Eisprinzessin

Spröde Stabilität. Wie könnte ich das aufgeben, wenn ich nicht weiß, was passiert, wenn ich auftaue. Nicht weiß, ob ich einfach zerfließe und im Staub versickere. Nicht weiß, ob ich einfach verdampfe und mich im Nebel auflöse.
Mich ergefroren zu halten, auch wenn ich weiß, dass jeder, der mich berührt, eine Gänsehaut bekommt, scheint daher der einzig sinnvolle wie mögliche Weg.

Strömung

Genau genommen wäre wohl schon vorgestern der letzte Tag des auf nicht genauer als „Ende April“ definierten Zeitfensters gewesen, um mich bei Frau Ernährungsberaterin mit einer Entscheidung zu melden, wie es denn nun weitergehen soll mit uns. Also Frau Ernährungsberaterin und mir. Oder Rosa und mir. Oder uns allen dreien. Wobei, letzteres wohl eher nicht, so fragend, wie Rosa beim letzten Wort eine Augenbraue hebt.

Seit Anfang dieser Woche schleiche ich um mein Email-Postfach herum, in enger werdenden Kreisen zwar, aber nach wie vor in sehr großzügigen. Außer Frage steht, dass ich ganz sicher nicht anrufen und meinen derzeitigen Unwillen, mit Routinen zu brechen, auch noch in Gesprochenes verwandeln werde. Dann lieber geschrieben Worte raussenden und die Augen möglichst lang vor der Antwort verschließen, mir Szenarien ausmalen und diese dann gemeinsam mit Rosa beim Sattessen an Instagram-Foodporn unter den Krümeln begraben.

Schatz speise ich derweil bei seinen nur zögerlich drängender werdenden Fragen mit einer choerografisch anspruchsvollen Mischung aus Nicken, Schulterzucken und Rumdrucksen ab, zu der sich gemurmelte Laute mischen, deren nähere Interpretation ihm überbleibt.

Nur wenige Gedanken habe ich seit dem letzten Gespräch mit Frau Ernährungsberaterin in eine tatsächliche Entscheidungsfindung investiert, war doch schon damals klar, dass da ein viel zu großes ichwillnicht vor dem klitzekleinen ichsollteaberweilesvernünftigwäre steht und von Rosa nicht nur mit Krallen verteidigt wird. Auf der wenig ambitionierten Suche nach Gründen, die für den anstrengenderen der zwei vor mir liegenden Wege sprächen, finde ich nichts außer Gleichgültigkeit und einem fernen Sehnen nach mehr, ohne eine Definition desselben.

Zaunpfahl

Ich rocke das Homeoffice. Bleibe brav daheim und erkläre den wöchentlichen Einkauf zum Highlight der Woche.
Rosa findet es fantastisch, dass jeglicher Sozialkontakt – wenn überhaupt – digital stattfindet und damit jegliche Nahrungsassoziation entfällt.

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Zum wiederholten Male wache ich mit schlechtem Gewissen aus einem Traum auf. Als ich meine Orientierung zurück habe, rede ich beruhigend auf Rosa ein. Dass es nur ein Traum war, und dass geträumte Kalorien nicht dick machen. Es dauert, bis sie mir glaubt, zumal ich noch das Gefühl habe, Reste von Schokolade und Kuchen zwischen den Zähnen zu haben. Ein bisschen fühlt es sich an, als wäre etwas in meinem Mund gestorben.

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Nachmittags, wenn ich nach der Arbeit mein beinahe tägliches Sportpensum hinter mir habe, fühle ich mich seltsam leicht. Auf eine Art, die mir die Knie weich und den Kopf wolkig werden lässt. Es könnte so etwas wie Hunger darunter liegen, aber sicher bin ich mir nicht. Immer öfter flüsterte ich dem Körper zu, dass gerade ein guter Zeitpunkt zum Aufgeben wäre. Keine Kanten in der Nähe, wo er sich beim Umfallen anschlagen könnte. Aber aus irgendeinem Grund bleibt er stehen.

Drachentöter

Mehr durch Zufall als aus Absicht bin ich über sie gestolpert. Meine Träume, die schon lange tot und inzwischen nurnoch wenig erkennbar in einer Ecke vor sich hin verwesen. Es ist nicht mehr als eine Feststellung, dass sie dort liegen. Kein Bedauern, jedenfalls kaum. Ein dumpfes Erinnern vielleicht, an das, was sie mal waren, bevor sie zu einem Haufen Leichen wurden.

Siebenundreißig als neuer Negativrekord meines Pulses. Aber das nur am Rande, auch wenn ein kleiner Teil von mir sich fragt, ob ich es nicht vielleicht doch ein klitzeminikleines bisschen zu weit treibe. Der Sterben als reale Gefahr erkennt und es nicht als rein hypothetisches, niemals in den Bereich des überhaupt Möglichen kommendes Konstrukt abtut.

Beim Anblick der vor sich hin rottenden Traumreste zu meinen Füßen frage ich mich, was nun überhaupt noch als Motivation dienen könnte, mit Rosa die Bedingungen unserer Co-Existenz neu zu verhandeln. Mir fällt nichts ein.

Zerfall

Feiertag! raunzt mein Körper mir in der Früh entgegen, als ich aufwache. Jede Faser meiner physischen Existenz wehrt sich dagegen, mich auch nur rumzudrehen, weil ich wohl schon zu lange in dieser Position liege. Zu anstrengend lautet die einhellige Meinung.

Weil der Körper aber gerade nichts ist, was besonderer Beachtung bedarf, stehe ich trotzdem auf. Kaffe, Handy, Sofa. Morgenroutine an einem freien Tag.
Zwischen Hashtags und weiterhin ignoriertem Körper muss ich an das Gespräch von gesternabend mit Frau Ernährungsberaterin denken, der ich Anfang der Woche anstelle eines Essensprotokolls einen kleinen Seelenstrip geschickt hatte. Worte wie Sorgen, Therapeutensuche, Klinikaufenthalt und im Notfall Krankenhaus fallen. Wir verabreden, dass ich bis Ende April nachdenke und mich dann wieder bei ihr melde.

Sport ist der nächste Tagesordnungspunkt. Auch wenn mein Körper gerne auf dem Sofa bleiben würde, nehme ich ihn mit, weil es ohne nunmal nicht so richtig funktioniert. Eine Weile lang macht er auch brav mit, aber die letzten 10 Minuten vom Crosstrainer verweigert er. Ich lasse ihn gewähren und nehme ihn mit duschen, danach frühstücken wir.

Ein bisschen fotografieren, Bilder bearbeiten und Youtube leergucken später stelle ich entsetzt fest, wie viel noch von diesem wundertollen, warmen, sonnigen Frühlingsfeiertag übrig ist und wie wenig von mir. Schlafen wäre fantastisch, aber das müsste ich begründen, und Schatz hat bisher keine Ahnung von dem, was die letzten Wochen in meinem Kopf passiert, weil ich ihn rigoros aussperre. Und wenn ich ihn reinlasse, kann ich wohl nicht mehr so weitermachen, also nagle ich noch ein paar Bretter mehr von Innen an die Fenster.

Sog

Aufstehen. Warum eigentlich? Der Sinn erschließt sich mir nicht so recht. Genausowenig, warum ich Montag schon wieder arbeiten muss – habe ich doch nach meinem Urlaub schon zwei Tage, reicht das nicht?

Meine Tageskalorien bewegen sich seit ca. zwei Wochen wieder auf Prä-Ernährungsberatungs-Niveau, dazu fünf Mal die Woche Sport. Findet mein Körper nicht so super, sagt er und erzeugt schon nach dem Aufstehen eine nahezu unüberwindbare gravitative Kraft in Richtung Sofa und allen anderen sich bietenden Sitzgelegenheiten.
Rosa zeigt sich dagegen ziemlich zufrieden, weil nur diese Form der Erschöpfung die Untätigkeit beinahe entschuldbar macht.

Der zwischenzeitliche Gedanke, alles rund um die Essstörung die alle meinen, die ich habe, mal genauer aufzudröseln, zerschellt am Energiedefizit und liegt damit neben allen anderen Aufgaben, die ich heute nicht erledigen kann, auf einem größer werdenen Haufen. Ich sollte die Unterlagen von Frau Ernährungsberaterin dazu legen und ihn einfach anzünden, dann wäre mir wenigstens warm.