in Behandlung sei, fragte er. Nein. Viel mehr schrieb weder ich noch er.

Nun also das unausweichliche Telefonat. Zuerst spricht er mit Schatz, während ich zunehmend nervöser werde. Über Gefühle mit Papa reden war noch nie meine Stärke.

Dann schwebt der Hörer vor meinem Gesicht, und ich nehme ihn mit einem inneren Seufzen entgegen.
Ob es mir besser geht, fragt er. Ja, nein, vielleicht, ein bisschen schon, denke ich – es ist kompliziert. „Ja, schon“, ringe ich mir ab, um Worte verlegen. Dann:“Hast du geschlitzt?“ Einen Moment lang kann ich nicht fassen, dass er überhaupt fragt, während ich die Wortwahl gleichzeitig faszinierend und abstoßend finde. Schon, ein bißchen, aber nicht annähernd genug schlimm. „Nein“ sage ich, bevor ich einen Gedanken daran verschwenden kann, ihm die Wahrheit zu sagen.
„Und du hast es auch nicht vor?“ fragt er dann, und im Tonfall schwingt neben Sorge auch Du dummes kleines Mädchen, wenn du es tätest mit. „Nee“ nuschle ich. Doch, und jetzt gerade ganz besonders, weil du mit so einer Frage und so einem Tonfall daherkommst, dass ich dir mir an die Kehle springen und dich anschreien will, dass das so einfach nicht ist, wie dein verbales, belächelndes Kopfschütteln es impliziert. „Ja, dann ist ja gut. Deswegen hatte ich auch gefragt wegen ärztlicher Betreuung und so, man macht sich ja Sorgen… Euer Urlaub war auch schön, habe ich gehört?“ wechselt er das Thema, während ich wieder daran hängen bleibe, dass meine körperliche Unversehrtheit wohl immer das Wichtigste bei Anderen zu sein scheint. Wenn nach Außen alles okay ist, kann es Innen schließlich auch nicht so schlimm sein. So viel zu der Frage von vor einigen Tagen, warum der Satz Stell dich nicht so an! so ausdauernd in meinem Kopf klebt.

Ja, es geht mir besser als vor Ostern. Vielleicht sogar ganz okay. Aber nach dem Telefonat ist da ganz viel Durcheinander. Alkohol half ein bisschen, und wenn ich nicht so Angst vor den Kalorien hätte, würde ich mich jetzt wohl ordentlich betrinken.