Sandsack

Ich weiß schon, warum ich in den letzten Tagen mein Homeworkout vermieden habe und stattdessen ins Studio gefahren bin. Um nicht wie heute zwischen zwei Übungssätzen auf der Matte zu liegen und relativ verzweifelt darauf konzentriert zu sein, die Dämme am Brechen zu hindern, die sich als zu niedrig und zu porös herausstellen, wenn ein Könnte rein hypothetisch möglich scheint, weil kein Muss vorhanden ist.

Im Studio stellt sich die Frage schlichtweg nicht – so lange Körper nicht die Reißleine zieht, ist da ausschließlich Sport in meinem Kopf. Aber ich bin nicht im Studio, sondern in der Garage auf der Matte, und ein gepflegter Nervenzusammenbruch scheint sehr verlockend – und anschließend eine große Pfanne Käsespätzle ganz für mich allein.

Rosa hält davon aber nichts, blendet mir stattdessen die tägliche Zahl auf der Waage ein und meint, dass ich gefälligst weiterzumachen habe.

Einatmen. Ausatmen. Nächster Übungssatz.

KopfSalat. Konzentration ist Mangelware, Verpeiltheit an der Tagesordnung. Angst vor Corona gesellt sich zu Überzeugung, nicht krank genug für die Klinik zu sein und die bevorzugte Aufnahme dort nicht verdient zu haben, auch wenn beides sich widerspricht. Ich bin totally lost und warte jeden Tag, jede Minute auf den Anruf der Klinik, damit ich noch am Telefon heulend zusammenbrechen kann, weil ich Angst habe und entsetzlich erleichtert bin. KopfSalat Ende. Nicht.

Zäh

Zeit ist gerade nicht nur ausgesprochen relativ, sondern auch ausgesprochen lästig.
Wahrnehmungslücken scheinen oft nicht unwahrscheinlich, wenn mir wieder einmal dutzende Minuten abhanden kommen. Zeit, der ich aber auch nicht wirklich nachtrauere, weil es heißt, dass sie weg ist, ohne dass ich nachhelfen musste.
Alles dreht sich nur darum. Wann ist Zeit zum Schlafen, wann ist Zeit zum Aufstehen, wann zum Essen, wann zum Sport, wann zum Tee kochen. Nicht unsubtil gesellt sich Rosa dazu und füllt jeden Moment, jeden Augenblick mit Gedanken an Essen, Nichtessen, Essenszubereitung, Essensplanung, Sport.
Ich. Mag. Nicht. Mehr.
Mein Gehirn übrigens auch nicht. Wie gut, dass ich mein Urlaub rum ist und ich morgen wieder arbeiten darf. Da kommen die Lücken sicher besonders gut zur Geltung.

Colorblocking

Rosa hat nur deshalb geschwiegen, weil sie Luft geholt hat. Ganz tief. Und jetzt redet sie. Ohne Punkt. Ohne Komma. Was für eine beschissene Idee eine Klinik ist, wenn wir dort im Zweibettzimmer sitzen, keinen Sport mehr machen und die Fitnessuhr nicht mehr tragen dürfen. Und Frühstücken müssen. Frühstücken! So in originärer Bedeutung, zu einstelligen Uhrzeiten. Geht garnicht. Mal abgesehen von den ganzen restlichen Regeln, die mit den unseren mal so gar nichts zu tun haben.
Orange gesellt sich gleich mal dazu und gibt auch noch ihren Senf dazu ab. Weil, jetzt schon wieder in die Klinik, und dann auch noch wegen so etwas peinlichem wie einer Essstörung, die nur GNTM-schauende Teenagermädchen haben, geht ja jetzt echt mal gar nicht. Außerdem, was passiert dann mit deinem Team, und überhaupt, du wirst doch bestimmt eh bald abgesägt.
Dass ich keinen der beiden wirklich verstehe, weil sie einfach gleichzeitig und in Dauerschleife reden, ist beiden egal, weil ihnen ausreicht, dass sie mich nerven. Und verunsichern. Und die Überzeugung, dass das die überflüssigste Entscheidung überhaupt war, fast wie von selbst immer größer wird.
Körper dagegen scheint sich daraus nun langsam aber sicher einen Freifahrtschein zu denken, dass er ja nun nicht mehr leisten muss, was ich ihm persönlich übel nehme. Schließlich kann er sich noch genug ausruhen und unförmig werden, wenn wir uns den Arsch retten lassen. Bis dahin hat er gefälligst zu funktionieren. Sonst wird Rosa zu laut.

Aussichtslos

Warten auf den nächsten Termin. Warten auf die bisher ungestellten Fragen. Auf die richtige Uhrzeit zum Essen oder zum Sport. Auf das nächste Wochenende, die nächste Bettgehzeit und das Wundern, dass Körper immer noch mitmacht. Auf das nächste Mal Wiegen, das nächste Mal aufwachen, das nächste Mal Feierabend haben. Auf das Verschwinden von Cravings, auf Konzentration, auf Klickmomente.

Warten aufs Leben.
Rosa bleibt.

Glas

Wie eine kurzsichtige Hummel knallt die Idee in meinem Kopf immer wieder mit voller Wucht gegen den unsichtbaren Widerstand, der sie davon abhält, zu mehr als einem abstrakten Begriff oder einem Gefühl von zu werden. Sie ist erstaunlich penetrant, so dass ich sie für wichtig halte, aber sie scheitert am Wortmangel und fehlender Konzentration.

Desinfiziert.