Ungesehen

Ich bin nicht beim Sport, und wir machen keinen Ausflug. Ich habe etwas Rückenschmerzen und heute schon ein ganzes Buch gelesen. Ich bin müde und fühle mich grauer, als ich es bei dem bunten Wetter draußen sollte. Und ich bin wütend, weil jemand schreibt, ob mir die Kur, wie meine Mutter und auch mein Vater es – scheinbar auch gegenüber Dritten – nennen, gut getan habe. Ich war in einem psychosomatischen Krankenhaus. Krankenhaus! Nicht Kur.
Vielleicht sollte ich zum Sport fahren…

Sehenden Auges

Es ist mir gänzlich unverständlich, dass ich auf der einen Seite sage – und es auch so meine -, dass ich etwas gegen die ES tun will, und auf der anderen Seite einfach genau so weitermache wie zu zuvor.
Mein Körper beginnt, natürliche weibliche Funktionen einzustellen, und ich bin stolz darauf, während ich gleichzeitig den Kopf über so viel Dummheit schüttle.

Heute lasse ich – wahrscheinlich, sofern ich es aushalte – zum zweiten Mal diese Woche Sport ausfallen. Wobei es eigentlich heißen sollte, dass ich meinen Muskeln und mir heute Regeneration gönne und deshalb einfach nur nicht zum Sport gehe, aber gut. Gestern erschien das sogar wie eine sinnvolle Entscheidung, heute springt der Gedanke pausenlos randalierend gegen die Gitterstäbe. Wie ich meinen Plan, künftig nurnoch 4 Mal in der Woche zum Sport zu gehen, umsetzen und ertragen soll, ist mir ein Rätsel. Hinzu kommt, dass wir uns heuteabend bei Freunden treffen und Pizza bestellen wollen. Eine absolut absurde Vorstellung, die in einem Salat enden und mich trotzdem den ganzen Tag beschäftigen wird.

Weniger ist mehr

Gestern habe ich ~75 kcal mehr gegessen, als durchschnittlich an den restlichen Tagen der letzten Woche. Heute gehe ich nicht zum Sport. Ich werde fett und unsportlich. Sagt die ES, während ich versuche, das auszuhalten und mir nicht doch noch das Auto der Schwiegereltern zu leihen, um ins Studio zu fahren. Denn eigentlich möchte ich ja zumindest mal dahin kommen, nicht weiter abzunehmen. Vielleicht. Falls da einmal die Woche ~75 kcal mehr als sonst und nur 6 Mal die Woche Sport reichen.

Into Darkness

Gut, der Titel ist vielleicht zu dramatisch gewählt, aber er gefällt mir. Denn auch, wenn die Tage okay bis gut sind und ich besonders heute über die Mühelosigkeit staune, mit der ich Sport, Einkaufen, andere Erledigungen und den Haushalt schmeiße – woran vor einigen Wochen nicht einmal zu denken gewesen wäre -, sind es die Abende, an denen sich zeigt, dass ich eben nicht geheilt bin, sondern nur bis zu einem gewissen Grad symptomfrei.
Wenn es Abend wird, sind die Cravings zurück. Nach Alkohol, nach Klingen, nach wie-auch-immer-induziertem Rausch. Der zweifelhafte Vorteil der ES ist, dass Alkohol aufgrund der Kalorien und SV aufgrund des Sports nicht näher in Betracht gezogen werden kann. Bleibt mir also nichts anderes übrig, als über die zugrunde liegenden Bedürfnisse nachzudenken und sie zu verstehen.
Am Montag startet meine Wiedereingliederung. Ich weiß noch nicht, wie ich das finde, aber dass beim näheren drüber Nachdenken auch Alkohol noch einmal an Attraktivität gewinnt. Deutlich.

Gewichtig

Seit die Fachmenschin mir mit einem imaginären PostIt zusätzlich die Diagnose Essstörung auf die Stirn geklebt hat, ist ebenjene in Feierlaune. Trötet munter in meinem Kopf umher und meint nun, sie wär echt wichtig. Zählt noch penibler jegliche Kalorien und wird noch strenger, weil, sie steht ja jetzt da auf dem gelben Zettelchen. Von einem Fachmenschen. Da kann man schonmal unter einem Anflug von Größenwahn leiden, gell.
An den vertraglichen Regeln, an denen ich arbeiten soll, beiße ich mir derweil die Zähne aus. Ich sage X, ES sagt weniger. Ich schlage Y vor, ES sagt nö. So winden wir uns umeinander und kommen auf keinen grünen Zweig. ES hat außerdem die tolle Idee, Schatz und mich zu belügen und gnadenlos weiterzumachen. Ganz hervorragend. Nicht.

Vertragsverhandlungen

Das Wochenende werde ich damit verbringen, einen Vertrag auszuhandeln. Mit mir – auf Geheiß meiner Therapeutin, die mir nun auch offiziell eine Essstörung attestiert. Ohne dass sie weiß, dass mein Zyklus gerade keiner mehr ist…

Weil ich noch die Kontrolle habe, soll ich aufschreiben, welche Regeln ab sofort gelten. Regeln, die die ES beschränken, nicht mich. Der vernünftige Teil in mir hat eine Idee, was da festgelegt werden könnte – der essgestörte Teil findet das aber garnicht witzig. Im Gegenteil, der feiert gerade, als solcher erkannt und gelabelt zu sein. Es geschafft zu haben.

Für Alkohol gibt es Regeln. Die habe ich vor ein paar Tagen aufgestellt, und meistens fühlt es sich okay an. Aber fürs Essen? Schwer. Richtig schwer.