Sehenden Auges

Es ist mir gänzlich unverständlich, dass ich auf der einen Seite sage – und es auch so meine -, dass ich etwas gegen die ES tun will, und auf der anderen Seite einfach genau so weitermache wie zu zuvor.
Mein Körper beginnt, natürliche weibliche Funktionen einzustellen, und ich bin stolz darauf, während ich gleichzeitig den Kopf über so viel Dummheit schüttle.

Heute lasse ich – wahrscheinlich, sofern ich es aushalte – zum zweiten Mal diese Woche Sport ausfallen. Wobei es eigentlich heißen sollte, dass ich meinen Muskeln und mir heute Regeneration gönne und deshalb einfach nur nicht zum Sport gehe, aber gut. Gestern erschien das sogar wie eine sinnvolle Entscheidung, heute springt der Gedanke pausenlos randalierend gegen die Gitterstäbe. Wie ich meinen Plan, künftig nurnoch 4 Mal in der Woche zum Sport zu gehen, umsetzen und ertragen soll, ist mir ein Rätsel. Hinzu kommt, dass wir uns heuteabend bei Freunden treffen und Pizza bestellen wollen. Eine absolut absurde Vorstellung, die in einem Salat enden und mich trotzdem den ganzen Tag beschäftigen wird.

Verzerrung

°Triggerwarnung°

Zweidimensional betrachtet sehe ich die Auswirkungen der Essstörung und mein rationales Denken, das mehr essen für sinnvoll bis notwendig hält. Darunter liegt eine Subdimension nach der anderen, und jede beginnt mit einem Aber.

In der Zweierdimension sehe ich auf Fotos, wie dünn ich geworden bin. Mein Körperfettanteil schmilzt dahin, mein Gewicht ebenso, mein BMI ist nur 1 kg von der als anorektisch definierten Grenze entfernt. Ich sehe, wie meine letzten Jeans auch zu weit werden, und dass ich jetzt besser nicht körperlich krank werden sollte, weil die Reserven fehlen. Ich sehe, dass ich so bei dem vielen Sport keine Muskeln aufbauen kann, und dass meine Menstruation möglicherweise dieses Mal komplett ausbleibt. Ergo sollte ich meine Energiezufuhr erhöhen, ganz einfach. Gewicht halten als erstes Etappenziel.

Dann kommen die verschlungenen Subdimensionen ins Spiel.
Aber ich finds geil, zum ersten Mal in meinem Leben so dünn zu sein.
Aber mein kleiner Aufmerksamkeitsjunky liebt es, dass meine Mama (und mein Arzt, und die Fitnesstrainer, und mein Papa, und mein Bruder, und …) sich Sorgen macht.
Aber ich habe keine Ahnung, um wie viel ich meine Kalorienzufuhr erhöhen darf ohne wieder Fett zu werden.
Aber ich will meinem Hunger nicht nachgeben.
Aber ich bin noch garnicht dünn genug, um ernsthaft was zu ändern.
Aber ich mag keine Zwischenmahlzeit einbauen.
Aber ich liebe meine Knochen.
Aber ich möchte weiterhin meine Muskeln sehen und ums Verrecken keinen höheren Körperfettanteil.
Aber ich kann noch eine Million weitere Gründe finden, erst morgen (dann aber wirklich – vielleicht) mit mehr Kalorien anzufangen.

Gestern habe ich Schatz erzählt, dass ich es so schwer finde, auch wenn ich nur wenige der Subdimensionen im Gespräch überhaupt angekratzt habe. Ich zeige mich willig, etwas dagegen zu tun und bitte ihn, mit drauf zu schauen. Die ~200 kcal weniger, die ich gestern irgendwie unbeabsichtigt weniger esse als sonst, fallen dabei nicht auf, weil er keinen Plan hat, wo welche Energie drinsteckt und ich ihm meine Tagesübersicht einfach nicht zeigen kann.

Die Subdimensionen haben sich so fest um mein rationales Denken geknotet, dass sie sich nur fester ziehen, wenn ich sie zu entwirren versuche. Und es ist nicht so, dass ich das Entwirren nicht wollen würde. Aber die ES will eben auch. Mehr, vielleicht.

Weniger ist mehr

Gestern habe ich ~75 kcal mehr gegessen, als durchschnittlich an den restlichen Tagen der letzten Woche. Heute gehe ich nicht zum Sport. Ich werde fett und unsportlich. Sagt die ES, während ich versuche, das auszuhalten und mir nicht doch noch das Auto der Schwiegereltern zu leihen, um ins Studio zu fahren. Denn eigentlich möchte ich ja zumindest mal dahin kommen, nicht weiter abzunehmen. Vielleicht. Falls da einmal die Woche ~75 kcal mehr als sonst und nur 6 Mal die Woche Sport reichen.

Licht

°Triggerwarnung°

Es geht mir dermaßen gut, dass es wehtut. Nicht mir, aber meiner Depression. Die bekommt nämlich Angst. Und flüstert man soll doch gehen, wenn es am Schönsten ist! Soll ich dir verraten, wo die Klingen sind?
Nein danke, sage ich, nehme sie kurz in den Arm und lächle weiter vor mich hin.

Wirklich, ich bin fasziniert, wie gut es mir geht, und wie leicht es mir fällt, auf mich zu achten vom Essen einmal abgesehen. Wie stark ich für mich bin, wie viel ich von mir selbst vergessen hatte und nun nach und nach wiederfinde. Es ist geradezu beängstigend, aber geil. So kann es bleiben, bitte.

Into Darkness

Gut, der Titel ist vielleicht zu dramatisch gewählt, aber er gefällt mir. Denn auch, wenn die Tage okay bis gut sind und ich besonders heute über die Mühelosigkeit staune, mit der ich Sport, Einkaufen, andere Erledigungen und den Haushalt schmeiße – woran vor einigen Wochen nicht einmal zu denken gewesen wäre -, sind es die Abende, an denen sich zeigt, dass ich eben nicht geheilt bin, sondern nur bis zu einem gewissen Grad symptomfrei.
Wenn es Abend wird, sind die Cravings zurück. Nach Alkohol, nach Klingen, nach wie-auch-immer-induziertem Rausch. Der zweifelhafte Vorteil der ES ist, dass Alkohol aufgrund der Kalorien und SV aufgrund des Sports nicht näher in Betracht gezogen werden kann. Bleibt mir also nichts anderes übrig, als über die zugrunde liegenden Bedürfnisse nachzudenken und sie zu verstehen.
Am Montag startet meine Wiedereingliederung. Ich weiß noch nicht, wie ich das finde, aber dass beim näheren drüber Nachdenken auch Alkohol noch einmal an Attraktivität gewinnt. Deutlich.