Sog

Aufstehen. Warum eigentlich? Der Sinn erschließt sich mir nicht so recht. Genausowenig, warum ich Montag schon wieder arbeiten muss – habe ich doch nach meinem Urlaub schon zwei Tage, reicht das nicht?

Meine Tageskalorien bewegen sich seit ca. zwei Wochen wieder auf Prä-Ernährungsberatungs-Niveau, dazu fünf Mal die Woche Sport. Findet mein Körper nicht so super, sagt er und erzeugt schon nach dem Aufstehen eine nahezu unüberwindbare gravitative Kraft in Richtung Sofa und allen anderen sich bietenden Sitzgelegenheiten.
Rosa zeigt sich dagegen ziemlich zufrieden, weil nur diese Form der Erschöpfung die Untätigkeit beinahe entschuldbar macht.

Der zwischenzeitliche Gedanke, alles rund um die Essstörung die alle meinen, die ich habe, mal genauer aufzudröseln, zerschellt am Energiedefizit und liegt damit neben allen anderen Aufgaben, die ich heute nicht erledigen kann, auf einem größer werdenen Haufen. Ich sollte die Unterlagen von Frau Ernährungsberaterin dazu legen und ihn einfach anzünden, dann wäre mir wenigstens warm.

Kartenhaus

Das Telefon klingelt. Ich möchte nicht rangehen, aber Schatz ist etwas zu früh aus dem Garten zurück und erwartet genau das von mir, also tue ich es, aber nicht ohne mich zwei Räume und zwei geschlossene Türen weit weg damit zu verkriechen.

Eigentlich kam es mir sehr gelegen, als gestern Frau Ernährungsberaterin schreibt, dass wir den von mir unter Ausreden auf heute verschobenen Termin auch telefonisch abhalten können. Fast zwei Monate haben wir uns nicht gesehen und gesprochen, ich habe getroffene Vereinbarungen nicht eingehalten und mir trotzdem eingeredet, dass ich eigentlich gar nicht so bin.
Letzte Nacht habe ich kaum geschlafen, was nicht nur daran liegt, dass vorgestern mein letzter Urlaubstag war, sondern auch an Rosa, mit der ich stundenlang überlege, was wir Frau Ernährungsberaterin dann heute erzählen. Oder ob wir nochmal Ausreden für eine erneute Verschiebung suchen. Oder gleich sagen, dass wir keinen Bock mehr auf sie haben. So gar keinen.

Als ich mich endlich entscheide, den Termin heute abzusagen, ist es bereits 10 vor. Zu spät. Also entscheide ich, den Anruf einfach ins Leere laufen zu lassen und Schatz irgendwas zu erzählen. Nunja – siehe oben.

Ich nenne ihr mein – verursacht von den wenigen Hormonen, die noch übrig sind und zwar nicht für eine Menstruation, aber immerhin für einen zyklisch schwankenden Körperwassergehalt reichen – Höchstgewicht der letzten Wochen als mein aktuelles und lasse dabei außen vor, dass ich diese Woche einen neuen Tiefststand erreicht habe.
Ich berichte von Zwischenmahlzeiten und erwähne dabei nicht, dass sie nur noch auf dem Papier existieren.
Ich rede von Kalorien- und Portionsgrößen, die sich in Wirklichkeit den Platz mit den Zwischenmahlzeiten teilen.
Ich erzähle vom geschlossenen Fitnessstudio und nicke ins Telefon, als sie mir für wenig bis keinen Sport und leichte Zunahme Zuspruch gibt und verschweige dabei, dass ich mit 5 Mal pro Woche sogar noch öfter und intensiver Sport mache als vorher.

Für nächste Woche vereinbaren wir einen weiteren Termin, weil sie mir noch Unterlagen per Post zuschicken möchte und ich von morgen bis Montag ein Essprotokoll faken führen und per Mail an sie senden soll.

Ich halte Rosa fest an der Hand, und sie mich. Wir Zwei gegen den Rest dieser verrückten, durchgeknallten, kaputten und sinnlosen Welt. Schatz darf an die andere. Aber nur, wenn er Rosa nicht im Weg ist.

Freischwebend

Wie ist denn dein Körpergefühl?“ fragt Schatz. „Er ist halt da“ erwiedere ich, lasse die Frage so im Endeffekt unbeantwortet und schicke Schatz mal wieder – wie fast immer in letzter Zeit – auf Distanz.

Social distancing? Kann ich. Übe ich jeden Tag, auch an mir selbst. Der Körper macht halt, was er soll. Ist eine Notwendigkeit zur Existenz, auch wenn ich mich zur Gänze kontaktlos fühle. Aber nicht nur zu ihm, auch zu allem anderen. Nirgends ist eine Verbindung vorhanden, alles ist abstrakt und ewig weit weg. Ich bin auf einen winzig kleinen Punkt in meinem Kopf geschrumpft, gekettet an selbst auferlegte Regeln und Routinen, die nicht hinterfragt werden.

(Körperliche) Nähe ist eine nicht näher definierte Bedrohung und bestenfalls lästig, Kontakte werden so oberflächlich wie möglich gehalten. Der winzige Teil in mir, der sich nichts mehr wünscht als Halt und Wärme und Tiefe, wird negiert, sobald er sich auch nur ansatzweise zeigt.

Ich habe das Gefühl, Du verneinst Dich andauernd selbst?
Ich frage mich, ob die Ernährungsberatung wirklich das Richtige ist, oder nicht doch mehr nötig wäre?
Zwei weitere Sätze von Schatz aus dem Gespräch. Beide bleiben – auch im Innen – unbeantwortet.

Nichts hören. Nichts sehen. Nichts sagen. Nichts denken.

Lippenbekenntnisse

„Am Samstag müsst ihr dann Hungern, weil wir da gibt’s dann ja abends was! “ sagt mein Papa und spielt damit auf den geplanten Restaurantbesuch an, und während Rosa verwirrt schaut, weil sie das eh für selbstverständlich hält, klärt sich für mich in dem Moment die Frage, ob mein Papa auch nur ahnt, dass Rosa auch mitkommt. Wohl eher nicht.

Rosa und ich haben eine Horror-Woche vor uns. Oder stecken schon mittendrin. Gestern Essengehen mit Freunden. Morgen und übermorgen eine berufliche Veranstaltung im Hotel, mit Übernachtung. Freitag bis Montag Besuch bei meiner Familie, die grundsätzlich alle Treffen mit irgendeiner Form von Essen konnotiert. Meine Mama schickt mir seit zwei Tagen Rezeptvorschläge für Sonntag, bei denen Rosa mich nur entgeistert anschaut und ich hilflos mit den Schultern zucke. Das Restaurant, in das wir mit meinem Papa gehen, hat keine Speisekarte online. Sport wird außerdem schwierig in der Woche. Vielleicht schaffe ich nur zwei Mal. Nicht gut.
Und in der Woche drauf Termin bei Frau Ernährungsberaterin. Jäi.

Rosa und ich müssen uns also irgendwie durchwinden. Wenig Kalorien unter ausreichend Essen tarnen, vor der Familie auch noch erzählen, wie toll es wäre, wenn die Essstörung bald Geschichte wäre, während ich Rosa dabei sanft an mich drücke und ihr heimlich versichere, dass das alles nur Lügen sind. Ehrlich. Ich will das alles so, wie es gerade ist. Genau. So. Ich will zerbrechlich sein, und kontrolliert und einsam und schwach und und leicht und besonders, und will es genießen, meinen Körper immer weiter zu treiben. Ich weiß, dass ich es nicht sollte. Aber die Person zu sein, die man sein sollte, daran scheitert jeder. Also bin ich, was ich sein will. Auch, wenn es dumm ist.

Verdunkelung

Minuten. Stunden. Tage. Ganze Wochen und Monate, die in der Bedeutungslosigkeit versickern. Sich nicht erinnern lassen, weil es nichts zu erinnern gibt, außer Gleichförmigkeit und einem diffusen Gefühl von zerronnener Zeit, die um mich herumzufließen, mich aber nicht zu berühren scheint.
Abstrakte Konstrukte von Körper und Funktion werden mir kommuniziert, schließen sich aber der Zeit an. Funktion funktioniert, Körper funktioniert. Das noch wird ignoriert, dem Fluss bedauernd wie gleichgültig zugeschaut. Da ist nichts.