Sog

Aufstehen. Warum eigentlich? Der Sinn erschließt sich mir nicht so recht. Genausowenig, warum ich Montag schon wieder arbeiten muss – habe ich doch nach meinem Urlaub schon zwei Tage, reicht das nicht?

Meine Tageskalorien bewegen sich seit ca. zwei Wochen wieder auf Prä-Ernährungsberatungs-Niveau, dazu fünf Mal die Woche Sport. Findet mein Körper nicht so super, sagt er und erzeugt schon nach dem Aufstehen eine nahezu unüberwindbare gravitative Kraft in Richtung Sofa und allen anderen sich bietenden Sitzgelegenheiten.
Rosa zeigt sich dagegen ziemlich zufrieden, weil nur diese Form der Erschöpfung die Untätigkeit beinahe entschuldbar macht.

Der zwischenzeitliche Gedanke, alles rund um die Essstörung die alle meinen, die ich habe, mal genauer aufzudröseln, zerschellt am Energiedefizit und liegt damit neben allen anderen Aufgaben, die ich heute nicht erledigen kann, auf einem größer werdenen Haufen. Ich sollte die Unterlagen von Frau Ernährungsberaterin dazu legen und ihn einfach anzünden, dann wäre mir wenigstens warm.

Freischwebend

Wie ist denn dein Körpergefühl?“ fragt Schatz. „Er ist halt da“ erwiedere ich, lasse die Frage so im Endeffekt unbeantwortet und schicke Schatz mal wieder – wie fast immer in letzter Zeit – auf Distanz.

Social distancing? Kann ich. Übe ich jeden Tag, auch an mir selbst. Der Körper macht halt, was er soll. Ist eine Notwendigkeit zur Existenz, auch wenn ich mich zur Gänze kontaktlos fühle. Aber nicht nur zu ihm, auch zu allem anderen. Nirgends ist eine Verbindung vorhanden, alles ist abstrakt und ewig weit weg. Ich bin auf einen winzig kleinen Punkt in meinem Kopf geschrumpft, gekettet an selbst auferlegte Regeln und Routinen, die nicht hinterfragt werden.

(Körperliche) Nähe ist eine nicht näher definierte Bedrohung und bestenfalls lästig, Kontakte werden so oberflächlich wie möglich gehalten. Der winzige Teil in mir, der sich nichts mehr wünscht als Halt und Wärme und Tiefe, wird negiert, sobald er sich auch nur ansatzweise zeigt.

Ich habe das Gefühl, Du verneinst Dich andauernd selbst?
Ich frage mich, ob die Ernährungsberatung wirklich das Richtige ist, oder nicht doch mehr nötig wäre?
Zwei weitere Sätze von Schatz aus dem Gespräch. Beide bleiben – auch im Innen – unbeantwortet.

Nichts hören. Nichts sehen. Nichts sagen. Nichts denken.

Verdunkelung

Minuten. Stunden. Tage. Ganze Wochen und Monate, die in der Bedeutungslosigkeit versickern. Sich nicht erinnern lassen, weil es nichts zu erinnern gibt, außer Gleichförmigkeit und einem diffusen Gefühl von zerronnener Zeit, die um mich herumzufließen, mich aber nicht zu berühren scheint.
Abstrakte Konstrukte von Körper und Funktion werden mir kommuniziert, schließen sich aber der Zeit an. Funktion funktioniert, Körper funktioniert. Das noch wird ignoriert, dem Fluss bedauernd wie gleichgültig zugeschaut. Da ist nichts.

Selbstlos

Das konstruierte Selbst, dieses Konstrukt aus Rationalität und Wissen um das, was es tut und welche Konsequenzen es haben kann, zerfällt in der Dunkelheit zu Staub wie ein Vampir im Sonnenlicht. Übrig bleibt ein aschiger Hauch, eine Patina auf dem, was mir ureigen ist. Alles, was im Licht sinnvoll, vernünftig und logisch erscheint, ist nichts mehr, wenn die Nacht beginnt. Logik wird ausgehebelt, Konsequenzen werden negiert. Das Fühlen zählt, nicht das Wissen. Und Fühlen ist nicht bereit zu dem, was das Wissen wollen will.