Vakuum

Dreckig ist gar kein Ausdruck dafür, wie ich mich heute fühle. Also, so rein körperlich.
Es ist halb 2 und der Früh, als ich aufwache und wie seit Wochen in der Nacht auf Samstags genau weiß, dass ich erst einmal nicht mehr so schnell einschlafen werde. Also stehe ich auf und setze mich mit meinem Handy aufs Sofa. Möglicherweise ist es Hunger, der Körper dazu bringt, mich wachzuhalten. Tatsächlich ist das Rosa aber völlig egal, die Möglichkeit wird einfach negiert.
Es ist schließlich fast halb 5, als ich zurück ins Bett krabble und noch 2 weitere Stunden Schlaf ergattere, die viel zu schnell wieder rum sind. Aber Körper motzt schon wieder, und Kaffee muss her. Dringend. Die helfen zwar nur marginal gegen die Müdigkeit, aber das Ritual an sich zählt. Vorher muss ich mich natürlich wiegen. Körper schaut mich entgeistert an, Rosa feiert einen neuen Tiefststand.
Einkaufen steht auf dem Plan, danach Wertstoffhof, und eigentlich ein langer Spaziergang, weil ich ja sonst heute keinen Sport mache.
Ich fühle mich nach umfallen, was auch nach dem Frühstück – nach dem Einkaufen und nach dem Wertstoffhof – nicht sehr viel schöner wird. Ich frage mich, wie ich Körper dazu bekommen soll, jetzt noch weiterzumachen. Das Gartencenter, in das wir kurzfristig noch fahren, rettet mich und beruhigt Rosa zumindest mit ein paar mehr Schritten auf dem Tracker, auch wenn sie sehr vernehmlich mit den Zähnen knirscht. Ich vertröste sie auf morgen. Damit es nicht im Schnitt nur faule 6 Mal die Woche Sport sind. Mein Gehirn allerdings ist schon seit in der Früh ausgestiegen. Zombiemodus.
Jede einzelne Zelle meines Körpers signalisiert Leere, nur mein Magen hält sich – wie meistens, wenn es nicht gerade halb 2 Uhr nachts ist – raus.

Ausgezehrt

Ich treffe mich mit einer Bekannten, die mal eine Freundin war. 7 Jahre, vielleicht länger, haben wir uns nicht gesehen, der Kontakt war irgendwann im Sande einer meiner depressiven Phasen verlaufen.
Sie trägt ein schwarzes kurzes Kleid, stelle ich fest. Und sie hat etwas zugenommen, aber auch das ist bloß eine wertfreie Feststellung, wie das schwarze Kleid. Und scheißegal.

Wir trinken Kaffee, weil halt Kaffeezeit ist und ich das vorgeschlagene Frühstück unter einer Lüge Ausrede abgelehnt habe. Wir unterhalten uns, stundenlang, und ich bin fasziniert von diesem rundlichen gesunden Gesicht, das nichts als Lebensfreude ausstrahlt, während ich zwischen jeder Zeile nur an Essen und dessen Restriktion denken kann. Am Ende gehen uns nicht die Themen, sondern die Zeit aus.

Irgendwann zwischendurch muss ich aufs Klo und mache dabei den Fehler, mich aus Versehen und mehr aus dem Augenwinkel heraus beim Hände waschen im Spiegel anzuschauen. Ich erschrecke, weil ich in tote Augen in einem leeren und fertiges Gesicht sehe, das unmöglich meins sein kann. Das muss das Licht sein, rede ich mir ein.

Aussichtslos

Warten auf den nächsten Termin. Warten auf die bisher ungestellten Fragen. Auf die richtige Uhrzeit zum Essen oder zum Sport. Auf das nächste Wochenende, die nächste Bettgehzeit und das Wundern, dass Körper immer noch mitmacht. Auf das nächste Mal Wiegen, das nächste Mal aufwachen, das nächste Mal Feierabend haben. Auf das Verschwinden von Cravings, auf Konzentration, auf Klickmomente.

Warten aufs Leben.
Rosa bleibt.

Glas

Wie eine kurzsichtige Hummel knallt die Idee in meinem Kopf immer wieder mit voller Wucht gegen den unsichtbaren Widerstand, der sie davon abhält, zu mehr als einem abstrakten Begriff oder einem Gefühl von zu werden. Sie ist erstaunlich penetrant, so dass ich sie für wichtig halte, aber sie scheitert am Wortmangel und fehlender Konzentration.

Desinfiziert.

Signifikant

Dass sich Erschöpfung nicht terminal, sondern stets nur temporär definieren lässt, stelle ich jedes Mal aufs Neue fest, wenn sie mich einmal mehr überschwemmt. Und auch, wenn sie sich jedes Mal als Absolut darstellt und ich mich frage, warum ich eigentlich nach wie vor noch stehen, geschweige denn mich bewegen kann, ist beim nächsten Mal eine Steigerung unausweichlich, wenn auch kaum vorstellbar.
Rosa ist das weitgehend egal, solange wir weiterhin die Kalorienzufuhr restringieren und trotzdem Sport machen. Und den machen wir, auch wenn nicht nur eine stetig größer werdende Portion Überwindung, sondern auch fortschreitende Distanzierung vom Körper dazu nötig ist.

Dass mir mein Jammern fast noch mehr auf den Keks geht als die profunden Einschränkungen, tangiert Rosa ebenfalls nur peripher, weil sie es nicht für ihr Problem hält. Und wenn es Abend wird – der wahlweise auch und immer öfter schon morgens beginnen kann – schiebt sie mir nicht selten passiv-aggressiv Schwarz ins Sichtfeld, deren Ideen nicht immer sonderlich zukunftsorientiert sind, so dass ich mehr und mehr hoffe, dass der körperliche Zusammenbruch dem psychischen zuvorkommt – oder Rosa sich spontan dazu bereiterklärt, die Bedingungen neu zu verhandeln.

Müde

Das Gefühl, einen weiteren Tag schlichtweg verloren zu haben, breitet sich in mir aus. Ein Urlaubssommertag geht zuende, und ich muss mich wirklich anstrengen, um mich an ihn zu erinnern. Ich komme mir vor wie ein Zuschauer, der alles nur aus der Weite und mit einem verdreckten Fernglas beobachtet. Nichts davon hat wirklich mit mir zu tun und die Zeit verpufft in grauem Nebel.
Gedanken, die rational betrachtet wohl mindestens als besorgniserregend durchgehen, machen es sich in meinem Kopf bequem und stellen einfach alles in Frage. Einem kleinen Teil von mir wird bewusst, dass ich mein Leben in der Hand habe. Ein großer Teil von mir will es gerade zerknüllen und in die Ecke schmeißen. Anzünden vielleicht. Oder zerreißen.