Fadenscheinig

Als ich aus der Klinik zurück war, habe ich angefangen, die Fäden wieder in die Hand zu nehmen. Langsam wollte ich es angehen, und strukturiert. Eigentlich hatte ich gehofft, dass sie bei meiner Rückkehr nicht so ungeordnet und lose in der Luft hängen.
Die Struktur, das angestrebte Muster verlor ich schnell aus den Augen. Schwelbrände machten sich breit, und ich machte mich ans Löschen, statt auf die Suche nach den Funken. Und inzwischen fühle ich mich wie eine Mumie, weil ich mich in den unzähligen Fäden rudernd verheddert habe und den Boden nicht mehr berühre, während ich hier und da versenge.
Wie gerne würde ich eine Schere nehmen, all die Fäden abschneiden und nach meinem harten Aufprall auf dem Boden alles zusammen sammeln und in einen anderen Raum, einen anderen Verantwortungsbereich schmeißen, die Tür hinter mir zuknallen und wegrennen. Weit weg. Aber ich sehe die Schere nicht einmal mehr in dem ganzen Gewirr. Wenn ich irgendwo ziehe, bewegt sich plötzlich alles im Raum, und ein neuer Knoten entsteht. Funken geistern wie Irrlichter umher und treiben ihr Unwesen.
Die Erkenntnis, ziemlich selber Schuld an dem Chaos zu sein, tut fast so weh wie die Schlingen, die sich überall um meinen Körper gelegt haben und mich abschnüren.
Alle anderen sehen bloß den riesigen Knoten und schütteln den Kopf. Ich sehe nichtmal mehr mich selbst.

Ungesagt

Vielleicht ist es wenig erwachsen, Schatz einen Brief zu schreiben, wenn so vieles ungesagt im Schweigen endet. Weil ich nicht weiß, wie ich die dunkle Leere in meinen Innern verbalisieren soll, ohne dass es dauerhafte Narben auf der Haut hinterlässt, die mich daran erinnern könnten, dass da noch Leben ist, irgendwo.
So sind ein paar der Worte, die mir seit Wochen im Hals stecken, jetzt auf Papier und haben doch den Weg nach draußen gefunden.
Und vielleicht ist es wenig erwachsen, zu sagen, übernimm du die Verantwortung, denn ich will sie nicht. Sag du, was zu tun ist, bevor ich Blödsinn mache.
Aber so ist es nun. Er kennt einige Kopien der Worte, die in meinem Kopf und meinem Hals und meinem Innern feststecken und sich mit Widerhaken tief in mich hineingraben. Die dort wüten und schwelen und sich durch mich hindurchfressen, noch mehr Platz für Leere schaffen.
Und er trägt mich ein Stück.

Unzeit

Zeit ist bedeutungslos.
Am – zu frühen, zu unausgeschlafenen – Beginn des Tages hoffen, dass er schnell vorüber geht. Ihn füllen mit Nichts, ablenkendem, zeitschindendem, bedeutungslosem Nichts. Gegen Ende froh sein, dass er vergangen ist, aber die Zeit suchen. Eine Bedeutung suchen.
Nichts.

( )

Ich bin eine leere Hülle. In meinem Innern hallen Echos von Gedanken wieder, prallen ab von dem, was mich vom Außen trennt.
Da ist nichts, in mir drin. Dinge, die passieren, an denen ich vielleicht sogar die Schuld trage, berühren mich nicht, weil sie im Nichts versickern.
Was immer vom Außen auf mich projeziert wird – ich bin es. Die Vorgesetzte. Die Kollegin. Die Ehefrau. Die Tochter.

Die Fremde.

Löcher

Geh weg, lass mich in Ruhe, nerv mich nicht, sprich mich bloß nicht an.

Nicht anfassen, nicht angucken, nicht neben mir sitzen, nicht im selben Raum sein.

Heute ertrage ich keine Nähe. Ich will nicht umarmt, geküsst oder berührt werden. Ich will keine Gesellschaft, nichtmal von Miezen, alles hat Potential, mich innerlich zur Weißglut zu bringen.

Ein Sonnenuntergang, der nach Sommerregen duftet, ein Wald, der nach Frühling klingt.

Ein verlorener Samstag, der dunkel beginnt und dunkel endet.