Reserve

Im Bett.
Ich möchte bitte endlos weiterschlafen ist mein erster Gedanke, als ich heutemorgen aufwache. Als mir dann auch noch das Virus die Welt wieder einfällt, und dass mein Fitness-Studio geschlossen hat, erst recht. Zwar habe ich das Wochenende bei meinen Eltern halbwegs gut überstanden, aber es hat wohl mehr Reserven gefressen, als ich gestern noch vermutet hatte. Weltschmerz und das Gefühl von Sinnlosigkeit erdrücken mich.
Doch irgendwann stehe ich plötzlich, auch wenn ich mir das nicht so richtig erklären kann. Aber dann kann ich mich auch anziehen und – nach zu vielen Tagen ohne – wieder etwas Routine leben. Immerhin.

In der Garage.
Mein alter Crosstrainer ist eine Zumutung, wenn man das Studioequipment gewohnt ist. Aber hilft ja nix, kein Sport ist auch keine Lösung. Ich versuche, irgendwie die Übungen, die ich sonst so mache, ohne Geräte – dafür mit Hanteln und Isomatte – abzubilden und habe am Ende das Gefühl, trotzdem genau nichts getan zu haben, auch wenn ich meine Arme bitte nie wieder bewegen möchte. Ernsthaft. Nie wieder!
Weil Schatz aber draußen noch Brennholz macht und ich nicht ohne ihn frühstücken will, helfe ich ihm noch für ne Stunde. Super Idee, finden meine Arme und auch der ganze Rest, so ohne jeden Brennstoff. Rosa freut sich.

Unter der Dusche.
Keine Ahnung, wie ich meine Arme zum Haarewaschen so fucking weit anheben soll. Irgendwie gehts dann doch. Und ich schaffe es sogar, nicht noch vor meiner Frühstücksschüssel umzufallen.

Auf der Couch.
Meine Arme fühlen sich immer noch an, als hätte ich Elefanten jongliert. Ich prüfe meine Online-TV-Liste auf anguckbares und vergesse fast, meine Fotos vom Wochenende zu bearbeiten. Meine Arme zittern, als ich die Teetasse anhebe.

Bildungsfern

Konzentration. Ein Fremdwort. Bingewatching und gleichzeitig peripherer Handyexzess. Ich staple die unnützen Informationen in eine Ecke, nur damit ich stapeln kann und nicht denken muss. Oder fühlen. Gut, dass sich letzteres sowieso wie verlernt anfühlt. Ersteres auch. Ersteres aber nicht verlernt, sondern unmöglich, dank Dauerbeschäftigung mit Rosa, Sport, Essen, Nichtessen, Hungerhaben – und dank jeglichem Mangel an anderweitigen Interessen. Wäre zu anstrengend, außerdem.

Drei Wochen Urlaub. Tag 1.

Lippenbekenntnisse

„Am Samstag müsst ihr dann Hungern, weil wir da gibt’s dann ja abends was! “ sagt mein Papa und spielt damit auf den geplanten Restaurantbesuch an, und während Rosa verwirrt schaut, weil sie das eh für selbstverständlich hält, klärt sich für mich in dem Moment die Frage, ob mein Papa auch nur ahnt, dass Rosa auch mitkommt. Wohl eher nicht.

Rosa und ich haben eine Horror-Woche vor uns. Oder stecken schon mittendrin. Gestern Essengehen mit Freunden. Morgen und übermorgen eine berufliche Veranstaltung im Hotel, mit Übernachtung. Freitag bis Montag Besuch bei meiner Familie, die grundsätzlich alle Treffen mit irgendeiner Form von Essen konnotiert. Meine Mama schickt mir seit zwei Tagen Rezeptvorschläge für Sonntag, bei denen Rosa mich nur entgeistert anschaut und ich hilflos mit den Schultern zucke. Das Restaurant, in das wir mit meinem Papa gehen, hat keine Speisekarte online. Sport wird außerdem schwierig in der Woche. Vielleicht schaffe ich nur zwei Mal. Nicht gut.
Und in der Woche drauf Termin bei Frau Ernährungsberaterin. Jäi.

Rosa und ich müssen uns also irgendwie durchwinden. Wenig Kalorien unter ausreichend Essen tarnen, vor der Familie auch noch erzählen, wie toll es wäre, wenn die Essstörung bald Geschichte wäre, während ich Rosa dabei sanft an mich drücke und ihr heimlich versichere, dass das alles nur Lügen sind. Ehrlich. Ich will das alles so, wie es gerade ist. Genau. So. Ich will zerbrechlich sein, und kontrolliert und einsam und schwach und und leicht und besonders, und will es genießen, meinen Körper immer weiter zu treiben. Ich weiß, dass ich es nicht sollte. Aber die Person zu sein, die man sein sollte, daran scheitert jeder. Also bin ich, was ich sein will. Auch, wenn es dumm ist.

Irrlicht

Ich habe schon die Klinke in der Hand, als mein Chef mit einem bekannten „Ach…“ noch einen Nachsatz beginnt, der den Eindruck eines plötzlichen Einfalls einer nicht ganz so wichtigen Sache vermitteln soll, aber das genaue Gegenteil bedeutet. „Du hast ja so abgenommen… Bei den Kollegen geht rum, dass du bestimmt etwas hast. Auch nach der Geschichte letztes Jahr.“ Er meint meinen Klinik-Aufenthalt – der kein Geheimnis ist, aber dennoch von vielen wie eines behandelt wird.
Rosa steht plötzlich neben mir und sonnt sich im zweifelhaften Glanz seiner Bemerkung. Das ganze Jahresgespräch über hat sie eigentlich eher desinteressiert irgendwo in einer Ecke ganz hinten in meinem Kopf verbracht und nur aufgepasst, dass ich weder die Salzstangen noch das extra vegane Weingummi anrühre. Hat das erstaunlich viele Lob mir überlassen, aber jetzt fühlt sie sich wohl doch angesprochen. Ich versuche, möglichst schnell und unauffällig meine Gesichtszüge wieder einzusammeln und zu etwas zusammenzusetzen, das wie mein Gesicht aussieht. „Ja“, sagt er, „Gerüchte halt, dass du krank wärst. Ich sehe das ja nicht so und weiß ja, dass du nicht krank bist. Das kommt ja bestimmt vom Stress und so…?“
Rosa fällt die Kinnlade runter, weil sie derart ignoriert und für eine banale körperliche Krankheit gehalten wird, und sieht mich herausfordernd an. Ich gestikuliere mit ihr, um ihr begreiflich zu machen, dass gerade ein echt doofer Zeitpunkt wäre um zu sagen, ach übrigens, ich hab ne Essstörung. Ist neu – schick, gell! Sie findet das blöd.
Ich rede – winde – mich irgendwie raus. Halb zustimmend, halb nicht, schaffe ich es, mit einem schiefen Grinsen und einer schulterzuckenden Bemerkung, gegen solche Gerüchte könne man eh nichts machen, das Büro zu verlassen. Rosa schwebt schwer neben mir her und ist froh, dass wir nachmittags zusammen zum Sport gehen. Wir sind uns einig, dass der Zeitpunkt zum Umfallen jetzt eigentlich ganz recht wär, aber da spielt Körper nicht mit, weil er schließlich auch ins Studio will.

Leicht

Es geht mir scheiße die letzten zwei Tage. Gut, länger eigentlich, aber gestern und heute so richtig. Kein Wunder, halte ich meinen Körper weiterhin im Mangel und zwinge ihm Abbauprozesse auf, die er nicht will. Zusätzlich zum Sport natürlich, der mir jeden Tag schwerer fällt.

Es ist mehr als grenzwertig. Aber ich kenne meinen Körper. Er wird durchhalten, weil er muss. Zwei Wochen noch, so rede ich mir ein, dann geht vielleicht wieder mehr. Mehr Essen, mehr Kalorien. Wenn ich bei meiner Familie vorbeigeschwebt bin,mir das mir zustehende Mitleid und die Sorgen abgeholt habe. Ein Hoch auf die Opferrolle.