77 – Möbius?

Meine zweite Therapie endet bald, ich habe nichtmal mehr zwei handvoll Stunden übrig – Zeit für einen Rück- und Ausblick.

Der Anfang.

Meine erste Therapie (die ich viel zu spät, nämlich erst 2014 begann, aber das ist eine andere Geschichte) war tiefenpsychologisch. Hilfreich, um mich besser zu verstehen und die Vergangenheit, die mich zu dem Zeitpunkt wieder sehr stark belastete, aufzuarbeiten. Aber irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich das Gefühl hatte, meine Therapeutin zu langweilen. Das sagte ich ihr – und auch, wenn sie versuchte, mich vom Gegenteil zu überzeugen, war ein Bruch entstanden, der mich das Ganze vorzeitig beenden ließ.

Hochsensibel?

In der Zeit gegen Ende der ersten Therapie stieß ich auf das Thema “Hochsensibilität“ (HS) und beschäftigte mich intensiver damit. Für mich eine Offenbarung und ein garnicht mal so kleiner Anker in dieser Phase. Und etwas, mit dem ich mich künftig wieder näher auseinandersetzen möchte – vielleicht auch hier in Form eines eigenen Beitrages.

Therapie, die Zweite.

Im Zuge steigender beruflicher Anforderungen nagte die Depression Ende 2016 wieder besonders stark an mir. Suizidgedanken bzw. der Wunsch, einfach einen Unfall zu haben oder morgens nicht mehr aufzuwachen brachten mich dazu, es noch einmal mit einer Therapie zu versuchen. Mehr oder weniger durch Zufall landete ich bei einer Verhaltenstherapeutin, die mir neue Perspektiven aufzeigen konnte/kann.

Jetzt sind noch wenige Stunden übrig, einige (alle?) davon schon von mir für ein weiteres wichtiges Thema verplant. Eine mögliche Verlängerung steht im Raum, aber ich weiß noch nicht, ob ich weitermachen möchte.

Ziel erreicht?

Wenn man mich fragen würde, ob ich mein Ziel erreicht habe, müsste ich Nein sagen. Aber ich habe Schritte in eine bestimmte Richtung gemacht, die richtig und gut erscheinen.
Wie ich das Endziel definiere, weiß ich nicht so recht – denn nach so langer Zeit mit Depressionen stellt sich (auch für meine Therapeutin) die Frage, ob ich sie überhaupt jemals wieder ganz los werde. Aber Zufriedenheit wäre schön. Mit mir, mit meinem Leben, mit meinen Gedanken, den Höhen und Tiefen. Frieden schließen mit Alldem, und Leben. Erreichbar und realistisch – hoffentlich.

Gelerntes.

Was habe ich in den Therapien gelernt? Dass es Dinge gibt, die ich ändern kann, und Dinge, die ich nicht ändern kann. Für änderbare Dinge brauche ich Erkenntnis, Mut, (Selbst-)Vertrauen, Übung und Zeit. Und manchmal einen Tritt in den Hintern. Und die nicht-änderbaren? Eigentlich genau das gleiche.

Und jetzt?

Die Frage, die mir niemand beantworten kann. Dranbleiben, weil aufgeben keine Option sein darf.

Ich habe ein bisschen Angst vor dem Ende der Therapie, weil sie auch Struktur bedeutet, und ich über Dinge reden kann/konnte, über die es zu Reden mir sonst sehr schwer fällt. Vielleicht wäre eine Selbsthilfegruppe eine Möglichkeit, oder die Änderung meines Fokus auf andere Dinge statt meines eigenen Innenlebens. Oder – ganz verrückt – einfach beides. Ich werde sehen, wohin mich die nächsten Schritte führen…

5 Kommentare zu „77 – Möbius?“

  1. Da ich mich auch gerade in einer dem Ende nahenden Therapie befinde, fühle ich mich sehr von Dir angesprochen. Ich las gerade etwas, das vielleicht gut hier hin passt: „In seiner Prüfung und Erkenntnis war nichts von Resignation; voll Trotz und unternehmender Leidenschaft sah er dem neuen Leben entgegen, das kein Tasten und dämmerndes Irren mehr sein durfte, sondern ein steiler, kühner Weg bergan. […] Jetzt stand er arm und verspätet im hellen Tag, und vom dem gedachte er keine köstliche Stunde mehr zu verlieren.“ (H. Hesse: Roßhalde, 1914)

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