Neonschwarz

„Sag mir mal, wie ich wieder will“ , frage ich Schatz, als wir gestern am See auf einer Bank liegen und Sonne tanken; eigentlich als Anspielung auf die ausstehende Entscheidung gegen die ES gedacht.
„Wenn ich das wüsste“, antwortet er, „Ich denke, das liegt in der Natur der Depression. […]“

Innerlich stocke ich, denn bis gerade war ich nicht davon ausgegangen, wieder – oder immernoch? – depressiv zu sein. Mein wie auch immer geartete Zustand fühlt sich so normal an, dass ich darüber schon lange nicht mehr nachgedacht habe. Doch bei genauerem Hinsehen muss ich feststellen, dass er wohl Recht hat, denn Symptome sind mehr als genug vorhanden. Ich spare mir den Henne-Ei-Gedanken zwischen der ES und der Depression, muss mich aber wohl gerade damit anfreunden, dass Schwarz und Rosa einen Pakt eingegangen sind und es mir verschwiegen haben.

Aber vielleicht geht es nicht ums Kämpfen, sondern um Akzeptanz. Darum, beide an die Hand zu nehmen und zuzuhören.

Kleine und große Dinge

Es geht mir gut. Punkt. Kein Komma. Kein aber. Ist so, fühlt sich geil an. Ausrufezeichen!

Ja, tatsächlich hat mir der Klinikaufenthalt, der in ein paar Tagen endet, unglaublich gut getan. Die Symptome meiner Depression haben sich verkrümelt, und es geht mir so gut, wie seit Jahren nicht. Mehr noch, ich kann es sogar sagen: es geht mir gut. Ohne, dass ich mich fühle, als würde ich Schwarz verleugnen oder all das wäre nur eingebildet. Nein, es ist real und Teil meines Weges, und es tat weh und wird es vielleicht auch mal wieder tun, aber jetzt gerade nicht. Ich bin unendlich dankbar dafür.

Ich nehme vieles mit aus der Klinik und hoffe, dass es nicht im Alltag versickert. Die Essstörung nehme ich auch mit, die sich dann doch eher Ironie an gut Ironie aus entwickelt hat – dass ich vielleicht nicht mehr täglich Sport machen kann, muss ich erst noch für mich einsortieren. Wie das Ganze ES-Thema, welches mich gerade (zu?) stark beschäftigt und schon dazu führte, dass ich meiner Therapeutin hier in der Klinik nicht die Wahrheit sagte, als es um meine Gewichtsabnahme ging. Vielleicht hole ich das noch nach. Vielleicht auch nicht.

Untergang

°Triggerwahrnung°

Ich will Alkohol. So sehr. Geht natürlich nicht, hier in der Klinik, weil ich a) keinen hier habe und er b) verboten ist und ich c) keinen wollen will, weil das sonst hieße, dass ich längst eine Grenze überschritten habe, die ich weit entfernt wähnte.
Ich könnte jetzt sezieren, warum ich gerade so sehr ein Wattehirn möchte, aber das würde wohl nur dazu führen, dass ich noch viel mehr eins will. Schneiden hat mir aber bisher niemand verboten.

Es ist Schwarz, die sich abends raus traut und fragil ist. Die alles so anders empfindet, als es sich tagsüber anfühlt. Und am nächsten Morgen ist sie spurlos verschwunden, so dass ich meinen könnte, sie wäre garnicht dagewesen. Und wenn da weder ein Glas steht, das noch etwas hochprozentig riecht, noch meine Haut ein Indiz dafür zurückbehalten hast, ist mir, als wäre alles nur Einbildung gewesen, die nicht erwähnt werden muss, weil ja NICHTS! passiert ist.
Aber seit mindestens 3 Abenden liegt Schwarz mir in den Ohren, dass sie etwas will, etwas braucht. Dass sie gesehen werden mag, und wenn es dadurch ist, dass ich sie mit Bedarfsmedikation, die ich mich nicht anzufragen traue, beruhige und die Therapeutin das dann hoffentlich hinterfragt – so ihre Hoffnung. Ich fänd es weit weniger peinlich, mich zu schneiden, als nach Bedarf zu fragen.

Kopf hoch

Ich staune, zu wie viel Selbstmitgefühl ich in der Lage bin. Etwas, von dem ich nicht gedacht hätte, dass ich es könnte, geschweige denn, es gut zu finden. Aber irgendetwas macht die Klinik mit mir. Irgendetwas erzeugt Resonanz in meinem Inneren, und ich wünsche mir wirklich (wirklich!), dass ich, was immer es ist, es mit nach Hause nehmen und weiter kultivieren kann.

Auf Resonanz trafen auch die Worte eines Vortrags über Depression, die ich garnicht so genau wiedergeben kann, aber deren Kernaussage mich seither beschäftigt. Depression ist nicht heilbar – aber wenn ich die Auslöser kenne, kann ich (fast, vielleicht auch ganz) symptomfrei leben. Ich weiß nicht warum, aber dieser Gedanke hilft mir viel mehr als der, dass ich Gesund werden kann. Auch wenn das Ergebnis am Ende das Selbe ist.

Und manchmal nehme ich in Gedanken Schwarz an die Hand, und wir gehen gemeinsam ein Stück. (… ein Satz, der mir beim Schreiben Tränen aufsteigen lässt…)

(die Karte auf dem Foto ist von cityproducts – ggf. unbezahlte und unaufgeforderte Werbung wg. Nennung)

Nachts sind manche Katzen schwarz

Ich habe das Gefühl, meine Depression hat sich abgekapselt. Jetzt könnte man meinen, dass das doch super ist, weil sie mich dann nicht so stört. Aber das Gegenteil ist der Fall. Denn wenn Schwarz sich einrollt und in einer Ecke verkriecht, geht sie nicht mit zur Therapie. Dann sitzt sie es aus und kommt erst wieder raus, wenn ich raus bin – aus der Klinik.
Während OrangeGelb sich fragen, ob ich hier genug tue, genug leiste, um die Zeit hier zu nutzen, sagt Schwarz einfach nichts.
Nur am Abend schlurft sie kurz durchs Bild und erinnert mich daran, dass sie auch noch da wäre, aber tagsüber halt nicht rauskommt, weil die sonnenfarbenen Schwestern den Tag schon schaukeln und Jemand zur Therapie geht. Sie würde gerne einen Hinweis auf mir hinterlassen, aber ich lasse sie nicht, weil ich doch Schwimmen gehen will jeden Tag. Dann wäre ich gerne betrunken, sagt sie, aber auch das geht nicht, weil Alkoholverbot. Also legt sie sich mit mir schlafen, und rollt sich in der Nacht wieder wie eine Katze in der hintersten Ecke meines Kopfes zusammen.
Bis morgenabend, flüstert sie.

Dis-tanz in Worten

Schwarz möchte ganz dringend ein paar Gedanken und Gefühle festgehalten wissen. (Rot auch, und erstaunlicherweise bittet sie ganz lieb darum). Für die Klinik, für die Therapie(n). Noch viel mehr, seit beide gestern in der Katamnese mit meiner ehemaligen Therapeutin vollkommen übergangen wurden von Jemandem, der, wie mir erst vor kurzem bewusst wurde, generell die Therapiestunden für sich beansprucht (hat).
Jemand, der mit erschreckender Distanz zu sämtlichen Gefühlen und Gedanken von SchwarzRot das Ding rockt. Vorzeige-Patient. Der das GefallenWollen so geschickt hinter dem selbstverständlichundhochmotiviertGesundwerdenwollen versteckt, dass es nicht einmal den Therapeuten auffällt. So reflektiert, dass er genau das zurückwirft, was erwartet wird. Und zu solch ignoranter Selbstanalyse fähig, dass SchwarzRot mit allen Gedanken und Gefühlen im Wortsinn aufgelöst werden, und nur der Schatten einer Erinnerung überhaupt Erwähnung findet.
Nach seinem Auftritt lügt Jemand mir mitunter noch tagelang ins Gesicht, während SchwarzRot nur langsam zur alten Form zurückfinden. Und wenn sie zurück sind und nach Gehör verlangen, ist niemand da, der zuhört. Denn, wenn jemand da wäre, wäre Jemand da.