Abhängigkeiten

Tagesform. In Rosas Welt nicht existent und damit nichts, über das Körper oder ich uns Gedanken machen sollten.
Haben wir auch nicht. Nicht, als wir heutefrüh beim Sport waren und es ätzend fanden. Nicht, als wir Mittag zum Einkaufen los sind und es so anstrengend war, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Aber, als wir danach auf dem Sofa saßen, das Maß an Erschöpfung eine neue Dimension erreichte und ich den Tränen nahe war, weil ich eine Freundin am Nachmittag besuchen wollte – da mussten wir dann doch dran denken. Und zwar, dass es die heutige nicht zulässt, jetzt noch etwas anderes zu tun als Tee zu kochen, weiter auf der Couch zu sitzen und Youtube leerzuschauen.
Und während ich das trügerische Gefühl habe, mir den Tag auf der Couch zu gönnen, statt garkeine andere Wahl zu haben, sitzt Rosa so verdutzt wie pläneschmiedend neben mir und überlegt, wie sie mich doch noch für ein paar Schritte begeistern kann.
Körper findet es gerade einfach nur großartig, daher lehnt er jeden Vorschlag selig ab.
Ich handle mit Rosa derweil die Bedingungen für morgen aus.

Kräftemessen

Teil Drölfzundneunzig aus der Reihe „Mimimi“.
Meine Kalorien habe ich nicht noch weiter reduziert, nachdem die Waage am nächsten Morgen sehr versöhnlich war und Rosa gleich mit. Allerdings lässt sie sich nicht dazu erweichen, mir eine Sport- oder anderweitige Bewegungspause zu gönnen, auch wenn wir Urlaub haben. Den haben wir schließlich nicht zum Spaß, sondern um die Tage mit möglichst viel Aktivität zu füllen. Und auch, wenn ich für heute herausschlagen konnte, den Ausflug – nach dem Sport heutefrüh natürlich – auf Samstag zu verschieben, werde ich mich wohl noch ans Wischen der gesamten Wohnung machen, die es nicht nur sehr nötig hat, sondern auch wunderbar dazu geeignet ist, den Schrittzähler noch etwas in die Höhe zu treiben. Besonders, wenn man vorher erst noch staubsaugt.
Dabei kann ich einfach nicht mehr. Von mögen mal ganz zu schweigen. Aber meine oder Körpers Stimme zählt nunmal nicht, findet Rosa, also machen wir weiter. Das Handy immer dabei, in der stillen Hoffnung, dass genau jetzt die Klinik anruft und ich morgen schon kommen darf, so dass mir endlich jemand erlaubt, nichts zu tun und alles zu essen. Tut sie aber nicht.

Reibungsverlust

Es ist der letzte Tag vor meinem Urlaub*, den ich auf dem Zahnfleisch kriechend damit verbringe, tausend Dinge gleichzeitig zu regeln, weil ich hoffe, dass die Klinik in der Zeit anruft und mich spontan aufnimmt, statt erst in 7 Wochen – eine Möglichkeit, die durchaus im Raum steht, aber so sehr nicht planbar ist, dass es mir den letzten Rest an Nerven raubt, die noch übrig sind.
Orange ist in ihrem Element, während ich mich frage, was eigentlich mit der Abteilung passieren würde, falls mich spontan ein Bus überfährt, statt dass ich alles für meine Abwesenheit hübsch poliert auf ein Silbertablett drappiere und meinen Vertretern überreiche – während ich eigentlich gerade sehr gerne wippend und wimmernd in einer Ecke säße mit der Überzeugung, nichts zu können und erst Recht nicht genug zu sein.
Rosa feilt derweil gedankenversunken an ihren Salatplänen und schenkt meiner Hoffnung auf eine sofortige Aufnahme, die zwei Tage Zimmerquarantäne und damit erzwungenen Bewegungsmangel wegen Coronatestung nach sich ziehen würde, zum Glück nur selten überhaupt etwas Aufmerksamkeit.
Ein bisschen streite ich aber dann doch heute mit ihr, weil ich wegen der drölfzigsten TelKo erst spät Feierabend machen kann und die übliche Sporteinheit ausfallen lassen möchte. Das gefällt ihr nicht, aber wir arrangieren uns, verschieben diese auf den sonst sportfreien Samstag (an dem wir zum Beispiel letzte Woche dann 16 km Wandern waren >.<) und gehen mit Schatz spazieren – 8 Kilometer.
Körper – ach ja, ich wusste, ich hab was vergessen – beschließt nach nicht einmal der Hälfte der Strecke, dass ich seine Arme gerade zum Laufen ja nicht so wirklich brauche und beginnt, sie nach und nach abzuschalten. Er wringt sie regelrecht aus, saugt jegliche Energie fein säuberlich mit einem Strohhalm raus und verwendet sie nicht ganz überflüssigerweise dazu, weiterzulaufen statt umzufallen. Mir ab und zu die Haare hinter die Ohren zu streichen wird zur Herausforderung, meine Muskeln streiken und das Gefühl von Schwäche wird immer umfassender. Weil aber hier unter freiem Himmel gerade auch keine Ecke zum Wippen und Wimmern hergeht, laufe ich weiter. Das Händewaschen nach unserer Rückkehr stellt mich vor die größte koordinative Herausforderung seit Ewigkeiten letztem Samstag und ich bin froh, dass Schatz weder meine fahrigen Bewegungen, noch meine mehr als grenzwertige allgemeine Verfassung bemerkt, als ich mir im mir schnellstmöglichen Schneckentempo die Jogginghose anziehe und überlege, wie zur Hölle ich die tonnenschwere Schale für den Salat quer durch die ganze Küche tragen soll.

*Vorletzter Tag. Weil, morgen wäre zwar eigentlich mein freier Brückenteilzeitfreitag, aber Orange fände es wirklich ganz ganz toll, wenn wir den Kollegen da noch etwas mehr aufs Tablett legen. Poliert. Mit Schleifchen.

Vakuum

Dreckig ist gar kein Ausdruck dafür, wie ich mich heute fühle. Also, so rein körperlich.
Es ist halb 2 und der Früh, als ich aufwache und wie seit Wochen in der Nacht auf Samstags genau weiß, dass ich erst einmal nicht mehr so schnell einschlafen werde. Also stehe ich auf und setze mich mit meinem Handy aufs Sofa. Möglicherweise ist es Hunger, der Körper dazu bringt, mich wachzuhalten. Tatsächlich ist das Rosa aber völlig egal, die Möglichkeit wird einfach negiert.
Es ist schließlich fast halb 5, als ich zurück ins Bett krabble und noch 2 weitere Stunden Schlaf ergattere, die viel zu schnell wieder rum sind. Aber Körper motzt schon wieder, und Kaffee muss her. Dringend. Die helfen zwar nur marginal gegen die Müdigkeit, aber das Ritual an sich zählt. Vorher muss ich mich natürlich wiegen. Körper schaut mich entgeistert an, Rosa feiert einen neuen Tiefststand.
Einkaufen steht auf dem Plan, danach Wertstoffhof, und eigentlich ein langer Spaziergang, weil ich ja sonst heute keinen Sport mache.
Ich fühle mich nach umfallen, was auch nach dem Frühstück – nach dem Einkaufen und nach dem Wertstoffhof – nicht sehr viel schöner wird. Ich frage mich, wie ich Körper dazu bekommen soll, jetzt noch weiterzumachen. Das Gartencenter, in das wir kurzfristig noch fahren, rettet mich und beruhigt Rosa zumindest mit ein paar mehr Schritten auf dem Tracker, auch wenn sie sehr vernehmlich mit den Zähnen knirscht. Ich vertröste sie auf morgen. Damit es nicht im Schnitt nur faule 6 Mal die Woche Sport sind. Mein Gehirn allerdings ist schon seit in der Früh ausgestiegen. Zombiemodus.
Jede einzelne Zelle meines Körpers signalisiert Leere, nur mein Magen hält sich – wie meistens, wenn es nicht gerade halb 2 Uhr nachts ist – raus.

Kalter Entzug

So richtig vorausschauend ist weder Rosas Handeln, noch ihr Denken. Gut, hätte man auch früher merken können. Egal. Jedenfalls machen wir 7 Mal die Woche Sport, essen wenig und sie denkt dabei keine Sekunde darüber nach, dass die Wand, gegen die sie am Tag der Klinikaufnahme mit voller Wucht rennen wird, härter kaum sein könnte. Aber mit etwas anderem als dem absoluten Tiefstgewicht dort zu landen, darauf lässt sie sich nicht ein und ich lasse sie gewähren, weil ich nebenbei viel zu sehr mit Orange beschäftigt bin, die gerade ex- wie intrinsisch unmotiviert versucht, ihren Job und den dazugehörigen Inhalt meines Gehirns der nächsten zwei bis drölf in der Arbeit abwesenden Monate in nachlesbare Informationen fürs Team, meine Vertretung und meinen Chef zu überführen, während sie nebenbei noch einen Teil des Tagesgeschäftes schmeißt, das sonst wegen chronischer Unterbesetzung bergeweise liegen bleibt. Was sie natürlich nicht anschauen kann, auch wenn die disziplinarischen Entscheidungen an anderer Stelle getroffen werden und so eine Lawine aus Bugwellenauflauf vielleicht ganz heilsam wäre an der Stelle.
Jetzt zerrt also Rosa an der einen und Orange an der anderen Hand, und Körper steht dazwischen und heult bald. Jedenfalls glaube ich das, weil er mir Cravings um die Ohren haut, die scharfe Gegenstände und hochprozentige Getränke nicht nur enthalten, sondern ausschließlich aus diesen bestehen.
Erstaunlicherweise komme ich keinem davon nach, sondern streiche stattdessen so Unnötigkeiten wie Sozialkontakte aus meinem Terminplan, um wieder Luft zu bekommen, was sogar zu funktionieren scheint, lese ich doch gerade die Blogbeiträge der letzten drölf Tage und finde sogar Zeit für einen eigenen.
Hoffentlich ist auf dem Boden der Tatsachen dann wenigstens eine weiche Matratze. Oder Glitzer.

Molekül

Achja. Körper ist ja auch noch da. Hatte ich verdrängt vergessen, irgendwie. Und statt sich hübsch diskret im Hintergrund zu halten, wie sich das für ein so fragiles Geschöpf gehören täte, hat er sich trotzig auf den Boden geworfen, umklammert nun mit beiden Händen Rosas Beine, die selbstverständlich schon in Sporthosen stecken, und macht sich extra schwer, was garnicht so leicht ist. Leicht wie er ist.
Aber Rosa hat sowieso nicht mehr als ein müdes Lächeln für ihn übrig, als sie ihn einfach trotzdem mit zum Sport schleift und so wort- wie mühelos auf den CrossTrainer stellt, wo er gefälligst seinen Dienst zu tun hat.
Dabei ist Körper langsam wirklich durch. Seit Klinik nur noch eine Frage der Zeit ist, nörgelt er täglich lauter, dass er weder die Reserven noch die Lust hat, Rosas jetzt nur noch übersteigerteren Bewegungsdrang, der uns zu inzwischen 6-7 Mal Sport pro Woche bei nochmals restringierter Energiezufuhr geführt hat, noch länger zu ertragen.
Ich stehe zwischen den Beiden und schaue zu. Denke darüber nach, ob es legitim ist, mir erst in aller Seelenruhe eine sehr lange Weile beim Verschwinden zuzusehen, nur um dann in eine Klinik zu gehen, ohne es vorher wirklich versucht zu haben, selbst oder ambulant wieder an Kontur zu gewinnen. Am Ende gehört es aber zu den Millionen von Dingen, die mir derzeit sehr egal sind. Und doch habe ich das unbändige Verlangen, meinen Kopf wirklich hart auf den Betonboden der Garage, auf dem meine Sportmatte und Körper liegen, zu schlagen. Damit Kopf zu Denken aufhört und Körper endlich die Pause bekommt, die ihm in seiner allumfassenden Erschöpfung zusteht. Praktisch wäre auch, wenn ich ihn einfach beim Sport abgeben und anschließend wieder abholen könnte, so dass ich mich nicht damit rumschlagen müsste, wie sehr er nicht mehr mag. Aber leider braucht er eine rund-um-die-Uhr-Betreuung, alleine geht er nicht dort hin. Und Rosa muss ich ja an die andere Hand nehmen, damit sie die Kontrolle nicht verliert und sich möglichst oft um Spiegel anschauen kann, die es im Studio gibt.
Bis auf Rosa haben wir also eigentlich alle keine Lust. Aber auch keine Wahl.