Abgetötet

Kürbissuppe antworte ich auf die Frage meiner Mutter, was es denn heuteabend zu essen gibt. Und was machst du da rein? Jetzt stehe ich ernsthaft auf dem Schlauch. Kürbis?! sage ich, irritiert. Ein kleiner Vortrag über Fett und Nährstoffaufnahme folgt, aber ich höre nicht zu, weil ich darüber nachdenke, dass es eine blöde Idee war, heute mit ihr zu telefonieren. Viel zu oft landet unser Gespräch beim Essen, und ich habe keine Lust, darüber zu reden. Besonders nicht heute. Besonders nicht mit ihr, die sie nur die Hälfte von alldem weiß und nur einen Bruchteil versteht, was sich auch darin zeigt, dass sie mich fragt, ob denn mein Zyklus schon wieder da sei – Anfang der Woche schrieb ich noch, dass ich weiter abgenommen habe. -.-

Rückblende: Schatz und ich fahren einkaufen, machen noch Abstecher zum See, fotografieren. Irgendwann geht mir der Dampf aus (*sarkasmusein* als wenn vorher noch welcher da gewesen wäre *sarkasmusaus*), also bleibe ich beim zweiten Seeabstecher zwischen Einkauf 1 und Einkauf 2 im Auto. Mein Puls… ist wohl trotzdem mit zum See oder so, denn er sieht sich nicht in der Pflicht, sich besonders zu verausgaben. Es werden wohl so gerade eben 40 Schläge sein, und so fühle ich mich auch.
Tatsächlich schaffe ich es irgendwie, auch Einkauf 2 senkrecht zu überstehen, aber zum Reden fehlt mir jegliche Kraft. Daheim mache ich mir Frühstück, danach wird es etwas besser. Allerdings ist besser in der aktuellen Phase Welten entfernt von gut, also ist das eine sehr relative Einschätzung. Trotzdem räume ich am Nachmittag noch wie vorgenommen die Küchenschubladen auf und rufe sogar proaktiv meinen Papa an, der entweder tatsächlich noch nichts von der ES weiß, oder zumindest erfolgreich so tut und nicht über das Thema redet.

Ich will nur schlafen, meine Muskeln bitte nicht bewegen müssen. Über dem – bei jedem Mal intensiver werdenden, wenn es mich denn überkommt – Gefühl der Erschöpfung schwebt seit Tagen die Frage, wo denn eigentlich meine Emotionen hin sind. Bei mir sind sie definitiv nicht. Da ist einfach nur nichts, es gibt kein gut oder schlecht, nur ein Fragezeichen und Erschöpfung vs. Funktionalität.

Vielleicht hab ich sie beim Sport vergessen. Schau ich morgen mal nach. Sicherheitshalber.

Permafrost

46. Und nein, das ist nicht mein Gewicht – das ist niedriger, wie heutefrüh festgestellt – sondern mein Puls heutefrüh. Der Arzt am Montag runzelte besorgt die Stirn, als ich ihm davon erzählte, und in einer Woche muss ich zum Wiegen wiederkommen.

Ich habe frei, wir wollen in die Therme. Lust habe ich keine, aber wenn wir nicht fahren, gehe ich zum Sport, was die ES ganz hervorragend finden würde und ich irgendwie auch, aber ich will (?) doch ausprobieren, ob ich auch mit 3 Mal pro Woche überlebe, wenn ich nicht dann doch Samstag auch nochmal gehe. Und zumindest ein Teil von mir freut sich auf das warme Wasser und das Dampfbad, mich endlich mal wieder so richtig durchwärmen lassen. Dabei habe ich die Rechnung ohne meine Knochen gemacht, die im Dampfbad auf der gefliesten Sitzbank keine 5 Minuten aushalten – außerdem habe ich kalte Hände. Bei 45 Grad. Und von den Becken kommt auch nur eins in Frage, weil alles < 36 Grad eine Zumutung ist.

Auf der Rückfahrt. Immerhin, meine Füße sind warm, aber meine Hände nicht. Zehn Minuten später, der Hand von Schatz sei Dank, werden auch meine wieder wärmer. Dafür braucht es aber wohl das Blut aus Gehirn und Füßen. Füße kalt, und ich könnte trotzdem auf der Stelle einschlafen. Dabei bin ich keinen einzigen Meter geschwommen. Mein Kreislauf fand das Temperaturgefüge aber scheinbar mehr als ermüdend. Ich könnte heulen vor Erschöpfung. Beim Einkaufen habe ich Sorge, einfach umzufallen. Ob schlafend oder ohnmächtig ist mir egal. Liegen klingt verlockend.

Den Plan meiner Ernährungsberaterin finde ich wahlweise utopisch oder okay. Geschafft habe ich ihn noch an keinem einzigen Tag seit Samstag, als ich ihn für mich angepasst habe.

Ich bin so müde.

Diffus

Der Cursor blinkt penetrant vor meiner Nase herum, als hätte er nichts besseres zu tun. Aber wenn er so ist wie ich, hat er das vielleicht tatsächlich nicht, einfach, weil ihm nichts besseres einfällt. Also starren wir uns gegenseitig an, ich blinzle, er blinkt. Er gewinnt.

Ich würde so gerne etwas in Worte fassen. Es sortieren, chrolonogisch, thematisch, nach Relevanz. Sätze bilden, eine Zusammenfassung dessen, was mich schlussendlich in die Klinik bringt oder gebracht hat. Aber der penetrant blinkende Cursor hinterlässt langsam Abdrücke, weil es es auf immer derselben Stelle tun muss. Nur, weil ich ihn nicht beschäftigen kann. Wie mich.
Ich kann nichts greifen von dem, was als diffuse Ahnung eines – vielleicht sogar schlauen – Gedankens durch die hintersten Ecken meines Kopfs weht. Es fühlt sich so an, als wären da wichtige Dinge, die festgehalten werden wollen, damit ich die Zeit in der Klinik auch optimal nutzen kann, aber sie entgleiten mir immer wieder. Dabei wäre es mir so wichtig, eine fertig strukturierte Aufstellung meines bisherigen Weges sowie meines nichtDenkens und nichtFühlens mitzubringen, so dass die Therapeuten nur noch sagen müssen, ich solle jetzt bitte Dieses tun, damit es mir anschließend ganz hervorragend geht. Für immer.
Und ja, ich weiß, wie das klingt. Als wäre genau das Teil des Problems.

Ungesagt

Vielleicht ist es wenig erwachsen, Schatz einen Brief zu schreiben, wenn so vieles ungesagt im Schweigen endet. Weil ich nicht weiß, wie ich die dunkle Leere in meinen Innern verbalisieren soll, ohne dass es dauerhafte Narben auf der Haut hinterlässt, die mich daran erinnern könnten, dass da noch Leben ist, irgendwo.
So sind ein paar der Worte, die mir seit Wochen im Hals stecken, jetzt auf Papier und haben doch den Weg nach draußen gefunden.
Und vielleicht ist es wenig erwachsen, zu sagen, übernimm du die Verantwortung, denn ich will sie nicht. Sag du, was zu tun ist, bevor ich Blödsinn mache.
Aber so ist es nun. Er kennt einige Kopien der Worte, die in meinem Kopf und meinem Hals und meinem Innern feststecken und sich mit Widerhaken tief in mich hineingraben. Die dort wüten und schwelen und sich durch mich hindurchfressen, noch mehr Platz für Leere schaffen.
Und er trägt mich ein Stück.

Nein

Der Gedanke ist armselig.
Einen Suizidversuch antäuschen, damit Schwarz die Aufmerksamkeit und Hilfe bekommt, nach der sie mit rudernden Armen bettelt und fleht, und dafür eine Zeit lang Verantwortung abgeben. Super Idee. Nicht.

Es reicht nichtmal zum Schreiben gerade. Ich mag nicht mehr. Aber ich muss doch meine Arbeit machen. Ich darf nicht krank sein.
Mein Körper tut. Ich liege eingerollt in meinem Kopf und betrachte die Leere in mir drin. Endlos.

Sun-Day

Bist du heile? fragt Schatz und meint damit, ob ich mich selbst verletzt habe. Ja antworte ich. Während ich barfuß durch die Scherben in meinem Kopf gehe, frage ich mich, warum meine körperliche Unversehrtheit so viel bedeutet.

°

Kaffee. In der Sonne. Im Garten. Vogelgezwitscher. Wärme, die nur meinen Körper erreicht, aber die Scherben nicht. Ich möchte weinen deswegen, und versinke in mir selbst.