Suizid.

Meine Cousine hat sich das Leben genommen. Sie wurde 22 Jahre alt.

Meine Mama weint am Telefon. Ich dagegen bin – inzwischen seit Tagen – irritiert, weil sich keine Trauer einstellen will. Außer ein paar Genen und Familientreffen hatten wir wenig Anteil am Leben der jeweils anderen. Zumindest schiebe ich es lieber darauf, als die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, mich inzwischen recht erfolgreich emotional abgetötet zu haben oder so etwas wie perverse Bewunderung und gleichzeitig das größtmögliche Mitgefühl für sie zu empfinden.

Die Tatsache ansich erscheint nach wie vor unwirklich. Und auch, wenn es mich emotional wenig trifft, kann ich nicht aufhören, darüber nachzudenken. Weil ich mich erinnere, wie allumfassend Verzweiflung und Sinn- wie Ausweglosigkeit sein können und mich einen Moment lang frage, wo eigentlich der Unterschied liegt zwischen erinnerten und gefühlten Gefühlen.

Rosa bedauert derweil, dass sie deswegen gerade nicht mehr im Fokus der Aufmerksamkeit meiner Mutter liegt – und ich kann sie verstehen, bin aber mindestens maximal entsetzt, so etwas überhaupt denken zu können.

Der Beitrag wäre doppelt so lang, hätte ich die vielen angefangenen Sätze nicht wieder gelöscht – und schier endlos, würde ich jeden Gedanken dazu in der Tiefe weiterverfolgen. Aber dort ist es dunkel – verdammt dunkel. Und dass mir das Angst macht, werte ich mal positiv.

Colorblocking

Rosa hat nur deshalb geschwiegen, weil sie Luft geholt hat. Ganz tief. Und jetzt redet sie. Ohne Punkt. Ohne Komma. Was für eine beschissene Idee eine Klinik ist, wenn wir dort im Zweibettzimmer sitzen, keinen Sport mehr machen und die Fitnessuhr nicht mehr tragen dürfen. Und Frühstücken müssen. Frühstücken! So in originärer Bedeutung, zu einstelligen Uhrzeiten. Geht garnicht. Mal abgesehen von den ganzen restlichen Regeln, die mit den unseren mal so gar nichts zu tun haben.
Orange gesellt sich gleich mal dazu und gibt auch noch ihren Senf dazu ab. Weil, jetzt schon wieder in die Klinik, und dann auch noch wegen so etwas peinlichem wie einer Essstörung, die nur GNTM-schauende Teenagermädchen haben, geht ja jetzt echt mal gar nicht. Außerdem, was passiert dann mit deinem Team, und überhaupt, du wirst doch bestimmt eh bald abgesägt.
Dass ich keinen der beiden wirklich verstehe, weil sie einfach gleichzeitig und in Dauerschleife reden, ist beiden egal, weil ihnen ausreicht, dass sie mich nerven. Und verunsichern. Und die Überzeugung, dass das die überflüssigste Entscheidung überhaupt war, fast wie von selbst immer größer wird.
Körper dagegen scheint sich daraus nun langsam aber sicher einen Freifahrtschein zu denken, dass er ja nun nicht mehr leisten muss, was ich ihm persönlich übel nehme. Schließlich kann er sich noch genug ausruhen und unförmig werden, wenn wir uns den Arsch retten lassen. Bis dahin hat er gefälligst zu funktionieren. Sonst wird Rosa zu laut.

Inpatient ⦁ Körperintelligenz

Dienstag. Wiegetermin beim Hausarzt, es ist sein letzter Tag vor dem Urlaub. Ich habe extra meine Eigenverantwortung, die seit Ewigkeiten in einer Ecke liegt und vor sich hin gammelt, abgestaubt und eingepackt, um sie ihm vor die Füße zu werfen. Ich will sie nicht, soll er damit machen, was er will.
Denn irgendwas ist passiert in den letzten Tagen, insbesondere nach unserem Ausflug. Es geht nicht mehr. Ich funktioniere nicht mehr und fühle mich physisch wie psychisch am Ende.
Doch ich werde nur auf die Waage gestellt, die einen Hauch mehr anzeigt als am Freitag – an dem ich nüchtern war, während ich jetzt schon diverse Tassen Tee und Kaffee intus habe und das auch sage; genau wie dass meine Waage daheim einen Hauch weniger zeigt als am Freitag – und mit einem neuen Wiegetermin in 14 Tagen nach Hause geschickt. Ohne Arztgespräch.

Immernoch Dienstag. Fünf Minuten, bevor der Vertretungsarzt schließt. Ich rufe dort an und soll kurz angeben, worum es geht. Ich stammle etwas von Untergewicht und Einweisung ins Telefon und erhalte einen Termin für Donnerstagmittag. Das ist der Moment, in dem Rosa erkennt, dass ich es ernst meinen könnte. Aber noch bevor sie den Mund aufmachen kann, sage ich ihr, dass sie die Klappe halten soll, und erstaunlicherweise hält sie sich daran. Was mich fast noch mehr verunsichert.

Donnerstag. Natürlich überlege ich, den Termin abzusagen. Weil ich bestimmt nicht krank genug bin, nur überreagiere und mir die weiteren Androhungen zur totalen Systemabschaltung von Körper bloß einbilde. Aber ich gehe trotzdem hin und habe wieder meine Eigenverantwortung eingepackt. Diesmal werde ich sie los. Er gibt mir die Zusage für eine akute Einweisung in eine psychosomatische Klinik, kümmert sich um einen Platz, nimmt heute nochmal diverse Werte ab und dann… Ja, dann geht es hoffentlich (?) sehr kurzfristig stationär. Und das ist die Stelle, an der ich fast sowas wie froh bin über meine kognitiven Nicht-Funktionen, weil Nicht-Denken an der Stelle bedeutend weniger Angst macht. Und Rosa? Schweigt sich aus, gerade.

Limitiert

Meine Muskeln summen, als ich stehen bleibe, um etwas zu trinken. Körper kann nicht mehr, und schon wieder droht er mit Systemabschaltung. So wie vorhin vorm Frühstück, als ich plötzlich merke, dass ich kurz davor bin, einfach umzufallen, weil sämtliche Speicher einfach leer sind.

Von vorne. Wir gehen auf Wander-//Foto-//Bergtour – eine, die Schatz vor einiger Zeit allein gemacht hat und die er mir unbedingt zeigen möchte. Es ist toll, aber ich scheitere trotz bester Vorsätze an dem letzten Stück rauf zur Alm, auf der er gewesen ist. Zu steil, zu weit, zu ungefrühstückt. Also gehen wir den Weg ein Stück zurück, zur vorigen Alm, und rasten dort. Ohne frische Buttermilch, die es zusammen mit knuddelbaren Kühen und selbstgemachtem Käse oben gegeben hätte – daher nur mit Wasser und einem Pott Kaffee, während Schatz ein Stück Käsekuchen verdrückt. Immerhin, der Kaffee rettet mich über weitere 1 1/2 Stunden, bis zu eben jenem Punkt während des Rückweges, wo beinahe nichts mehr geht und ich endlich mein Frühstück auspacke. Und die Hälfte esse.
Die zweite Hälfte folgt im Auto, zu dem ich es noch gerade so geschafft habe. Kommuniziert habe ich all das natürlich weitaus harmloser und in deutlich geringerem Umfang, als es sich anfühlte und was wohl nur diejenigen wirklich nachfühlen können, die wissen, wie strange sich ein ausgehungerter Körper mit leeren Muskeln anfühlen kann, wenn er leisten soll, aber einfach nicht mehr kann und mit Abschaltung droht.

Iss halt einfach denkt sich der rationale Teil von mir. Rosa rollt mit den Augen.

Konsumopfer

Rosa steht nackt, beinahe selbstzufrieden und mit einem breiten Grinsen im Gesicht vor dem Spiegel und betrachtet mich. Die Waage zeigte heutefrüh, passend zum anstehenden Arzttermin zwecks Blutwertbesprechung, den niedrigsten Wert ever an, da ändert auch die dank nagelneuer Fitnessuhr getrackte erschreckend niedrige Pulsfrequenz der letzten Nächte nichts an Rosas Euphorie.

Später sitzen wir gemeinsam beim Doc, und mit B12 und D sind bloß die üblichen Verdächtigen nicht so, wie sie sein sollten. Auch gut.
Als ich frage, ab wann ein niedriger Puls gefährlich werden kann, beruhigt er mich zunächst, weil er es bei dem vielen Sport für einigermaßen normal hält, zumal ich kaum Kreislaufprobleme habe. Aber dann scheint ihm wieder einzufallen, dass Körper ganz schön dünn ist und er fragt nach meinem Gewicht. Rosa antwortet mit stolz geschwellter Brust und während ich mich frage, warum sie tatsächlich die Wahrheit sagt, stellt mich der Doc mit steigender Nervosität auf die Waage. Das Ergebnis scheint ihm nicht zu gefallen, und wieder einmal fragt er nach therapeutischer Unterstützung und wirft einen Klinkkaufenthalt in den Raum. Ich glaube, er ist so genervt wie ratlos, weil er denkt, dass ich doch wollen sollte – und ich will ja auch wollen, aber genau genommen will ich halt sowas von nicht.
Nächste Woche, vor seinem Urlaub, soll ich mich noch einmal bei ihm auf die Waage stellen. Da sollte es mindestens stabil sein, sagt er. Und dann, mehr zu sich selbst denn was wären sonst die Konsequenzen? Er ist sich wohl selbst nicht so recht im Klaren darüber, denn er lässt die Frage unbeantwortet im Raum stehen. Rosa packt sie heimlich in ihre Tasche, weil sie es zwar nicht zugeben würde, aber Konsequenzen irgendwie verlockend klingen. Auch, wenn ich zumindest ab und zu versuche, sie davon zu überzeugen, dass der Verlust von jeglicher Autonomie weitaus weniger sexy ist, als sie es sich vorstellt.

Jetzt verbringen wir den Nachmittag also mit nicht enden wollenden Diskussionen darüber, ob wir den Vormittag vorm Arzttermin damit zubringen, literweise Wasser zu trinken, das Wochenende noch mal besonders restriktiv sind oder einfach nicht hingehen.
Am Ende ist es mir aber auch ziemlich egal, stelle ich fest. Und auch, wenn noch hundert weitere Gedanken zum Thema in der Peripherie meines Kopfs schweben, die zwar gedacht werden sollten, aber nicht können oder oder wollen, ist die einzig übrigbleibende Fragestellung die, wie ich Schatz den Termin, den ich natürlich wahrnehmen werde, verkaufe – und die Konsequenzen.

Ausgezehrt

Ich treffe mich mit einer Bekannten, die mal eine Freundin war. 7 Jahre, vielleicht länger, haben wir uns nicht gesehen, der Kontakt war irgendwann im Sande einer meiner depressiven Phasen verlaufen.
Sie trägt ein schwarzes kurzes Kleid, stelle ich fest. Und sie hat etwas zugenommen, aber auch das ist bloß eine wertfreie Feststellung, wie das schwarze Kleid. Und scheißegal.

Wir trinken Kaffee, weil halt Kaffeezeit ist und ich das vorgeschlagene Frühstück unter einer Lüge Ausrede abgelehnt habe. Wir unterhalten uns, stundenlang, und ich bin fasziniert von diesem rundlichen gesunden Gesicht, das nichts als Lebensfreude ausstrahlt, während ich zwischen jeder Zeile nur an Essen und dessen Restriktion denken kann. Am Ende gehen uns nicht die Themen, sondern die Zeit aus.

Irgendwann zwischendurch muss ich aufs Klo und mache dabei den Fehler, mich aus Versehen und mehr aus dem Augenwinkel heraus beim Hände waschen im Spiegel anzuschauen. Ich erschrecke, weil ich in tote Augen in einem leeren und fertiges Gesicht sehe, das unmöglich meins sein kann. Das muss das Licht sein, rede ich mir ein.