Diffus

Der Cursor blinkt penetrant vor meiner Nase herum, als hätte er nichts besseres zu tun. Aber wenn er so ist wie ich, hat er das vielleicht tatsächlich nicht, einfach, weil ihm nichts besseres einfällt. Also starren wir uns gegenseitig an, ich blinzle, er blinkt. Er gewinnt.

Ich würde so gerne etwas in Worte fassen. Es sortieren, chrolonogisch, thematisch, nach Relevanz. Sätze bilden, eine Zusammenfassung dessen, was mich schlussendlich in die Klinik bringt oder gebracht hat. Aber der penetrant blinkende Cursor hinterlässt langsam Abdrücke, weil es es auf immer derselben Stelle tun muss. Nur, weil ich ihn nicht beschäftigen kann. Wie mich.
Ich kann nichts greifen von dem, was als diffuse Ahnung eines – vielleicht sogar schlauen – Gedankens durch die hintersten Ecken meines Kopfs weht. Es fühlt sich so an, als wären da wichtige Dinge, die festgehalten werden wollen, damit ich die Zeit in der Klinik auch optimal nutzen kann, aber sie entgleiten mir immer wieder. Dabei wäre es mir so wichtig, eine fertig strukturierte Aufstellung meines bisherigen Weges sowie meines nichtDenkens und nichtFühlens mitzubringen, so dass die Therapeuten nur noch sagen müssen, ich solle jetzt bitte Dieses tun, damit es mir anschließend ganz hervorragend geht. Für immer.
Und ja, ich weiß, wie das klingt. Als wäre genau das Teil des Problems.

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Es ist vielleicht ironisch, vielleicht auch nur interessant, dass der Gedanke an die Klinik derzeit den gleichen Stellenwert in meinem Kopf einnimmt, wie vorher die Katastrophe. Das Loch, welches das Ende derselben hinterlassen hat, füllt nun der Klinikgedanke und lässt mich – einigermaßen – funktionieren. Und ich habe wirklich Angst davor, wenn es dann soweit ist, und auch der Gedanke nicht mehr da ist. Wenigstens ist dann da ein Netz, was mich hoffentlich auffängt.
Dieser Tage beinhaltet die Vorstellung eines erstrebenswerten Abends vorallem Alkohol und Rasierklingen. Wenn mich erst das Loch wieder zu verschlingen droht, will ich nicht wissen, wie es dann um meine Selbstbeherrschung bestellt ist.

Seit heute habe ich erst einmal Urlaub, auch wenn mich der Gedanke an die viele freie Zeit überfordert. Aber die paar tausend Dinge, die ich vorhabe, tun das genauso.
Vielleicht schaffe ich ja, was ich mir seit der Klinikzusage vorgenommen habe: ein paar wichtige Dinge aufschreiben, die ich ansprechen muss um mich dann doch nicht zu trauen.

Fragen

Es ist kein Sein. Kein Denken, kein Fühlen. Es ist ein Aushalten und hoffen, dass heute bald vorbei ist und ich meinen Lieblingsmenschen nicht ausversehen zerfetze, weil er mich zu lieben versucht.

Als ich mich für die Klinik entschied, hatte ich erwartet, dass es mir tags darauf Bombe geht und ich mich die nächsten Wochen täglich frage, was ich dort dann eigentlich soll. Aber statt Erwartungen zu erfüllen ist mein Kopf in einer seltsam abwartenden Statik gefangen, die nur noch wenig mit Leben zu tun hat. Es ist ein Reagieren und dreht sich um die reine Funktionserhaltung, hat aber große Ähnlichkeit mit Nichts.

Jetzt.

Vielleicht habe ich mir nun mein eigenes Grab geschaufelt.
Eine anstrengende, kurze, chaotische, viel zu lange Woche liegt hinter mir. Ich werde im September in eine Klinik gehen. Und das habe ich nun allen gesagt. Meinem Chef. Meinem Kollegen. Meinem Team. Und ausnahmslos alle stehen hinter mir. Denn alle (mit Ausnahme meines Chefs, aber das ist eine andere Geschichte – er ist Vulkanier, muss man wissen) machen sich Sorgen um mich. Und ich weiß nicht, ob ich das geil oder beängstigend finden soll.

Ich dachte, ich fühle mich freier danach. Defragmentierter. Ein bisschen ist das vielleicht so, aber weniger, als erwartet. Viel weniger. Aber fühlen ist ja eh so eine Sache. Der Schatten eines Gefühls, vielleicht, den ich fühle. Immerhin, es schattenfühlt sich nicht falsch an. Ist ja schonmal was.

Jetzt, wo es feststeht, wird mir langsam klar, wie fertig ich bin. Und ich weiß noch nicht, wie ich die 3 Wochen bis zum Urlaub schaffen soll, wenn mich 4 Arbeitstage schon so schlauchen. An die Wochen danach mag ich noch garnicht denken.