Systemrelevanz

Rosa hatte gestern einen fantastischen Tag – stand sie doch die ganze Zeit im Zentrum meiner Aufmerksamkeit und durfte sich auf Instagram ganz besonders austoben. Immerhin billigt sie dafür gerade, dass ich abends noch ungetrackt diverse Beerensträucher im Garten abgrase, da ist das wohl nur fair.

Körper hat heute keine Lust. Die Treppe, die mich im Homeoffice von der Kaffeemaschine und der Toilette trennt, gleicht dem Everest jedes Mal mehr. Sport?! lautet seine nicht unberechtigt sehr zweifelnde Frage, aber er kennt die Antwort. Rosa gibt sie vor.
Aber er mag nicht. Er mag echt nicht. Also trennt Rosa mich von ihm – noch mehr als sonst. Und beinahe treibt sie es zu weit dabei, denn auch wenn das Gefühl irgendwie interessant ist, neigt der Körper deutlich mehr als einmal zur Selbstaufgabe und nutzt mein nicht mehr konzentrationsfähiges Hirn gegen mich.

Ich stehe daneben und betrachte. Beobachte. Mal fasziniert, mal fassungslos, mal kopfschüttelnd. Abwartend. Die Zeit vergessend, die unwiederbringlich zerfließt.

Brüchig



Sie fühlt sich wie eine Schnecke. Aber anders als bei normalen Schnecken ist ihr Häuschen festgenagelt, und es zu verlassen wird durch die viele Zeit, die sie nun schon gezwungenermaßen darin verbringt, nicht leichter. Im Gegenteil, sie liebt ihr Häuschen und die Sicherheit darin von Tag zu Tag mehr. Die Berechenbarkeit. Die Zweisamkeit, die Einsamkeit. Der wohl dosierte digitale Kontakt, der etwas unverbindliches und leichtes hat, weil er sich ebenso gut kontrollieren wie ignorieren lässt.

Buchstaben, die ebenso den Inhalt von Gedanken wie Bücher befüllen, tanzen vor ihren Augen wie Glühwürmchen umher und geben weder im Innen noch im Außen einen Sinn. Je mehr es sind, desto weniger will sie sich damit befassen. Bücher verstauben, Zeitschriften stapeln sich zu nur zur Hälfte gelesenen kleinen Türmchen und Gedanken bleiben unvollendet.

Zu Glas erstarrte Tagesabläufe lenken sie und lassen keine Abweichungen zu. Sie sind scharfkantig und kalt, aber der Druck, den sie beim Hindurchgehen erzeugen, hält sie warm und gleicht einer Umarmung.

Rosa als selbstverständliche Begleitung an der Hand kann sie es nicht verantworten, sie dieser Gefahr auszusetzen. Also sucht und erfindet sie Gründe. Manipuliert. Verschiebt, damit es nur nicht morgen ist. Jederzeit, aber nicht morgen.

Konglomerat

Latentes Kopfweh, Schmerzen in diversen Gelenken und anderer, vermutlich weitgehend selbst verschuldeter wie provozierter Körperkram machen diesen Tag anstrengender, als er sein sollte.
In einer Woche soll ich mich bei Frau Ernährungsberaterin melden, ohne dass ich auch nur die Spur einer Idee weiter bin, was ich machen will.
Aber auch viel Schreiben gehört gerade nicht dazu.

Drachentöter

Mehr durch Zufall als aus Absicht bin ich über sie gestolpert. Meine Träume, die schon lange tot und inzwischen nurnoch wenig erkennbar in einer Ecke vor sich hin verwesen. Es ist nicht mehr als eine Feststellung, dass sie dort liegen. Kein Bedauern, jedenfalls kaum. Ein dumpfes Erinnern vielleicht, an das, was sie mal waren, bevor sie zu einem Haufen Leichen wurden.

Siebenundreißig als neuer Negativrekord meines Pulses. Aber das nur am Rande, auch wenn ein kleiner Teil von mir sich fragt, ob ich es nicht vielleicht doch ein klitzeminikleines bisschen zu weit treibe. Der Sterben als reale Gefahr erkennt und es nicht als rein hypothetisches, niemals in den Bereich des überhaupt Möglichen kommendes Konstrukt abtut.

Beim Anblick der vor sich hin rottenden Traumreste zu meinen Füßen frage ich mich, was nun überhaupt noch als Motivation dienen könnte, mit Rosa die Bedingungen unserer Co-Existenz neu zu verhandeln. Mir fällt nichts ein.

Zerfall

Feiertag! raunzt mein Körper mir in der Früh entgegen, als ich aufwache. Jede Faser meiner physischen Existenz wehrt sich dagegen, mich auch nur rumzudrehen, weil ich wohl schon zu lange in dieser Position liege. Zu anstrengend lautet die einhellige Meinung.

Weil der Körper aber gerade nichts ist, was besonderer Beachtung bedarf, stehe ich trotzdem auf. Kaffe, Handy, Sofa. Morgenroutine an einem freien Tag.
Zwischen Hashtags und weiterhin ignoriertem Körper muss ich an das Gespräch von gesternabend mit Frau Ernährungsberaterin denken, der ich Anfang der Woche anstelle eines Essensprotokolls einen kleinen Seelenstrip geschickt hatte. Worte wie Sorgen, Therapeutensuche, Klinikaufenthalt und im Notfall Krankenhaus fallen. Wir verabreden, dass ich bis Ende April nachdenke und mich dann wieder bei ihr melde.

Sport ist der nächste Tagesordnungspunkt. Auch wenn mein Körper gerne auf dem Sofa bleiben würde, nehme ich ihn mit, weil es ohne nunmal nicht so richtig funktioniert. Eine Weile lang macht er auch brav mit, aber die letzten 10 Minuten vom Crosstrainer verweigert er. Ich lasse ihn gewähren und nehme ihn mit duschen, danach frühstücken wir.

Ein bisschen fotografieren, Bilder bearbeiten und Youtube leergucken später stelle ich entsetzt fest, wie viel noch von diesem wundertollen, warmen, sonnigen Frühlingsfeiertag übrig ist und wie wenig von mir. Schlafen wäre fantastisch, aber das müsste ich begründen, und Schatz hat bisher keine Ahnung von dem, was die letzten Wochen in meinem Kopf passiert, weil ich ihn rigoros aussperre. Und wenn ich ihn reinlasse, kann ich wohl nicht mehr so weitermachen, also nagle ich noch ein paar Bretter mehr von Innen an die Fenster.