Limitiert

Meine Muskeln summen, als ich stehen bleibe, um etwas zu trinken. Körper kann nicht mehr, und schon wieder droht er mit Systemabschaltung. So wie vorhin vorm Frühstück, als ich plötzlich merke, dass ich kurz davor bin, einfach umzufallen, weil sämtliche Speicher einfach leer sind.

Von vorne. Wir gehen auf Wander-//Foto-//Bergtour – eine, die Schatz vor einiger Zeit allein gemacht hat und die er mir unbedingt zeigen möchte. Es ist toll, aber ich scheitere trotz bester Vorsätze an dem letzten Stück rauf zur Alm, auf der er gewesen ist. Zu steil, zu weit, zu ungefrühstückt. Also gehen wir den Weg ein Stück zurück, zur vorigen Alm, und rasten dort. Ohne frische Buttermilch, die es zusammen mit knuddelbaren Kühen und selbstgemachtem Käse oben gegeben hätte – daher nur mit Wasser und einem Pott Kaffee, während Schatz ein Stück Käsekuchen verdrückt. Immerhin, der Kaffee rettet mich über weitere 1 1/2 Stunden, bis zu eben jenem Punkt während des Rückweges, wo beinahe nichts mehr geht und ich endlich mein Frühstück auspacke. Und die Hälfte esse.
Die zweite Hälfte folgt im Auto, zu dem ich es noch gerade so geschafft habe. Kommuniziert habe ich all das natürlich weitaus harmloser und in deutlich geringerem Umfang, als es sich anfühlte und was wohl nur diejenigen wirklich nachfühlen können, die wissen, wie strange sich ein ausgehungerter Körper mit leeren Muskeln anfühlen kann, wenn er leisten soll, aber einfach nicht mehr kann und mit Abschaltung droht.

Iss halt einfach denkt sich der rationale Teil von mir. Rosa rollt mit den Augen.

Konsumopfer

Rosa steht nackt, beinahe selbstzufrieden und mit einem breiten Grinsen im Gesicht vor dem Spiegel und betrachtet mich. Die Waage zeigte heutefrüh, passend zum anstehenden Arzttermin zwecks Blutwertbesprechung, den niedrigsten Wert ever an, da ändert auch die dank nagelneuer Fitnessuhr getrackte erschreckend niedrige Pulsfrequenz der letzten Nächte nichts an Rosas Euphorie.

Später sitzen wir gemeinsam beim Doc, und mit B12 und D sind bloß die üblichen Verdächtigen nicht so, wie sie sein sollten. Auch gut.
Als ich frage, ab wann ein niedriger Puls gefährlich werden kann, beruhigt er mich zunächst, weil er es bei dem vielen Sport für einigermaßen normal hält, zumal ich kaum Kreislaufprobleme habe. Aber dann scheint ihm wieder einzufallen, dass Körper ganz schön dünn ist und er fragt nach meinem Gewicht. Rosa antwortet mit stolz geschwellter Brust und während ich mich frage, warum sie tatsächlich die Wahrheit sagt, stellt mich der Doc mit steigender Nervosität auf die Waage. Das Ergebnis scheint ihm nicht zu gefallen, und wieder einmal fragt er nach therapeutischer Unterstützung und wirft einen Klinkkaufenthalt in den Raum. Ich glaube, er ist so genervt wie ratlos, weil er denkt, dass ich doch wollen sollte – und ich will ja auch wollen, aber genau genommen will ich halt sowas von nicht.
Nächste Woche, vor seinem Urlaub, soll ich mich noch einmal bei ihm auf die Waage stellen. Da sollte es mindestens stabil sein, sagt er. Und dann, mehr zu sich selbst denn was wären sonst die Konsequenzen? Er ist sich wohl selbst nicht so recht im Klaren darüber, denn er lässt die Frage unbeantwortet im Raum stehen. Rosa packt sie heimlich in ihre Tasche, weil sie es zwar nicht zugeben würde, aber Konsequenzen irgendwie verlockend klingen. Auch, wenn ich zumindest ab und zu versuche, sie davon zu überzeugen, dass der Verlust von jeglicher Autonomie weitaus weniger sexy ist, als sie es sich vorstellt.

Jetzt verbringen wir den Nachmittag also mit nicht enden wollenden Diskussionen darüber, ob wir den Vormittag vorm Arzttermin damit zubringen, literweise Wasser zu trinken, das Wochenende noch mal besonders restriktiv sind oder einfach nicht hingehen.
Am Ende ist es mir aber auch ziemlich egal, stelle ich fest. Und auch, wenn noch hundert weitere Gedanken zum Thema in der Peripherie meines Kopfs schweben, die zwar gedacht werden sollten, aber nicht können oder oder wollen, ist die einzig übrigbleibende Fragestellung die, wie ich Schatz den Termin, den ich natürlich wahrnehmen werde, verkaufe – und die Konsequenzen.

Ausgezehrt

Ich treffe mich mit einer Bekannten, die mal eine Freundin war. 7 Jahre, vielleicht länger, haben wir uns nicht gesehen, der Kontakt war irgendwann im Sande einer meiner depressiven Phasen verlaufen.
Sie trägt ein schwarzes kurzes Kleid, stelle ich fest. Und sie hat etwas zugenommen, aber auch das ist bloß eine wertfreie Feststellung, wie das schwarze Kleid. Und scheißegal.

Wir trinken Kaffee, weil halt Kaffeezeit ist und ich das vorgeschlagene Frühstück unter einer Lüge Ausrede abgelehnt habe. Wir unterhalten uns, stundenlang, und ich bin fasziniert von diesem rundlichen gesunden Gesicht, das nichts als Lebensfreude ausstrahlt, während ich zwischen jeder Zeile nur an Essen und dessen Restriktion denken kann. Am Ende gehen uns nicht die Themen, sondern die Zeit aus.

Irgendwann zwischendurch muss ich aufs Klo und mache dabei den Fehler, mich aus Versehen und mehr aus dem Augenwinkel heraus beim Hände waschen im Spiegel anzuschauen. Ich erschrecke, weil ich in tote Augen in einem leeren und fertiges Gesicht sehe, das unmöglich meins sein kann. Das muss das Licht sein, rede ich mir ein.

Plump

Ich bin in einer Essstörungsklinik. Unfreiwillig, und ich weiß auch nicht mehr so genau, wie ich hergekommen bin. Zugegeben, ich hätte drauf kommen können, dass es bloß mein schlafendes Gehirn ist, dem diese Idee entspringt, als die anderen Mädels, die alle jung und schön und schlank und recoverywillig sind, ihre perfekten Brüste angeleitet durch das Personal in Szene setzen, weil sie für einen Modelcontest trainieren. Ich dagegen bin all dies nicht und frage mich, was ich dort eigentlich soll.

Jetzt bin ich wach. Und frage mich, ob es bloß der morgige Arzttermin ist, der mich nervös werden lässt, oder ob es tatsächlich einen tieferen Sinn gibt hinter dem, was ich heutenacht dachte, alles nicht zu sein.

Flach

Ich weiß nicht, ob es der gestrige Tag oder die letzten 3 bis 17 Jahre sind, die heute wie Tonnen von Blei auf mir liegen. Beides erscheint gleichermaßen un- wie absolut möglich, spielt aber am Ende auch keine Rolle. Vielleicht ist es auch nur bloße, aber sehr massive Unlust – rede ich mir ein -, die mich beinahe dazu bringt, mich heute nach einer halben Stunde Arbeit krank zu melden. Was mich letztendlich davon abhält, ist der Gedanke daran, wie ich den natürlich dennoch stattfindenden Sport gegenüber Schatz verargumentieren soll, wenn ich vorher den halben Tag nahezu bewegungsunfähig auf dem Sofa oder noch lieber im Bett verbringe.
Produktiv bin ich nur mäßig, und jede noch so kleine Bewegung ruft innere Widerstände hervor. Körper haut mir seinen Unwillen gleich mit dem ganzen Zaun um die Ohren, so dass mir die gewohnte Ignoranz mehr als schwer fällt.

Etwas irritiert frage ich mich während meines Workouts, was hinter der plötzlichen Idee stecken könnte, meine mehr als schulterlangen Haare auf wenige Millimeter abzurasieren. Gleichzeitig will ich meinen Kopf auf den rauhen Garagenboden schlagen, meine Arme und Beine aufschneiden und mich betrinken. Zwischen Denken und Metadenken bin ich fast dankbar für den Sog, den mein Gehirn gerade produziert, weil es den Körper gleichzeitig so deutlich in den Hintergrund rückt wie in den Vordergrund stellt, dass ich unbeteiligt dazwischen herschweben kann.

Am Ende lässt mich dieser Tag mehr als erschöpft zurück. Er hat mich zerkaut und ausgespuckt, und während er noch munter weiter da draußen vor sich hin existiert, liege ich – wie gewohnt – gegen 20 Uhr im Bett und bin fertig mit der Welt. Sie aber nicht mit mir, und das nehme ich ihr übel.

Signifikant

Dass sich Erschöpfung nicht terminal, sondern stets nur temporär definieren lässt, stelle ich jedes Mal aufs Neue fest, wenn sie mich einmal mehr überschwemmt. Und auch, wenn sie sich jedes Mal als Absolut darstellt und ich mich frage, warum ich eigentlich nach wie vor noch stehen, geschweige denn mich bewegen kann, ist beim nächsten Mal eine Steigerung unausweichlich, wenn auch kaum vorstellbar.
Rosa ist das weitgehend egal, solange wir weiterhin die Kalorienzufuhr restringieren und trotzdem Sport machen. Und den machen wir, auch wenn nicht nur eine stetig größer werdende Portion Überwindung, sondern auch fortschreitende Distanzierung vom Körper dazu nötig ist.

Dass mir mein Jammern fast noch mehr auf den Keks geht als die profunden Einschränkungen, tangiert Rosa ebenfalls nur peripher, weil sie es nicht für ihr Problem hält. Und wenn es Abend wird – der wahlweise auch und immer öfter schon morgens beginnen kann – schiebt sie mir nicht selten passiv-aggressiv Schwarz ins Sichtfeld, deren Ideen nicht immer sonderlich zukunftsorientiert sind, so dass ich mehr und mehr hoffe, dass der körperliche Zusammenbruch dem psychischen zuvorkommt – oder Rosa sich spontan dazu bereiterklärt, die Bedingungen neu zu verhandeln.