Der blinkende Cursor mahnt, nun doch auch etwas zu schreiben, wenn ich schon eine Überschrift eintippe und das Gefühl habe, schon zu lange nichts mehr geschrieben zu haben. Aber viel ist da gerade nicht, was aufs virtuelle Papier will. Fast herrscht gerade so etwas wie eine ausgewogene Work-Life-Balance, die ab Montag mit Ende der Wiedereingliederung auf die Alltagsprobe gestellt wird, auch wenn dieser sich zunächst – und zum Glück – in Teilzeit darstellen wird.
Es klappte bisher gut, den Sport in den noch-nicht-ganz-Alltag zu integrieren, genau wie die ES, die vor den Augen meines Mannes alles abwiegt und beteuert, nicht zu wenig essen zu wollen, während sie insgeheim die Zahl feiert, die da heute beim Wiegen im Fitnessstudio stand, weil nun auch der BMI offiziell ES flüstert. Ich selbst dagegen war ehrlich etwas geschockt, also streiten wir heute, die ES und ich. Weil Schatz am Wochenende gerne selbstgemachten Flammkuchen essen würde, und ich schon auch, aber die ES diese fucking große Menge an Kalorien sieht und Panik schiebt. Ich versuche, mich ihr anzunähern und Teigauswahl, Saucenuntergrund und Belag zu verhandeln, aber sie zeigt sich zäh, hält ihr Dagegen-Schild stur in meine Richtung und flüstert, dass es schon verdammt schräg cool ist, seine Tage samt Krampfgedöns nicht mehr zu haben. Tatsächlich ist mir ihr Verhalten gerade eher peinlich, aber auch das findet sie doof.
Schlagwort: Sport
Ungesehen
Ich bin nicht beim Sport, und wir machen keinen Ausflug. Ich habe etwas Rückenschmerzen und heute schon ein ganzes Buch gelesen. Ich bin müde und fühle mich grauer, als ich es bei dem bunten Wetter draußen sollte. Und ich bin wütend, weil jemand schreibt, ob mir die Kur, wie meine Mutter und auch mein Vater es – scheinbar auch gegenüber Dritten – nennen, gut getan habe. Ich war in einem psychosomatischen Krankenhaus. Krankenhaus! Nicht Kur.
Vielleicht sollte ich zum Sport fahren…
Sehenden Auges
Es ist mir gänzlich unverständlich, dass ich auf der einen Seite sage – und es auch so meine -, dass ich etwas gegen die ES tun will, und auf der anderen Seite einfach genau so weitermache wie zu zuvor.
Mein Körper beginnt, natürliche weibliche Funktionen einzustellen, und ich bin stolz darauf, während ich gleichzeitig den Kopf über so viel Dummheit schüttle.
Heute lasse ich – wahrscheinlich, sofern ich es aushalte – zum zweiten Mal diese Woche Sport ausfallen. Wobei es eigentlich heißen sollte, dass ich meinen Muskeln und mir heute Regeneration gönne und deshalb einfach nur nicht zum Sport gehe, aber gut. Gestern erschien das sogar wie eine sinnvolle Entscheidung, heute springt der Gedanke pausenlos randalierend gegen die Gitterstäbe. Wie ich meinen Plan, künftig nurnoch 4 Mal in der Woche zum Sport zu gehen, umsetzen und ertragen soll, ist mir ein Rätsel. Hinzu kommt, dass wir uns heuteabend bei Freunden treffen und Pizza bestellen wollen. Eine absolut absurde Vorstellung, die in einem Salat enden und mich trotzdem den ganzen Tag beschäftigen wird.
Verzerrung
°Triggerwarnung°
Zweidimensional betrachtet sehe ich die Auswirkungen der Essstörung und mein rationales Denken, das mehr essen für sinnvoll bis notwendig hält. Darunter liegt eine Subdimension nach der anderen, und jede beginnt mit einem Aber.
In der Zweierdimension sehe ich auf Fotos, wie dünn ich geworden bin. Mein Körperfettanteil schmilzt dahin, mein Gewicht ebenso, mein BMI ist nur 1 kg von der als anorektisch definierten Grenze entfernt. Ich sehe, wie meine letzten Jeans auch zu weit werden, und dass ich jetzt besser nicht körperlich krank werden sollte, weil die Reserven fehlen. Ich sehe, dass ich so bei dem vielen Sport keine Muskeln aufbauen kann, und dass meine Menstruation möglicherweise dieses Mal komplett ausbleibt. Ergo sollte ich meine Energiezufuhr erhöhen, ganz einfach. Gewicht halten als erstes Etappenziel.
Dann kommen die verschlungenen Subdimensionen ins Spiel.
Aber ich finds geil, zum ersten Mal in meinem Leben so dünn zu sein.
Aber mein kleiner Aufmerksamkeitsjunky liebt es, dass meine Mama (und mein Arzt, und die Fitnesstrainer, und mein Papa, und mein Bruder, und …) sich Sorgen macht.
Aber ich habe keine Ahnung, um wie viel ich meine Kalorienzufuhr erhöhen darf ohne wieder Fett zu werden.
Aber ich will meinem Hunger nicht nachgeben.
Aber ich bin noch garnicht dünn genug, um ernsthaft was zu ändern.
Aber ich mag keine Zwischenmahlzeit einbauen.
Aber ich liebe meine Knochen.
Aber ich möchte weiterhin meine Muskeln sehen und ums Verrecken keinen höheren Körperfettanteil.
Aber ich kann noch eine Million weitere Gründe finden, erst morgen (dann aber wirklich – vielleicht) mit mehr Kalorien anzufangen.
Gestern habe ich Schatz erzählt, dass ich es so schwer finde, auch wenn ich nur wenige der Subdimensionen im Gespräch überhaupt angekratzt habe. Ich zeige mich willig, etwas dagegen zu tun und bitte ihn, mit drauf zu schauen. Die ~200 kcal weniger, die ich gestern irgendwie unbeabsichtigt weniger esse als sonst, fallen dabei nicht auf, weil er keinen Plan hat, wo welche Energie drinsteckt und ich ihm meine Tagesübersicht einfach nicht zeigen kann.
Die Subdimensionen haben sich so fest um mein rationales Denken geknotet, dass sie sich nur fester ziehen, wenn ich sie zu entwirren versuche. Und es ist nicht so, dass ich das Entwirren nicht wollen würde. Aber die ES will eben auch. Mehr, vielleicht.
Weniger ist mehr
Gestern habe ich ~75 kcal mehr gegessen, als durchschnittlich an den restlichen Tagen der letzten Woche. Heute gehe ich nicht zum Sport. Ich werde fett und unsportlich. Sagt die ES, während ich versuche, das auszuhalten und mir nicht doch noch das Auto der Schwiegereltern zu leihen, um ins Studio zu fahren. Denn eigentlich möchte ich ja zumindest mal dahin kommen, nicht weiter abzunehmen. Vielleicht. Falls da einmal die Woche ~75 kcal mehr als sonst und nur 6 Mal die Woche Sport reichen.
=)
Ich habe seit Tagen jedes Mal, wenn ich vom Sport komme, das Gefühl, als ob ich etwas vergessen hätte. Habe ich nicht.
Heute der Gedanke: Vielleicht ist es so, weil ich mich danach so leicht fühle im Kopf.
Ja, das ist es. Und es ist gut.