83 – Einfach mal was verrücktes machen. Feierabend zum Beispiel.

Feierabend war die letzten Jahre ein abstrakter Begriff ohne tiefere Bedeutung für mich. Klar, irgendwann verließ ich das Büro und fuhr Heim, aber mein Kopf war unter der Woche (und oft genug auch am Wochenende) weiter mit Gedanken an die Arbeit beschäftigt. Wie sehr, merke ich seit genau 3 Tagen. Seit ich Feierabend lebe.

Jemand hat den Grauschleier entfernt

Am Montag, nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub, fiel es mir urplötzlich auf. Und jetzt hat mein Feierabend Farbe.
Vorher war er grau und schwer, ich fühlte mich erschlagen und hätte schon beim Abendessen schlafen können. Ich wollte nur noch ins Bett, auch, damit die Gedanken aufhören (als hätten sie es je getan – Schlafstörung lässt grüßen). Der Abend als solcher war nur die kurze Pause zwischen zwei Arbeitstagen, die nichtmal zum Luftholen reichte.
Und seit Montag ist es anders. Ich sage mir laut “Feierabend!“ vor, wenn ich das Gebäude verlasse, denke bewusst an Dinge außerhalb der Arbeit und merke schnell, wenn ich doch ins alte Muster falle und lasse die Gedanken ziehen, denke an etwas anderes.

Der Unterschied könnte größer nicht sein. Ich habe Energie, kann (etwas) länger aufbleiben, bin bewusst zuhause und genieße die freie Zeit, die sich jetzt schon fast nach Leben anfühlt.

Das Ende einer Jahre dauernden depressiven Phase?

Am Montag war ich nach der Arbeit derart energiegeladen, dass es mich überforderte. Ich dachte (kurz) an Selbstverletzung, weil ich das Gefühl hatte, keine Kontrolle zu haben und zu viel durch meinen Kopf strömte, als würde dort ein Gummiball umherspringen.
Dieses fast manisch anmutende Gefühl hat sich weitgehebd gelegt, aber der Feierabend – und ein kleines bisschen entspannteres Arbeiten, weil ich auf mich Rücksicht nehme – ist geblieben.

Ist das das Ende meiner depressiven Episode? Ich weiß es nicht, aber egal wie die Antwort lautet, ich habe Angst davor.
Weil ein Nein einen Rückfall in das altbekannte Loch bedeutet, mit einer Idee, wie es oben sein könnte.
Weil ein Ja unbekanntes Terrain bedeutet, dass ich seit Jahren nicht mehr betreten habe.

81 – Ein Traum

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Ich hatte einen Traum, heutenacht. Einen, den ich öfters mal in den unterschiedlichsten Varianten träume. Ich habe einen Unfall, bin verletzt und auf Hilfe angewiesen. Die bekomme ich, von mir scheinbar vertrauten Menschen, die ich aber im echten Leben nicht kenne. Sie sorgen für mich, und vermitteln mir ein derart intensives Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit, dass es immer noch nachklingt.
Genau das ist das Gefühl, nach dem ich im echten Leben suche, wurde mir bewusst. Dass ich es von Schatz bereits bekomme, spielt dabei keine Rolle, denn ich suche woanders und finde es nicht.

Was ich finde, ist …

Auf Facebook teilte meine Mama gesternabend einen Beitrag über den vermuteten Suizid von Rick Genest. Inhalt des Postings war der Folgende: „[…]Unterschätzt niemals den Wert der psychischen Gesundheit, hegt und pflegt euch und scheut euch nicht, nach Hilfe und Unterstützung zu fragen. Doch umgekehrt genauso: Depression hat wahnsinnig viele Gesichter, seid wachsam und behaltet ein offenes Ohr und offene Arme für eure Mitmenschen.[…]„.
Ich stehe ratlos vor diesem Posting, weil es etwas in mir anrührt, was ich nur schwer in Worte fassen kann. Nicht der eigentliche Inhalt, sondern dass meine Mama ihn teilt, meine Erkrankung aber … ignoriert, ist das falsche Wort, aber „darüber hinwegsieht“, „nicht wahrnimmt“ oder „nicht wahrhaben will“. Es macht mich wütend, traurig und hilflos.

Was ich mir wünsche, ist …

Gesternnachmittag telefonierte ich mit meiner Mama. Wir blieben oberflächlich. Sie fragt nicht, ich sage nichts. Ein nettes, einstündiges Gespräch über das Wetter, die aktuellen Fakten zur Katastrophe, den Urlaub, andere Leute. Alles wie immer.
Gesternnachmittag telefonierte ich mit meinem Papa. Wir blieben oberflächlich. Er fragt nicht, ich sage nichts. Ein nettes, viertelstündiges Gespräch über das Wetter, die aktuellen Fakten zur Katastrophe, den Urlaub. Alles wie immer.
Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal tiefgreifende Gespräche über Gefühle mit meinen Eltern irgendwem geführt habe, abgesehen von Schatz und der Therapeutin.
Empathie.
Genau das wünsche ich mir. Genau das bekomme ich nicht. Nur, wenn ich schlafe…

77 – Möbius?

Meine zweite Therapie endet bald, ich habe nichtmal mehr zwei handvoll Stunden übrig – Zeit für einen Rück- und Ausblick.

Der Anfang.

Meine erste Therapie (die ich viel zu spät, nämlich erst 2014 begann, aber das ist eine andere Geschichte) war tiefenpsychologisch. Hilfreich, um mich besser zu verstehen und die Vergangenheit, die mich zu dem Zeitpunkt wieder sehr stark belastete, aufzuarbeiten. Aber irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich das Gefühl hatte, meine Therapeutin zu langweilen. Das sagte ich ihr – und auch, wenn sie versuchte, mich vom Gegenteil zu überzeugen, war ein Bruch entstanden, der mich das Ganze vorzeitig beenden ließ.
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67 – Insomnia

Ich kann nicht schlafen.
Aus diesem Grund (und weil mein Mann drum gebeten hat, dass ich über Antidepressiva nachdenke) war ich gestern – ohne große Lust, hätte am liebsten schon im Vorfeld abgesagt – bei einer Psychiaterin. Zum zweiten Mal überhaupt (siehe hier) und zum ersten Mal bei dieser Ärztin, die mir also potentiell Psychopharmaka verschreiben sollte.

Vielleicht erwartete ich zu viel, als ich nach wenigen Minuten halbherziger “Anamnese“ vor die Wahl gestellt wurde: “Entweder Sie nehmen Variante A, zusammen mit etwas Anderem zum Schlafen, dann geht es Ihnen die nächsten 4 Wochen noch viel schlechter und ich müsste Sie wegen der Schlafmittel krankschreiben, oder Sie nehmen Variante B, können sofort schlafen und nehmen mindestens 5kg zu“.
Danke, dann nehme ich “ich kann nicht schlafen“. Hätte ich zumindest gerne gesagt, aber weil ich so nett feige bin, habe ich Variante B genommen und noch vor Erhalt des Rezeptes beschlossen, es nicht einzulösen.

Jetzt liegt es also mahnend in meiner Tasche. Eine Möglichkeit, dass es mir besser ginge und ich mal wieder richtigen, erholsamen Schlaf haben könnte.
Vielleicht hätte ich mich sogar für Variante A entschieden, wenn ich nicht jetzt frei hätte und den Inselurlaub dann vermutlich heulend im Bett verbringen würde (Orange lacht – als würde sie je zulassen, dass ich 4 Wochen krankfeiere).

Ich klammere mich daran, dass durch den Urlaub alles wieder gut besser wird. Und ärgere mich gleichzeitig, dass die Psychiaterin das Gleiche sagte und in meinen Ohren damit impliziert, ich sei nicht depressiv, sondern nur gestresst.

63 – …

Die Therapie nervt mich gerade. Natürlich ist der Ansatz einer Verhaltenstherapie der, mich aus der Passivität rauszuholen und selbst steuernd einzugreifen. Mir vor Augen zu halten, welche Mechanismen meiner Depression zugrunde liegen, mir zu erklären, warum sie mich gerade aus meinem Leben herauszieht und wovor sie mich schützen will. Alles logisch. Alles nachvollziehbar.
Aber ich will nicht verantwortlich dafür sein, ich will mich nicht auch noch schuldig und minderwertig fühlen, weil ich es selbst in der Hand habe.
So habe ich auch diese Woche wieder abgesagt, und nächste Woche ist die Therapeutin im Urlaub. Ob ich übernächste Woche dann hingehe, muss ich mal sehen. Auch zum Psychiater (Termin auch übernächste Woche) mag ich gerade nicht. Eigentlich mag ich gerade einfach überhaupt nichts machen, außer bis zum Urlaub durchhalten…