Sonntagsgedanken

Heute geht es mir etwas besser. Und ich hasse es, das zu schreiben, weil es in meinem Kopf impliziert, dass ich mich die letzten Tage nur angestellt habe. Reingesteigert. Überreagiert.
Dabei ist dieses etwas ein sehr fragiles Gebilde. Ein Wie fühlst du dich kann ich nicht eindeutig beantworten. Etwas besser, trotzdem nicht gut vielleicht.

Ich habe nach wie vor den Gedanken, mich verletzen zu wollen. Ich esse nur einmal am Tag und habe weiter abgenommen nehme weiter ab. Ich antworte nicht auf Nachrichten und gehe nicht ans Telefon, weil ich bei einem weiteren Halt(et) die Ohren steif entweder in Tränen ausbrechen oder losbrüllen würde.
Ich will nicht stark sein und funktionieren müssen. Ich will leiden dürfen, weil ich es tue. (Keine Ahnung, ob jemand versteht, was ich meine – es ist ein sehr abstrakter, kaum erklärbarer Gedanke in meinem Kopf).

Ich weiß, dass die Kontrolle übers Essen (die mir dank fehlendem Appetit nicht wirklich schwer fällt) andere destruktive Verhaltensweisen – vorrangig SV – nur (unzulänglich, btw) ersetzt. Und, so erbärmlich es klingt, auch ein kleines bisschen darauf abzielt, dass andere sehen, dass etwas nicht stimmt. Etwas, das ich mit SV nie bezwecken wollte.

Verschwindend gering

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Ein Apfel, 130g Joghurt, 7g Leinsamen … ich rechne aus, wieviel Kalorien ich an einem gewöhnlichen Wochentag so esse. Ich erschrecke, weil es nur 3-stellig ist, und als mir einfällt, dass ich die Milch im Kaffee vergessen habe, erschrecke ich nochmal, weil ich spontan befürchte, doch die 1.000 Kalorien zu knacken und gleichzeitig weiß, dass selbst das zu wenig wäre. Ich knacke sie aber – bei weitem – nicht. Und auch am Wochenende, wenn ich abends etwas Warmes esse, komme ich wahrscheinlich nicht an eine 4-stellige Kalorienaufnahme heran.

Mein Stoffwechsel war schon immer ziemlich gut – nicht im landläufigen Sinne, dass ich besonders viel essen könnte und nicht zunehme, sondern gut im verwertenden Sinne. Mein Körper holt schon immer alles aus den Lebensmitteln raus, was geht. Wahrscheinlich nehme ich deshalb trotz der täglichen negativen Kalorienbilanz nur langsam ab und finde es gleichzeitig gut und schlecht. Mein Essverhalten zerreißt mich innerlich in zwei Lager – doch dazu habe ich ja mehrfach schon etwas geschrieben.

Ursachenforschung

Worüber ich in den letzten Tagen nachdenke, ich der Grund für mein Hungern. Denn eigentlich hasse ich Hunger. Ich werde unausstehlich, wenn ich Hunger habe, und finde es selbst absolut ätzend. Aber irgendeinen Zweck muss es erfüllen, sonst würde nicht in der Küche das letzte Stück Nusskuchen meiner Schwiegerma, dass so verdammt gut riecht, immernoch unangetastet rumstehen, weil ich nicht mal in Erwägung ziehe, es zu essen.

Es ist nicht mein Gewicht. Es ist nicht meine Figur. Mein BMI war nie so niedrig wie jetzt, und meine Figur ist eigentlich ziemlich gut, auch wenn ich meine wabbeligen Oberschenkel (da habe ich die Bindegewebsschwäche meiner Ma geerbt, die werden einfach nicht straff, egal was ich tue) nach wie vor nur in einer gut sitzenden Jeans (wenn ich noch eine hätte, weil alles zu groß wird) angucken und anfassen mag.
Es ist das Gefühl der Kontrolle. Darüber, was ich esse und wann ich esse, und die Faszination, wie eine Tasse Kaffee mit Milch einige Stunden überbrücken kann, ohne dass ich unausstehlich werde.
Es ist das Gefühl der Sichtbarkeit. Alle sehen, dass ich abgenommen habe und niemand traut sich, mich darauf anzusprechen. Ich fühle es, wenn ich auf einem Stuhl mit harter Sitzfläche oder Lehne sitze und meine Knochen spüre.
Aber es ist auch Ablenkung. In der Zeit, in der ich meinen Körper kritisch im Spiegel ansehe und in der ich darüber nachdenke, was ich wann esse, kann ich nicht an die Katastrophe, die Depression und die Fragen, die ich mir stellen sollte, denken.

Ungestellte Fragen

Also hungere ich, und versuche gleichzeitig, so wenig Hunger wie möglich zu haben. Fasziniert von meinem Körper, der, selbst wenn mein Magen meldet, dass kein Platz mehr ist, noch Hunger signalisiert, weil er nach Nährstoffen giert, und meiner Willensstärke, dem nicht nachzugeben.

Ich weiß nicht, wo es hinführt. Aber auch das ist nichts, worüber ich nachdenke.

Fremdbild|Selbstbild

Aber was man im Inneren ist, zählt nicht. Das was wir tun, zeigt, wer wir sind.

Batman begins

Ist das so? Zählt nur das, was ich tue? Oder ist es nicht vielmehr eine Frage der Perspektive – aus der Sicht der Anderen mag das zutreffen. Aus meiner nicht.

Die Anderen: meine Arbeitskollegen

Sie sehen eine – meistens – selbstbewusste, verständnisvolle, etwas nachgiebige, aber immer kompetente und umgängliche Kollegin und Vorgesetzte, die lösungsorientiert handelt und nicht weniger als 100% gibt.

Die Anderen: meine Familie

Sie sehen eine stille, unauffällige und zurückgezogene Tochter/Nichte/Cousine/…, die nur selten Schwächen zugibt und lieber nichts als das Falsche sagt. Die sich lieber nicht meldet, als negativ aufzufallen.

Die Anderen: meine (wenigen) Freunde

Sie sehen mich – selten. Als was? Keine Ahnung.

Die Anderen: mein Mann

Er sieht mich als das, was am ehesten dem nahekommt, was ich bin. Liebe- und Harmoniebedürftig, verletzlich, instabil, nachdenklich, nicht gesund.

Die Anderen: meine Therapeutin

Sie sieht mich als reflektierte, motivierte, ein wenig außergewöhnliche, etwas zu stille, aber sehr beflissene Patientin, die während der Therapie riesen Fortschritte gemacht hat und stolz auf sich sein kann. Als jemand, der auf dem besten Weg zu einem gesünderen, zufriedeneren Leben ist und als jemand, der bloß aus Appetitlosigkeit von Termin zu Termin dünner wird.

Ich

Fühle mich, als würde ich mich bloß anstellen, reinsteigern, Probleme haben wollen, als wäre ich aufmerksamkeitsgeil, unsicher und ungenügend. Als hätte ich nur Mini-Schritte in der Therapie gemacht. Als Lügnerin, weil ich Schatz und Frau Therapeutin im Brustton der Überzeugung sage, ich wolle nicht weiter abnehmen (und das berauschende Gefühl der Kontrolle nichtmal erwähne) und natürlich weder an SV noch an ein Ende denke. Oder daran, mich irgendwie zu berauschen.

Ich, die ich an mir selbst und am Leben manchmal mehr, selten weniger,verzweifle. Ich, die ich meine Klinge nicht wegschmeißen kann. Ich, die ich – erst in letzter Zeit, aber dennoch – zu oft etwas trinke. Ich, die ich – erst in letzter Zeit, aber dennoch – zu selten etwas esse. Ich, die gerne einen Unfall hätte. Ich, die gerne jemand anderes wäre.

Ich bin nicht das, was die Anderen sehen. Aber zählt es?

Feige

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Zeit, einmal mehr über mein Essverhalten zu reflektieren. Mein BMI liegt bei 19,1. So dünn war ich noch nie.

Letzte Woche hatte ich zum allerersten Mal in meinem Leben den Gedanken „Wow, bin ich dünn!“. Ich war erstaunt, erschrocken, stolz, verwirrt, besorgt, … alles auf einmal. Ich weiß nicht, wo ich stehe. Ich weiß nicht, ob ich mich mit Absicht in eine Essstörung manövriere, schon eine habe, oder es nur eine Phase ist. Dabei esse ich ja. Ich esse weiterhin meinen 3,5%igen Joghurt, brate meinen Kürbis in etwas Butter an, esse Käse, trinke 3,5%ige Milch. Aber eben weniger – deutlich weniger. Ich habe bisher vermieden, meine Gesamtkalorienzahl am Tag auszurechnen, weil ich dann nur in Versuchung käme, noch etwas einzusparen. Aber so oder so, am Ende des Tages steht da einfach eine negative Kalorienbilanz.

Schatz sagte heute beim Duschen zu mir, er mache sich Sorgen – ich sei dünn und knochig.  Ich empfinde mich nicht so. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich meine Knochen, und wenn ich (mit Absicht, weil ich sie gerne fühle) meine Schlüsselbeine oder Rippen berühre, kann ich sie deutlicher als je zuvor fühlen.
Voller Überzeugungskraft antwortete ich, es müsse sich keine Sorgen machen und ich würde versuchen, mein Gewicht zu halten.

Aber versuche ich es wirklich?
Ich bin innerlich – wie so oft und wie zu so vielen Themen – gespalten.

Einserseits…

…finde ich meine Figur wirklich in Ordnung
…werden nur meine Hosen zu groß, so dass sie nicht mehr sitzen (ich kann eh nur noch die Hälfte meiner Hosen anziehen)
…finde ich nicht, dass ich weiter abnehmen sollte
…habe ich, verdammt nochmal, Hunger!

Andererseits…

…bekomme ich eine Krise, wenn es um zu kalorienhaltiges Essen geht
…verhandle ich in der Arbeit schon jeden Tag mit mir, ob ein zweiter Kaffee mit Milch drin ist (oft nicht, dabei gibts da nur die 1,5%ige)
…verweigere ich mir Nahrungs-, nein Genussmittel, die ich gerne mal wieder essen würde
…habe ich viel zu viel Angst davor, unkontrolliert (naja, auch kontrolliert) wieder zuzunehmen
…ist es eine Herausforderung*

*an dieser Stelle schüttelt der „Einerseits“-Teil mit dem Kopf und findet mich armselig. Ich weiß nicht, was ich damit erreichen will. Wirklich nicht. Ich weiß, dass es zu nichts führt, außer dass es irgendwann zu viel (also, zu wenig) ist. Ich weiß, dass es klingt, wie ein bockiges Kind. Ich weiß, dass es klingt, als würde ich „Aufmerksamkeit!“ schreien. Ich weiß, dass ich nicht einfach so damit aufhören kann.

Und wo war jetzt die Reflektion? Ach, da – fast übersehen, weil ja nicht mehr so viel übrig ist.

Weil…

Morgen kommt meine Mama. 8 Tage. Ferienwohnung, zum Glück.
Ich habe schon 4 Ansätze hinter mir, einen Beitrag über meine Gedanken dazu zu verfassen und schaffe es nicht. Es stresst mich jetzt schon. Weil sie Fotos von Süßkram schickt, den sie mitbringt (den ich nicht essen werde), weil sie zusammen kochen und essen gehen will (was mich an den Rand der Verzweiflung bringt), weil ich dringend mit ihr reden muss (wovor ich Angst habe), weil ich meine Routinen umstellen muss, weil gleich 2 Wochenenden dafür „draufgehen“.

Immerhin, für Sonntag habe ich sie ganz selbstfürsorglich mit ihrem Mann alleine essen geschickt. Damit ich den Abend für mich habe und nicht zum Spanier muss, bei dem ich nichts auf der Karte finde, was ich essen würde.

95 – Bruderherz

Mein Bruder ist zu Besuch. Wir haben uns seit über einem halben Jahr nicht mehr gesehen, nicht telefoniert, höchstens mal geschrieben. Er sagte mal, wenn das Telefon nicht klingelt, ist er es.
Ich liebe meinen Bruder, aber wir reden irgendwie nicht viel miteinander. Aber nun ist er da, zusammen mit meinem Lieblingsschwager, und ich freue mich ein bisschen und hoffe gleichzeitig, dass das WE nicht zu anstrengend für mich wird.

Heute kam Post zur “Katastrophe“, die Schatz und mich etwas durcheinanderwürfelt. Aber wir sind beide wütend, und das ist gut, denke ich.

Für kommenden Dienstag habe ich mir frei genommen – ich dachte vorletzte Woche noch, dass ich es vielleicht garnicht brauche, aber habe es zum Glück doch beantragt. Den Tag werde ich, egal wie das WE wird, brauchen, um mich zu erholen. So doof das klingt, denn ich verbringe die Zeit gerne mit Bruderherz, aber anschließend brauche ich einen Tag für mich.

Ich kann nicht einordnen, wie es mir geht. Schlechter als vorige Woche, leider. Ich bleibe dran, ich bin achtsam, mache so richtig Feierabend, arbeite nicht zu lange. Trotzdem geht die Kurve runter, und ich befürchte, dass es nicht das erhoffte Ende der depressiven Episode ist. Ich habe diese Woche an drei Abenden heimlich Alkohol getrunken, damit ich Watte im Kopf hatte. Fortführen möchte ich das nicht, die Baustellen reichen mir jetzt schon.

Essen ist schwierig (ich habe echt Hunger, aber ich bringe es nicht über mich, mehr als zwei Mal am Tag was zu essen – einmal davon ist wohl eher als kleine Zwischenmahlzeit anzusehen), ich nehme weiter langsam ab. Ich weiß nicht, ob ich noch dünner werden will – auch wenn ein Teil von mir gerade laut “Jaaa!“ brüllt, weil die ersten Worte meines Bruders nicht wie erhofft “Bist du dünn geworden!“ waren (genau genommen hat er noch garnichts dazu gesagt…).