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Sie fühlt sich wie eine Schnecke. Aber anders als bei normalen Schnecken ist ihr Häuschen festgenagelt, und es zu verlassen wird durch die viele Zeit, die sie nun schon gezwungenermaßen darin verbringt, nicht leichter. Im Gegenteil, sie liebt ihr Häuschen und die Sicherheit darin von Tag zu Tag mehr. Die Berechenbarkeit. Die Zweisamkeit, die Einsamkeit. Der wohl dosierte digitale Kontakt, der etwas unverbindliches und leichtes hat, weil er sich ebenso gut kontrollieren wie ignorieren lässt.
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Buchstaben, die ebenso den Inhalt von Gedanken wie Bücher befüllen, tanzen vor ihren Augen wie Glühwürmchen umher und geben weder im Innen noch im Außen einen Sinn. Je mehr es sind, desto weniger will sie sich damit befassen. Bücher verstauben, Zeitschriften stapeln sich zu nur zur Hälfte gelesenen kleinen Türmchen und Gedanken bleiben unvollendet.
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Zu Glas erstarrte Tagesabläufe lenken sie und lassen keine Abweichungen zu. Sie sind scharfkantig und kalt, aber der Druck, den sie beim Hindurchgehen erzeugen, hält sie warm und gleicht einer Umarmung.
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Rosa als selbstverständliche Begleitung an der Hand kann sie es nicht verantworten, sie dieser Gefahr auszusetzen. Also sucht und erfindet sie Gründe. Manipuliert. Verschiebt, damit es nur nicht morgen ist. Jederzeit, aber nicht morgen.
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Schlagwort: Kontrolle
Eisprinzessin
Spröde Stabilität. Wie könnte ich das aufgeben, wenn ich nicht weiß, was passiert, wenn ich auftaue. Nicht weiß, ob ich einfach zerfließe und im Staub versickere. Nicht weiß, ob ich einfach verdampfe und mich im Nebel auflöse.
Mich ergefroren zu halten, auch wenn ich weiß, dass jeder, der mich berührt, eine Gänsehaut bekommt, scheint daher der einzig sinnvolle wie mögliche Weg.
Zaunpfahl
Ich rocke das Homeoffice. Bleibe brav daheim und erkläre den wöchentlichen Einkauf zum Highlight der Woche.
Rosa findet es fantastisch, dass jeglicher Sozialkontakt – wenn überhaupt – digital stattfindet und damit jegliche Nahrungsassoziation entfällt.
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Zum wiederholten Male wache ich mit schlechtem Gewissen aus einem Traum auf. Als ich meine Orientierung zurück habe, rede ich beruhigend auf Rosa ein. Dass es nur ein Traum war, und dass geträumte Kalorien nicht dick machen. Es dauert, bis sie mir glaubt, zumal ich noch das Gefühl habe, Reste von Schokolade und Kuchen zwischen den Zähnen zu haben. Ein bisschen fühlt es sich an, als wäre etwas in meinem Mund gestorben.
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Nachmittags, wenn ich nach der Arbeit mein beinahe tägliches Sportpensum hinter mir habe, fühle ich mich seltsam leicht. Auf eine Art, die mir die Knie weich und den Kopf wolkig werden lässt. Es könnte so etwas wie Hunger darunter liegen, aber sicher bin ich mir nicht. Immer öfter flüsterte ich dem Körper zu, dass gerade ein guter Zeitpunkt zum Aufgeben wäre. Keine Kanten in der Nähe, wo er sich beim Umfallen anschlagen könnte. Aber aus irgendeinem Grund bleibt er stehen.
Zerfall
Feiertag! raunzt mein Körper mir in der Früh entgegen, als ich aufwache. Jede Faser meiner physischen Existenz wehrt sich dagegen, mich auch nur rumzudrehen, weil ich wohl schon zu lange in dieser Position liege. Zu anstrengend lautet die einhellige Meinung.
Weil der Körper aber gerade nichts ist, was besonderer Beachtung bedarf, stehe ich trotzdem auf. Kaffe, Handy, Sofa. Morgenroutine an einem freien Tag.
Zwischen Hashtags und weiterhin ignoriertem Körper muss ich an das Gespräch von gesternabend mit Frau Ernährungsberaterin denken, der ich Anfang der Woche anstelle eines Essensprotokolls einen kleinen Seelenstrip geschickt hatte. Worte wie Sorgen, Therapeutensuche, Klinikaufenthalt und im Notfall Krankenhaus fallen. Wir verabreden, dass ich bis Ende April nachdenke und mich dann wieder bei ihr melde.
Sport ist der nächste Tagesordnungspunkt. Auch wenn mein Körper gerne auf dem Sofa bleiben würde, nehme ich ihn mit, weil es ohne nunmal nicht so richtig funktioniert. Eine Weile lang macht er auch brav mit, aber die letzten 10 Minuten vom Crosstrainer verweigert er. Ich lasse ihn gewähren und nehme ihn mit duschen, danach frühstücken wir.
Ein bisschen fotografieren, Bilder bearbeiten und Youtube leergucken später stelle ich entsetzt fest, wie viel noch von diesem wundertollen, warmen, sonnigen Frühlingsfeiertag übrig ist und wie wenig von mir. Schlafen wäre fantastisch, aber das müsste ich begründen, und Schatz hat bisher keine Ahnung von dem, was die letzten Wochen in meinem Kopf passiert, weil ich ihn rigoros aussperre. Und wenn ich ihn reinlasse, kann ich wohl nicht mehr so weitermachen, also nagle ich noch ein paar Bretter mehr von Innen an die Fenster.
Kartenhaus

Das Telefon klingelt. Ich möchte nicht rangehen, aber Schatz ist etwas zu früh aus dem Garten zurück und erwartet genau das von mir, also tue ich es, aber nicht ohne mich zwei Räume und zwei geschlossene Türen weit weg damit zu verkriechen.
Eigentlich kam es mir sehr gelegen, als gestern Frau Ernährungsberaterin schreibt, dass wir den von mir unter Ausreden auf heute verschobenen Termin auch telefonisch abhalten können. Fast zwei Monate haben wir uns nicht gesehen und gesprochen, ich habe getroffene Vereinbarungen nicht eingehalten und mir trotzdem eingeredet, dass ich eigentlich gar nicht so bin.
Letzte Nacht habe ich kaum geschlafen, was nicht nur daran liegt, dass vorgestern mein letzter Urlaubstag war, sondern auch an Rosa, mit der ich stundenlang überlege, was wir Frau Ernährungsberaterin dann heute erzählen. Oder ob wir nochmal Ausreden für eine erneute Verschiebung suchen. Oder gleich sagen, dass wir keinen Bock mehr auf sie haben. So gar keinen.
Als ich mich endlich entscheide, den Termin heute abzusagen, ist es bereits 10 vor. Zu spät. Also entscheide ich, den Anruf einfach ins Leere laufen zu lassen und Schatz irgendwas zu erzählen. Nunja – siehe oben.
Ich nenne ihr mein – verursacht von den wenigen Hormonen, die noch übrig sind und zwar nicht für eine Menstruation, aber immerhin für einen zyklisch schwankenden Körperwassergehalt reichen – Höchstgewicht der letzten Wochen als mein aktuelles und lasse dabei außen vor, dass ich diese Woche einen neuen Tiefststand erreicht habe.
Ich berichte von Zwischenmahlzeiten und erwähne dabei nicht, dass sie nur noch auf dem Papier existieren.
Ich rede von Kalorien- und Portionsgrößen, die sich in Wirklichkeit den Platz mit den Zwischenmahlzeiten teilen.
Ich erzähle vom geschlossenen Fitnessstudio und nicke ins Telefon, als sie mir für wenig bis keinen Sport und leichte Zunahme Zuspruch gibt und verschweige dabei, dass ich mit 5 Mal pro Woche sogar noch öfter und intensiver Sport mache als vorher.
Für nächste Woche vereinbaren wir einen weiteren Termin, weil sie mir noch Unterlagen per Post zuschicken möchte und ich von morgen bis Montag ein Essprotokoll faken führen und per Mail an sie senden soll.
Ich halte Rosa fest an der Hand, und sie mich. Wir Zwei gegen den Rest dieser verrückten, durchgeknallten, kaputten und sinnlosen Welt. Schatz darf an die andere. Aber nur, wenn er Rosa nicht im Weg ist.
Reserve
Im Bett.
Ich möchte bitte endlos weiterschlafen ist mein erster Gedanke, als ich heutemorgen aufwache. Als mir dann auch noch das Virus die Welt wieder einfällt, und dass mein Fitness-Studio geschlossen hat, erst recht. Zwar habe ich das Wochenende bei meinen Eltern halbwegs gut überstanden, aber es hat wohl mehr Reserven gefressen, als ich gestern noch vermutet hatte. Weltschmerz und das Gefühl von Sinnlosigkeit erdrücken mich.
Doch irgendwann stehe ich plötzlich, auch wenn ich mir das nicht so richtig erklären kann. Aber dann kann ich mich auch anziehen und – nach zu vielen Tagen ohne – wieder etwas Routine leben. Immerhin.
In der Garage.
Mein alter Crosstrainer ist eine Zumutung, wenn man das Studioequipment gewohnt ist. Aber hilft ja nix, kein Sport ist auch keine Lösung. Ich versuche, irgendwie die Übungen, die ich sonst so mache, ohne Geräte – dafür mit Hanteln und Isomatte – abzubilden und habe am Ende das Gefühl, trotzdem genau nichts getan zu haben, auch wenn ich meine Arme bitte nie wieder bewegen möchte. Ernsthaft. Nie wieder!
Weil Schatz aber draußen noch Brennholz macht und ich nicht ohne ihn frühstücken will, helfe ich ihm noch für ne Stunde. Super Idee, finden meine Arme und auch der ganze Rest, so ohne jeden Brennstoff. Rosa freut sich.
Unter der Dusche.
Keine Ahnung, wie ich meine Arme zum Haarewaschen so fucking weit anheben soll. Irgendwie gehts dann doch. Und ich schaffe es sogar, nicht noch vor meiner Frühstücksschüssel umzufallen.
Auf der Couch.
Meine Arme fühlen sich immer noch an, als hätte ich Elefanten jongliert. Ich prüfe meine Online-TV-Liste auf anguckbares und vergesse fast, meine Fotos vom Wochenende zu bearbeiten. Meine Arme zittern, als ich die Teetasse anhebe.