Actio und Reactio

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Meine Mama. Ein „Thema“, über das ich schon lange etwas schreiben möchte und bei dem ich wirklich hoffe, dass die ein oder andere Leserin (Leser dürfen sich analog angesprochen fühlen) ein paar Worte dazu für mich hat.

Körper…

Das Verhältnis zu meiner Mutter war während meiner Kindheit ganz normal, würde ich sagen. Es gab Streits, es gab Kuscheln, nichts besonderes. Bis auf die Dauer-Diät und ihr Problem mit dem Älterwerden (erst vor Kurzem erzählte mein Bruder, dass sie nun – mit fast 60 – Botox- und Hyaloroninjektionen hat machen lassen; ich warte eigentlich noch auf die Brust-OP, außerdem halte ich sie für Sportsüchtig oder -bulimisch), welches meinem eigenen Körperbild nicht gerade zu viel Selbstbewusstsein verholfen hat. Als Kind und bis zum Anfang meiner Pubertät war ich sehr dick, und bekam das von der ganzen Familie immer mal wieder zu hören. Jetzt liegt mein BMI dank Ess-Problemen der letzten Monate bei 19,1 und ich warte auf den Moment in 2 Wochen, wenn meine Mama nach langer Zeit zu Besuch kommt, und sagt: „Oh, bist du schön dünn!“.

…und Geist

Ich versuche, meiner Mutter an der Geschichte mit dem Körperbild keine Schuld zu geben. Ich musste selbst lernen, was sie nie beigebracht bekommen hatte. Ich halte mir seit einigen Jahren immer wieder vor Augen, dass mein Körper funktioniert, ich keine Einschränkungen habe und es wenige Dinge gibt, die ich sogar mag – und dass das das Wichtigste ist. Der Rest kommt vielleicht irgendwann…

Worüber ich schwer bis garnicht hinweg komme, sind andere Dinge.

Zum einen wäre da die Scheidung meiner Eltern vor 12 Jahren. Wobei die Scheidung selbst nicht das Schlimme war, da meinem Bruder und mir schon als Jugendlichen klar war, dass Mama und Papa eigentlich nicht (mehr?) zusammenpassen. Schlimm – oder geradezu vernichtend – empfand ich, dass meine Mama mir und meinem Bruder bei einem Mittagessen sagte, sie werde gehen. Als Papa nachmittags heimkam, tranken wir zu Viert Kaffee und ich starb innerlich. Als Papa mich anschließend in einer einstündigen Fahrt in meine Wohnung fuhr, starb noch mehr. Als Papa zwei Tage später, nachdem er von seinem wöchentlichen Schwimmtermin heimkam und nach 25 Jahren Ehe einen Zettel meiner Mama vorfand, bei mir anrief, war ich nicht nur tot, sondern zerstört.
Ich war schon vorher depressiv (was niemand bemerkte), aber das Loch im Anschluss war eines der Tiefsten, in dem ich je war.
Jahre später versuchte ich (per Mail, weil ich darüber reden nur schwer aushalte), einige Fragen mit Mama zu klären, die Antworten blieben aber wenig aufschlussreich. Sie war weggelaufen, und hat sich meiner Ansicht nach nie ernsthaft damit auseinandergesetzt. Bestimmt hatte sie auch daran zu knabbern, aber ich glaube, sie ist eine Meisterin darin, so etwas zu verdrängen.

Zum anderen ist da diese nicht greifbare Distanz, die sich – vielleicht auch erst durch die Trennung und/oder meinen Umzug 800km weiter zu Schatz – eingeschlichen hat und die ich nicht überbrückt bekomme.
Ich wünsche mir Austausch mit Mama. Ich wünsche mir Mitgefühl. Beispielhaft möchte ich eine aktuelle Situation schildern – dazu muss man wissen, dass wir oft WhatsApp-Nachrichten schreiben, aber nur selten telefonieren, weil ich vor Jahren, als wir über die Trennung sprachen, sagte, dass ich darüber erstmal nicht am Telefon reden möchte. Meine Mama machte daraus bis heute ein Telefon-Embargo, welches nur seltenst ausgesetzt wird.
Also, WhatsApp. Vor einigen Wochen, als es mir plötzlich so gut zu gehen schien, schrieb ich ihr das auf ihre wöchentliche „Schönes-Wochenende-Wie-gehts-euch?“-Nachricht mit der Hoffnung, vielleicht das Ende einer depressiven Episode erreicht zu haben. Zurück kam geradezu überschwänglich, wie sehr sie das freut und dass das ja ganz toll sei usw. Natürlich freute ich mich darüber, es ging mir ja gut.
Dieses Wochenende ist wirklich besch***, es geht mir nicht gut. Gestern also wieder die übliche wöchentliche Nachricht. Ich schrieb „Geht so“ zurück. Vielleicht war das zu wenig dramatisch? Allerdings, auf ein „nicht so gut“ kenne ich identische Reaktionen. Denn es kam zwar eine Antwort auf den restlichen Inhalt meiner Nachricht, aber sonst einfach nichts.
Wäre es ein Einzelfall, würde ich da jetzt garnicht drüber schreiben. Aber das ist es nicht, es ist die Regel. Wenn ich etwas schönes schreibe, kommt auch ganz viel zurück. Wenn ich schreibe, dass es mir nicht gut geht, wird es ignoriert.

Erklärungsversuche

Ich versuche jedes Mal, eine Erklärung dafür zu finden. Ist sie hilflos? Hat sie viel um die Ohren? Nimmt sie mich nicht ernst? Erwarte ich zu viel? Kann sie nicht anders?
Letzteres frage ich mich deshalb, weil ich auf mein Outing vor 4 Wochen ggü. meiner Familie einfach auch keine Reaktion (bis auf zwei Küsschen-Nachrichten, die ich sehr lieb fand) bekam. Keine Nachfrage, nichtmal ein doofer Kommentar. Nichts, nur Schweigen.
Ich versuche auch jedes Mal, mich nicht so getroffen zu fühlen. Mir eine Erklärung auszudenken. Aber keine der Ausreden, die ich mir ausdenke, befriedigt das kleine Flügelwesen, das einfach nur gedrückt und verstanden werden will. Ich erwarte nicht, dass sie sich spontan ins Auto setzt und 800km fährt (wobei, an den Tagen der Katastrophe wäre auch das angemessen gewesen), aber Anteilnahme wäre toll. Ein „das-tut-mir-leid-kann-ich-etwas-tun?“, ein „magst-du-drüber-reden?“ oder auch nur ein „ich-drück-dich!“.

Ich wollte raus aus dem Schweigen. Aber nur, weil ich etwas sage, heißt das noch lange nicht, dass auch andere nicht mehr schweigen.

Märchenpark

Gibts die eigentlich noch? In meiner Kinheit jedenfalls gab es sie. Kleine, vermeintlich schnuckelige (Wald-)Märchenparks für die ganze Familie, mit kleinen und großen Dioramen, mechanischen Figuren und Lautsprechern, aus denen das passende Märchen erzählt wurde.
Mein Bruder liebte es, meine Eltern waren ganz hingerissen und meine Großeltern ebenfalls. Ich fand sie immer … beklemmend … gruslig … mir fehlt das richtige Wort.
Mein Bruder und meine Familie sahen bunte Geschichten und freuten sich auf jeden Besuch. Für mich war es nicht mehr als ein Pflichtbesuch, und ich sah staubige, vernachlässigte Kulissen, durchgescheuerte Gewänder, hakende Mechanik und hörte dazu das Rauschen und Knistern der Lautsprecher. Ich wollte dort nie sein, aber als Kind hatte ich keine Wahl – oder traute mich nie, zu sagen, dass ich dort nicht hin mochte, weil ich sah, wie jeder funkelnde Augen bekam und ich dachte, dass ich nicht normal bin.

Staub

Märchenparks fielen mir erst vor ein paar Tagen wieder ein, eine Ewigkeit habe ich nicht mehr daran gedacht. Keine Ahnung, warum sie mir jetzt wieder eingefallen sind.

100 – Dickicht

Die letzten Beiträge gingen nun doch immer sehr Richtung Tagebuch oder inflationären Gedankensalat. Meinen einhundertsten Beitrag (genau genommen ist es der einhundertunderste, weil ich einen nicht mitgezählt habe) möchte ich zur Reflektion nutzen – und als Ankündigung, künftige Beiträge nicht mehr zu nummerieren 😉

Therapie-Ende

Das nahende Ende der Therapie beschäftigt mich mehr, als ich es gedacht oder erwartet hätte. Fünf Sitzungen sind noch übrig, eine weitere ist dann nach einem halben Jahr “ohne“ geplant.
Wir sind auf einen zweiwöchigen Abstand gegangen, vorher war es einmal die Woche – schon diese Ausdehnung macht es mir schwer, weil ich über manche Dinge dann zwei Wochen nicht reden kann. Ich fühle mich beinahe verzweifelt bei der Suche nach einem Ersatz dafür und frage mich gleichzeitig, ob ich mein Therapie-Ziel überhaupt erreicht habe, wenn ich so etwas suche.
Über meine vergebliche Suche nach einer Selbsthilfegruppe schrieb ich bereits. Freunde, mit denen ich über diese Dinge reden könnte (und möchte), habe ich nicht. Mit Schatz möchte ich manches ebenfalls nicht besprechen, und bei meiner Familie … da mache ich wohl mal einen separaten Beitrag.
Eine Variante wäre vielleicht noch, die SHG in der Nachbarstadt mal zu besuchen, um dort Kontakte für eine Bekanntschaft oder Freundschaft im näheren Umfeld zu finden.
Ich habe mich über Facebook noch aus einer recht spontanen Laune heraus bei einer geschlossenen Gruppe zu Depression und anderen psychischen Krankheiten angemeldet, aber da fühle ich mich am ersten Tag meiner Freischaltung schon von der Masse an Beiträgen überfordert, und außerdem habe ich dort wieder die irrationale Angst, wegen meines Klarnamens von irgendwem gefunden zu werden, der es besser nicht getan hätte. Sehr wahrscheinlich werde ich noch heute wieder austreten – ich kenne mich.

Und jetzt?

Eine Frage, die ich mir dauernd stelle. Was passiert jetzt, wie mache ich weiter, wo ist mein Fokus? Wer bin ich, und wie soll es weitergehen?
Ich hatte nie einen Master-Plan fürs Leben. Ich bin niemand, der sagt, in fünf Jahren möchte ich Dieses und Jenes erreicht haben. War ich noch nie. Mein Leben ergibt sich, und das ist auch vollkommen okay so.
Trotzdem fühle ich mich gerade perspektivlos. Die Therapiestunden sind immer ein kleiner Anker. Und die Gedanken an die nächste Stunde und die (viel zu oft viel zu intensive) Beschäftigung mit mir selbst ist ein Teil meines Lebensinhaltes.

Ausgefüllt

Das wird es wohl sein. Mein Leben braucht Sinn, Inhalt. Beim Sinn denke ich garnicht an große Dinge, sondern an sehr egoistischen, aber vielleicht trotzdem gesunden Sinn, wie Zeit mit den mir wichtigen Menschen verbringen, schöne Dinge entdecken, fotografieren – leben halt. Am Inhalt könnte es scheitern. Weil zu viel Inhalt mich überfordert und überlastet, und zu wenig dazu führt, dass ich ungesund viel Zeit allein mit meinen Gedanken verbringe. Also muss ein Mittelweg her. Den zu erarbeiten sollte ich wohl, und das kommt mir gerade erst, während ich hier schreibe und bestätigt so meinen Reflektionsgedanken, mit meiner Therapeutin noch als gemeinsames Ziel der letzten Stunden definieren.

99 – Selbsthilfe.Gruppe?

Ich bin auf der Suche nach einer Selbsthilfegruppe. Die Therapie endet bald, und ich denke, dass es mir helfen würde, weiterhin einen Ort zu haben, an dem ich über die Depression reden kann.
Also suchte ich mir im Internet die Finger wund, und bat auch Frau Therapeutin um Hilfe. Das Ergebnis?

Nö.

Es gäbe zwei Möglichkeiten. Einmal in der Stadt, in der ich arbeite. Jeden zweiten Mittwoch von 18-20 Uhr – da sich dann heimfahren nicht lohnt, hätte ich mit Fahrzeit einen 15-Stunden-Tag vor mir und brauche dann erst recht eine Selbsthilfegruppe 😉 Oder in der nächstgrößeren Stadt, 18.30-20 Uhr. Genauso sinnfrei, da 35 km entfernt, dann fahre ich bloß hin und her an den Tagen.

Ich wohne nahe einem Ort (8km entfernt), in dem es gefühlte 20 psychosomatische Kliniken gibt. Aber keine SHG, weil das Einzugsgebiet deutschlandweit ist.

Landleben halt.

Das ist der Preis vom Landleben. Eine Therapeutin habe ich dank der Kliniken etc. zum Glück schnell gefunden, aber jetzt…
Ich fühle mich wie besessen von dem Gedanken, eine SHG zu brauchen (vielleicht würde es mir nichtmal taugen, wer weiß?), und ich fühle mich total hilflos, dass ich nichts brauchbares finde…

97 – Fluchtgedanken

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Ich will weg. Eine Tasche packen, mir den Autoschlüssel schnappen, und still und heimlich (n)irgendwo hin fahren. Niemandem sagen, wo ich bin – niemandem sagen, wer ich bin.
Schlafen, essen, denken, mit mir allein sein. Sonst nichts.

Raus!

Diese Phasen habe ich öfter mal. Dann will ich alles hinschmeißen und abhauen. Nicht, dass ich ein Ziel hätte, oder wüsste, was ich dann tun würde – oder für wie lange. Einfach raus.

Natürlich (?) kann ich das nicht einfach so in die Tat umsetzen. Es würde, gerade in Anbetracht der „Katastrophe“, Schatz aus der Bahn werfen. Außerdem habe ich einen Job, muss Geld verdienen und kann nicht einfach untertauchen. Und es ist nicht so, dass ich Schatz verlassen will, ganz und garnicht.

Ein Tagtraum

So ist und bleibt das Ganze ein Tagtraum. In dem ich mich nicht mit den Konsequenzen meines Handelns herumschlagen oder mich rechtfertigen muss. In dem ich nicht meinen Job, meinen Mann oder mein Haus verliere. Oder und.
In dem ich abhauen und alles hinter mir lassen kann – nicht nur die „Katastrophe“ und Probleme, sondern auch die Depression, und den Rest meines Ichs, das ich loswerden will. Und in dem sich andere um mich sorgen, weil sie nicht wissen, wo ich bin und warum ich das getan habe. Wann ich wiederkomme. Ob ich wiederkomme.
In dem ich eine Rasierklinge dabei habe.

96 – Grenzüberschreitung

Bald kommen mein Bruder und mein Schwager zum Frühstück, danach haben wir einen Ausflug geplant. Ich möchte nur zurück ins Bett. Meine Grenzen sind weit überschritten, und Schuld bin ich selbst. Weil ich sie kenne, und ignoriere.
So viel Zeit mit anderen zu verbringen, stresst mich enorm. Das Gefühl, fremdbestimmt zu sein, keine Zeit für mich zu haben, keine Rückzugsmöglichkeit.
Und dann kommt der Anteil um die Ecke, der sagt, ich soll mich nicht so anstellen, schließlich sind es nur 2 1/2 Tage, und ich muss mich doch nur zusammenreißen. Also reiße ich mich zusammen, ignoriere den Kopfschmerz, die Gedanken, das Ruhebedürfnis und denke beinahe minütlich an meinen freien Tag am Dienstag, bis zu dem ich es halt einfach aushalten muss.