Plump

Ich bin in einer Essstörungsklinik. Unfreiwillig, und ich weiß auch nicht mehr so genau, wie ich hergekommen bin. Zugegeben, ich hätte drauf kommen können, dass es bloß mein schlafendes Gehirn ist, dem diese Idee entspringt, als die anderen Mädels, die alle jung und schön und schlank und recoverywillig sind, ihre perfekten Brüste angeleitet durch das Personal in Szene setzen, weil sie für einen Modelcontest trainieren. Ich dagegen bin all dies nicht und frage mich, was ich dort eigentlich soll.

Jetzt bin ich wach. Und frage mich, ob es bloß der morgige Arzttermin ist, der mich nervös werden lässt, oder ob es tatsächlich einen tieferen Sinn gibt hinter dem, was ich heutenacht dachte, alles nicht zu sein.

Glas

Wie eine kurzsichtige Hummel knallt die Idee in meinem Kopf immer wieder mit voller Wucht gegen den unsichtbaren Widerstand, der sie davon abhält, zu mehr als einem abstrakten Begriff oder einem Gefühl von zu werden. Sie ist erstaunlich penetrant, so dass ich sie für wichtig halte, aber sie scheitert am Wortmangel und fehlender Konzentration.

Desinfiziert.

Flach

Ich weiß nicht, ob es der gestrige Tag oder die letzten 3 bis 17 Jahre sind, die heute wie Tonnen von Blei auf mir liegen. Beides erscheint gleichermaßen un- wie absolut möglich, spielt aber am Ende auch keine Rolle. Vielleicht ist es auch nur bloße, aber sehr massive Unlust – rede ich mir ein -, die mich beinahe dazu bringt, mich heute nach einer halben Stunde Arbeit krank zu melden. Was mich letztendlich davon abhält, ist der Gedanke daran, wie ich den natürlich dennoch stattfindenden Sport gegenüber Schatz verargumentieren soll, wenn ich vorher den halben Tag nahezu bewegungsunfähig auf dem Sofa oder noch lieber im Bett verbringe.
Produktiv bin ich nur mäßig, und jede noch so kleine Bewegung ruft innere Widerstände hervor. Körper haut mir seinen Unwillen gleich mit dem ganzen Zaun um die Ohren, so dass mir die gewohnte Ignoranz mehr als schwer fällt.

Etwas irritiert frage ich mich während meines Workouts, was hinter der plötzlichen Idee stecken könnte, meine mehr als schulterlangen Haare auf wenige Millimeter abzurasieren. Gleichzeitig will ich meinen Kopf auf den rauhen Garagenboden schlagen, meine Arme und Beine aufschneiden und mich betrinken. Zwischen Denken und Metadenken bin ich fast dankbar für den Sog, den mein Gehirn gerade produziert, weil es den Körper gleichzeitig so deutlich in den Hintergrund rückt wie in den Vordergrund stellt, dass ich unbeteiligt dazwischen herschweben kann.

Am Ende lässt mich dieser Tag mehr als erschöpft zurück. Er hat mich zerkaut und ausgespuckt, und während er noch munter weiter da draußen vor sich hin existiert, liege ich – wie gewohnt – gegen 20 Uhr im Bett und bin fertig mit der Welt. Sie aber nicht mit mir, und das nehme ich ihr übel.

Signifikant

Dass sich Erschöpfung nicht terminal, sondern stets nur temporär definieren lässt, stelle ich jedes Mal aufs Neue fest, wenn sie mich einmal mehr überschwemmt. Und auch, wenn sie sich jedes Mal als Absolut darstellt und ich mich frage, warum ich eigentlich nach wie vor noch stehen, geschweige denn mich bewegen kann, ist beim nächsten Mal eine Steigerung unausweichlich, wenn auch kaum vorstellbar.
Rosa ist das weitgehend egal, solange wir weiterhin die Kalorienzufuhr restringieren und trotzdem Sport machen. Und den machen wir, auch wenn nicht nur eine stetig größer werdende Portion Überwindung, sondern auch fortschreitende Distanzierung vom Körper dazu nötig ist.

Dass mir mein Jammern fast noch mehr auf den Keks geht als die profunden Einschränkungen, tangiert Rosa ebenfalls nur peripher, weil sie es nicht für ihr Problem hält. Und wenn es Abend wird – der wahlweise auch und immer öfter schon morgens beginnen kann – schiebt sie mir nicht selten passiv-aggressiv Schwarz ins Sichtfeld, deren Ideen nicht immer sonderlich zukunftsorientiert sind, so dass ich mehr und mehr hoffe, dass der körperliche Zusammenbruch dem psychischen zuvorkommt – oder Rosa sich spontan dazu bereiterklärt, die Bedingungen neu zu verhandeln.

Müde

Das Gefühl, einen weiteren Tag schlichtweg verloren zu haben, breitet sich in mir aus. Ein Urlaubssommertag geht zuende, und ich muss mich wirklich anstrengen, um mich an ihn zu erinnern. Ich komme mir vor wie ein Zuschauer, der alles nur aus der Weite und mit einem verdreckten Fernglas beobachtet. Nichts davon hat wirklich mit mir zu tun und die Zeit verpufft in grauem Nebel.
Gedanken, die rational betrachtet wohl mindestens als besorgniserregend durchgehen, machen es sich in meinem Kopf bequem und stellen einfach alles in Frage. Einem kleinen Teil von mir wird bewusst, dass ich mein Leben in der Hand habe. Ein großer Teil von mir will es gerade zerknüllen und in die Ecke schmeißen. Anzünden vielleicht. Oder zerreißen.