Kopflos

Gestern und heute ist mein Puls mal nicht auf weniger als 45 gefallen – zumindest wäre es mir nicht aufgefallen. Rosa findet das bedenklich, aber mit den Extrasystolen, die dafür häufiger waren, ist sie dann doch fast zufrieden. Ihr erklärtes Ziel besteht darin, so lange weiter zu machen, bis nichts mehr geht. Krankenhaus, Sonde, wasweißich. So genau verrät sie mir das nicht.
In Ermangelung anderweitiger kurz- wie langfristiger Ziele, abgesehen von der als nächstes anstehenden Sport-, Schlaf- oder Essensroutine, nehme ich es hin. Und wenn ich dabei den Eindruck erwecke, also wolle ich gerade nichts dagegen tun, dann ist er richtig, dieser Eindruck. Denn ich weiß nicht, wofür ich es tun sollte. Oder mit welcher Energie.

Auch Schatz spricht von Therapeutensuche, als ich ihm einen Hauch oberflächlicher Gedanken von mir eröffne. Aber ich habe keine Lust. Weder auf die Suche, noch auf die Warterei oder die wöchentlichen Termine. Wie ich mich fühle, fragt er mich. Ich weiß es nicht, sage ich, und gebe ihm damit die Ehrlichste aller Antworten.

Freischwebend

Wie ist denn dein Körpergefühl?“ fragt Schatz. „Er ist halt da“ erwiedere ich, lasse die Frage so im Endeffekt unbeantwortet und schicke Schatz mal wieder – wie fast immer in letzter Zeit – auf Distanz.

Social distancing? Kann ich. Übe ich jeden Tag, auch an mir selbst. Der Körper macht halt, was er soll. Ist eine Notwendigkeit zur Existenz, auch wenn ich mich zur Gänze kontaktlos fühle. Aber nicht nur zu ihm, auch zu allem anderen. Nirgends ist eine Verbindung vorhanden, alles ist abstrakt und ewig weit weg. Ich bin auf einen winzig kleinen Punkt in meinem Kopf geschrumpft, gekettet an selbst auferlegte Regeln und Routinen, die nicht hinterfragt werden.

(Körperliche) Nähe ist eine nicht näher definierte Bedrohung und bestenfalls lästig, Kontakte werden so oberflächlich wie möglich gehalten. Der winzige Teil in mir, der sich nichts mehr wünscht als Halt und Wärme und Tiefe, wird negiert, sobald er sich auch nur ansatzweise zeigt.

Ich habe das Gefühl, Du verneinst Dich andauernd selbst?
Ich frage mich, ob die Ernährungsberatung wirklich das Richtige ist, oder nicht doch mehr nötig wäre?
Zwei weitere Sätze von Schatz aus dem Gespräch. Beide bleiben – auch im Innen – unbeantwortet.

Nichts hören. Nichts sehen. Nichts sagen. Nichts denken.

Reserve

Im Bett.
Ich möchte bitte endlos weiterschlafen ist mein erster Gedanke, als ich heutemorgen aufwache. Als mir dann auch noch das Virus die Welt wieder einfällt, und dass mein Fitness-Studio geschlossen hat, erst recht. Zwar habe ich das Wochenende bei meinen Eltern halbwegs gut überstanden, aber es hat wohl mehr Reserven gefressen, als ich gestern noch vermutet hatte. Weltschmerz und das Gefühl von Sinnlosigkeit erdrücken mich.
Doch irgendwann stehe ich plötzlich, auch wenn ich mir das nicht so richtig erklären kann. Aber dann kann ich mich auch anziehen und – nach zu vielen Tagen ohne – wieder etwas Routine leben. Immerhin.

In der Garage.
Mein alter Crosstrainer ist eine Zumutung, wenn man das Studioequipment gewohnt ist. Aber hilft ja nix, kein Sport ist auch keine Lösung. Ich versuche, irgendwie die Übungen, die ich sonst so mache, ohne Geräte – dafür mit Hanteln und Isomatte – abzubilden und habe am Ende das Gefühl, trotzdem genau nichts getan zu haben, auch wenn ich meine Arme bitte nie wieder bewegen möchte. Ernsthaft. Nie wieder!
Weil Schatz aber draußen noch Brennholz macht und ich nicht ohne ihn frühstücken will, helfe ich ihm noch für ne Stunde. Super Idee, finden meine Arme und auch der ganze Rest, so ohne jeden Brennstoff. Rosa freut sich.

Unter der Dusche.
Keine Ahnung, wie ich meine Arme zum Haarewaschen so fucking weit anheben soll. Irgendwie gehts dann doch. Und ich schaffe es sogar, nicht noch vor meiner Frühstücksschüssel umzufallen.

Auf der Couch.
Meine Arme fühlen sich immer noch an, als hätte ich Elefanten jongliert. Ich prüfe meine Online-TV-Liste auf anguckbares und vergesse fast, meine Fotos vom Wochenende zu bearbeiten. Meine Arme zittern, als ich die Teetasse anhebe.

Tribut

Ich will mich nicht bewegen, bitte. Ich will nicht aufstehen, nicht wach sein. Auch wenn Schlafen derzeit ist, als würde ich ein Pflaster auf ein gebrochenes Bein kleben, ist es immer noch besser, als mich so unendlich erschöpft zu fühlen.
Aber ich stehe auf und sitze nun mit einem inzwischen leeren Kaffeebecher, der seinen Job nicht besonders gut gemacht hat, auf dem Sofa. Ich könnte heulen bei dem Gedanken daran, auch nur 3 Schritte gehen zu müssen und wünsche mir, mein Körper würde einfach den Notschalter drücken und mich ausknipsen. Aber er tut es nicht, und so ich werde trotzdem nachher meiner üblichen Samstagsroutine aus Bad putzen, Staubsaugen und Einkaufen fahren nachgehen, weil alles andere undenkbar wäre.

Nicht, dass ich es währenddessen bemerkt hätte, aber jetzt weiß ich, dass ich diese Woche in der Arbeit mehr als nur übertrieben habe und auch, dass meine Kalorienbilanz irgendwie im Vergleich zu den letzten Wochen nochmal nach unten gesackt ist.

Mein Akku, meine Körperspeicher sind sowas von leer…

Routine

Ich finde Routine großartig. Und Beständigkeit. Klingt vielleicht langweilig, aber an der Stelle ist wohl ein kleiner Autist an mir verloren gegangen. Unnötig zu erwähnen, wie ätzend ich es finde, wenn mal etwas anders läuft, als ich es gewohnt bin.
Ich esse unter der Woche immer das Gleiche. Mein Mittagessen, welches ich mir mit in die Firma nehme, habe ich seit 9 Jahren nicht verändert und mein Abendessen variiere ich maximal in einzelnen Zutaten. Und das ganz unabhängig von meinem derzeitigen Essproblem, welches das Ganze nicht leichter macht.
Auch meine Tagesabläufe sind gleichförmig, die Wochenenden meist vorhersehbar. Und ich liebe es.

Gebracht hat mich auf diese Gedanken der Umstand, dass mein Lieblingsbäcker, der noch eine eigene Backstube hat, demnächst unter – mir noch unbekannte – neue Leitung gestellt wird. Keine Kette, hoffentlich. Natürlich wird es dort weiterhin Brot geben. Aber ich fänd es besser, wenn es einfach so bleibt, wie es ist, weil es gut ist, wie es ist.

So wird auch die kommende Woche eine Herausforderung für mich. Von Montagmittag bis Dienstagabend bin ich auf einem Seminar in einem Hotel (und muss dann dort auch Essen), Donnerstag gibt es ein nachmittägliches kleines TeamEvent, Freitag treffe ich mich mit einer Freundin* – nur der Mittwoch wird einigermaßen normal laufen.

Ich hoffe also, dass ich die kommende Woche gut überstehe – wenn es mir so geht wie heute, könnte das sogar klappen, weil es mir erstaunlich gut geht heute. Dann habe ich endlich Urlaub.

* Freundin. Ja, ich bin mal mutig und nenne sie so. Diejenige, die ich beim Klettern kennengelernt und danach schon einmal wieder getroffen habe. Sie hat mich zu sich eingeladen, Kaffee trinken, Karten spielen, Reden. Wäre schön, wenn es Freundschaft wird.