Spelz

Wir besprechen also mein Körperbild (= 🐳), der Herr Vertretungseinzeltherapeut und ich. Und dass er mich nervt gerade. Also Körper. Nicht nur, weil 🐳, sondern auch weil er keine Gelegenheit auslässt, weh zu tun – oder ganz neu, meine Finger einschlafen lässt. Nach dem Aufstehen – also wa(h)lweise morgens, aber auch wenn ich länger gesessen habe – schreien mir meine Füße und meine Hüften entgegen, dass ich entgegen meiner biologischen Überzeugung doch schon weit über 80 bin, und meine Schultern sind der gleichen Meinung, wenn ich Körper an- oder ausziehe.
Rosa findet das garnicht witzig. Aber sie ist froh, dass es besser wird, je länger wir laufen. Und das tun wir, schon allein des mehr als weitläufigen Klinikgeländes wegen.

Nachdem wir festgehalten haben, dass ich zu Körper in letzter Zeit nicht besonders nett war und er es deshalb wahrscheinlich gerade auch nicht zu mir ist, kommen wir zur nicht unerheblichen Diskrepanz zwischen Spiegel und Foto. Und Fotos von Rosa. Die ich am besten löschen soll. Und zwar alle. Rosa schaut mich entsetzt an und ich überlege, ob ich heulen oder gehen soll. Alles in mir schreit NEIN.
„Das trennt die Spreu vom Weizen“ sagt er so nebenbei.

Beißhemmung

Rosa findet, dass es jetzt dann mal reicht mit Essen. Dabei hat sie sich das Ganze eh erstaunlich lange aus der Ecke, in der sie bockig rumsteht, angesehen. Aber bei inzwischen drei eineinhalbfachen Portionen zu den Hauptmahlzeiten plus einer Zwischenmahlzeit in Kombination mit meiner Gewichtskurve und der neuesten Steig(er)ung hat sie nun wohl beschlossen, dass hier dringend eingegriffen werden muss und sich plötzlich mit Körper zusammengetan. Wobei ich ja den Verdacht hege, dass sie ihn mit irgendwas erpresst, aber er schweigt und Rosa natürlich auch. Bis auf die nicht unerhebliche Übelkeit und den Reflux, der mich schon mehr als einmal zumindest an den Rand der Kloschüssel gebracht hat – beides haut er mir schweigend mit einem Zaunpfahl um die Ohren, während Rosa grinsend daneben steht und sich aber ertappt fühlt, weil ich hauptsächlich sie verdächtige.

Innenkälte

Ich stehe unter der Dusche, die sich nicht mehr heißer stellen lässt, und habe Gänsehaut weil Körper die Wärme nicht reinlässt. Ich spüre das warme Wasser und sehe, wie es meine Haut rot färbt, aber es kommt im Innen nicht an. Ich hoffe, dass die geplante Suppe zum anschließenden Abendessen mich vielleicht wieder auf Temperatur bringt und gehe mich abtrocknen, um meinen Fitnesstracker wieder anzuziehen – ein letztes Mal, bevor ich ihn morgen hier zurücklassen muss.

Ich komme mir albern vor, als ich anschließend in der Küche das Gemüse und den Rest des Essens wie immer abwiege, aber lassen kann ich es auch nicht – egal, ob ich ab morgen essen muss oder nicht.

Den Großteil des restlichen Abends verbringe ich sehr unsexy auf dem Klo und frage mich, ob Rosa es doch irgendwie geschafft hat, Abführmittel zu besorgen, um mit wenigstens halbwegs annehmbaren Gewicht – trotz der mehr werdenden Wassereinlagerungen – in der Klinik zu starten. Ich fühle mich nicht nervös, was aber vermutlich nur daran liegt, dass ich nichts fühle, also ist es vielleicht auch nur mein Kopf, der Körper dazu nötigt, mich mehr als einmal und am Abend auch nicht zum ersten Mal an diesem seltsamen Tag ins Bad sprinten zu lassen. Und ein Ende scheint nicht in Sicht, aber dann kann ich den fehlenden Schlaf heute Nacht wenigstens darauf schieben statt auf meine rotierenden Gedanken, die nicht glauben können, dass sich morgen mein Leben – mindestens zeitweise – deutlich verändern wird.

Ich liege unter zwei Bettdecken. Meine Füße sind aus Eis.

Matsch

Körper wäre gerne in Tränen aus- und insgesamt gerne zusammengebrochen, als am Donnerstag das Telefon klingelt und mir der kommende Dienstag als Aufnahmetermin mitgeteilt wird. Orange hält aber nichts davon, weil ich mich mitten in einer nur kurz auf Stumm geschaltenen Telefonkonferenz befinde und man da schließlich nicht zu heulen hat. Also heulen wir nicht und brechen auch nicht zusammen, sondern führen das unterbrochene Gespräch anschließend angemessen weiter, nur angereichert um ebenjene Information, so wie sich das für eine Führungskraft gehört.
Rosa begrüßt das ebenfalls sehr und legt seither eine kaum zu überbietende Ignoranz an den Tag. Sie sieht keinen Grund, Sport herunter- oder Nahrungsaufnahme hochzufahren und macht weiter, als gäbe es keinen Dienstag und keinen Boden der Tatsachen, auf dem nicht nur zu wenig, sondern garkein Glitzer liegt.
Schlafen wird seither überbewertet, weil diffuse Gedankenströme ununterbrechbar durch mich hindurch fließen, sobald ich die Augen schließe. Es fühlt sich an wie ein nahender Abschied von dem Körper, der so wunderschön ausgezehrt und zerbrechlich wirkt, wie ich mich im Innen fühle und dessen Schwäche und Erschöpfung als einzige Legitimation dient, nicht zu sehr über Leistungsgrenzen hinweg zu gehen.
Rosa flüstert derweil ohne Unterlass, dass sie mich sowieso nach drei Tagen wieder rausschmeißen, weil ich weder krank noch dünn genug bin und nur jemandem den Platz wegnehme, der ihn wirklich braucht. Sie ist also die Einzige, die sich trotz dieser Nachricht entspannt zeigt und Körper und mir vielleicht sogar zugesteht, am Montag nach der Arbeit nur Spazieren zu gehen, statt uns ein vorerst letztes Mal auf den CrossTrainer und vor die Gewichte zu stellen. Ist ja nur für drei Tage.

Halloween

Zum ungefähr drölfzigsten Mal frage ich mich, welcher Tag heute ist, weil die Antwort nicht in meinem Gehirn haften bleiben will. Samstag? Ja, doch. Samstag. Der ganz normal und mit wunderbarem Wetter beginnt, so dass unserer geplanten Fototour nichts im Wege steht. Kaffee und wachgammeln, dann geht’s los. Und noch auf Kilometer eins von insgesamt etwas über sechs – die auf ebener Strecke meine absolute Leistungsgrenze überschreiten darstellen – bin ich plötzlich von einer Ohnmacht nur noch einen Wimpernschlag entfernt. Körper zieht mich einige Schritte nach rechts und ist für kurze Zeit nicht ansprechbar. Doch bevor ich tatsächlich falle, gibt er mir die Kontrolle zurück.
Ich verstehe kaum, was hier gerade passiert ist. Kein Schwindel, kein Rauschen oder ein dunkler werdendes Gesichtsfeld, wie ich es – wirklich selten – vom zu schnellen Aufstehen und damit verbundenen Kreislaufschwierigkeiten kenne, sondern einfach ein ausschalten. Eine halbe Sekunde länger, und ich hätte im Gras gelegen. So aber hat Schatz fotografierenderdings nichts bemerkt, wofür ich dankbar bin, weil er sonst sicher durchdreht.
Der Rest der Tour verläuft erstaunlich unauffällig, auch wenn Körper irgendwann wieder einmal meine Arme abschaltet, aber das kenne ich ja schon. Der Rest des Tages hingegen fühlt sich seltsam an, ohne dass ich es in mehr als ein paar unzusammenhängende Worte fassen könnte. Verwirrt. Unkonzentriert. Irreal. Zäh. Erschöpft. Müde. Summend.

Ich stehe als Nächste auf der Liste der Klinik. Und wäre schon drin – wäre nicht Aufnahmestopp aufgrund der aktuellen Corona-Lage. Montag wird für die neue Woche entschieden.
Rosa hat auf diese Nachricht hin die tägliche Kalorienzufuhr nochmal eingekürzt, weil die Vorstellung, mit etwas anderem als dem niedrigstmöglichen Gewicht dort anzukommen, absurd scheint. Körper arbeitet dagegen und zieht – schon vorher, also seit zwei oder drei Wochen – Wasser, weil es das einzige ist, von dem er im Überfluss bekommt und sich überhaupt Reserven anlegen lassen. Die Zahl auf der Waage haut mir das jeden Morgen um die Ohren, und ich wäre wirklich neugierig, wie es ohne aussähe. Wenig wird wohl die Antwort sein, wenn ich meine rutschende Sporthosen und den Zwischenfall gestern betrachte.

Abhängigkeiten

Tagesform. In Rosas Welt nicht existent und damit nichts, über das Körper oder ich uns Gedanken machen sollten.
Haben wir auch nicht. Nicht, als wir heutefrüh beim Sport waren und es ätzend fanden. Nicht, als wir Mittag zum Einkaufen los sind und es so anstrengend war, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Aber, als wir danach auf dem Sofa saßen, das Maß an Erschöpfung eine neue Dimension erreichte und ich den Tränen nahe war, weil ich eine Freundin am Nachmittag besuchen wollte – da mussten wir dann doch dran denken. Und zwar, dass es die heutige nicht zulässt, jetzt noch etwas anderes zu tun als Tee zu kochen, weiter auf der Couch zu sitzen und Youtube leerzuschauen.
Und während ich das trügerische Gefühl habe, mir den Tag auf der Couch zu gönnen, statt garkeine andere Wahl zu haben, sitzt Rosa so verdutzt wie pläneschmiedend neben mir und überlegt, wie sie mich doch noch für ein paar Schritte begeistern kann.
Körper findet es gerade einfach nur großartig, daher lehnt er jeden Vorschlag selig ab.
Ich handle mit Rosa derweil die Bedingungen für morgen aus.