57 – Kontrolle

Wie bastelt man sich eine Essstörung? Eine Anleitung: man nehme (m)ein Leben, stelle es auf den Kopf, entziehe (mir) jegliche Kontrolle über den weiteren Verlauf und warte ab.

Mein Verhältnis zum Essen ist seit meiner Pubertät – wahrscheinlich sogar länger -, sagen wir, nicht unbelastet. Meine Mama kenne ich nur auf Dauer-Diät und mit sich unzufrieden. Kritik an meinem Körper gab es von ihr öfter, wenn auch vielleicht nicht in böser Absicht. Als Kind war ich pummelig, als Prä-Teenie richtig dick. Dann, plötzlich, schränkte ich mein Essen radikal ein und nahm auf Normalgewicht ab. Bis auf wenige Kilo hin oder her halte ich es seitdem, aber in meinem Kopf bin ich immernoch Zwölf und fett.

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51 – Selbst.Bewusstsein.

Ihr Selbstbewusstsein. Ein fragiles Gebilde, eine feine Zeichnung auf noch feinerem Papier. Mühsam dort festgehalten, hatte sie es über die Jahre immer bei sich getragen. Die Zeit und die Beanspruchung waren es, die das Papier hatten durchscheinend und zerknittert werden lassen.

Seit über einem Jahr war sie dabei, es zu glätten und zu konservieren. Sie hatte sogar eine Möglichkeit gefunden, das Papier Stück für Stück zu unterlegen, um es wieder stärker zu machen, und die Zeichnung immer wieder mit Stiften nachgezogen. Es war weder einfach, noch schnell gegangen, aber jetzt merkte sie, wie wichtig all ihr Tun in den vergangenen Monaten gewesen war.

Auch wenn sich zwei der Menschen, von denen sie sich Hilfe und Unterstützung in der schwierigen Situation hatte holen wollen, ihr das Blatt aus den Händen rissen, mit ihren eigenen Stift wilde Spekulationen und Anschuldigungen darauf schrieben, und es vor ihren Augen so fest zerknüllten, dass sie meinte, es krümeln zu sehen, hatte sie den Mut, sich dagegen zu wehren und das Blatt wieder an sich zu nehmen. Sie hatte es heraus getragen, langsam wieder entfaltet und die fremden Bemerkungen entfernt. Zwar konnte man sie noch erahnen, aber sie wusste, dass sie verschwinden würden. Und sie würde diese Stellen noch einmal besonders sorgfältig überkleben, daran wachsen und versuchen, stolz auf sich zu sein.

Sie weigerte sich, dieses feine Gebilde, welches so wichtig für sie war, von anderen zerstören zu lassen. Ein kleiner, aber so wichtiger Schritt, der sie selbst erstaunte. Ein erstes Mal. Ein erstes Mal seit viel zu langer Zeit.

47 – Hiking & Hiding

Ich stehe vor einem kleinen Dilemma. Einem Problem, dass ich irgendwie lösen und einer Entscheidung, die ich treffen muss.

Bald bin ich zu einem TeamEvent mit meinem Chef, dessen Chef und allen weiteren Team- und Fachbereichsleitern meiner Abteilung eingeladen, 8 oder 10 Leute ungefähr. Wandern. Jippieh. Eigentlich wandere ich gerne, auch wenn Schatz und ich das dann “Fototour“ nennen. Ich habe gute Schuhe, diverse Hosen und T-Shirts, in denen ich mich wohlfühle und gut laufen kann. Privat, wenn es mir egal ist, dass meine Narben am linken Arm* (und am rechten Bein*, wenn ich mal in kurzer Hose unterwegs bin) zu sehen sind. Am Arm sind es nicht viele, abzählbar an zwei Händen, aber sie sind eindeutig und gut zu sehen. Und da fängt es an: was tun, wenn ich – falls ich – mitgehe? Denn erstaunlicherweise habe ich sogar Lust, mitzugehen – also zumindest Stand heute.

Auf der Arbeit wissen nur zwei Menschen, nämlich mein Chef und sein Chef, dass ich Depressionen habe (verstanden hat es nur der Chefchef). Keine Details, kein weiteres Drumherum, sondern nur, dass es so ist. In der Arbeit trage ich immer lange Ärmel, im Sommer in Form von dünnen Blusen, die niemand hinterfragt.

Wandern gehen kann und will ich aber nicht in einer Bluse, das passt für mich nicht und sähe wahrscheinlich auch noch seltsam aus. Also, was tun…

Es gibt nur zwei Möglichkeiten, mitgehen oder nicht mitgehen. Aber eigentlich möchte ich mit, und mir nicht irgendeine blöde Ausrede einfallen lassen, warum ich nicht kann oder (dann auch am Folgetag, damit es nicht so auffällt) krank machen. Also mitgehen. Aber wie? Langärmlig geht nur, wenn es nicht zu warm ist, aber es ist halt bald Sommer und die Wahrscheinlichkeit eher gering. Ich mag mir weder nen Wolf schwitzen, noch doofe Kommentare anhören. Also kurze Ärmel. Und entweder ein großes Pflaster mit glaubwürdiger Ausrede und der Hoffnung, dass es nicht bei zu viel Hitze vom Schwitzen abgeht, oder “nackt“. Denn genau so würde es sich anfühlen, und ich weiß nicht, ob ich so weit bin (jemals sein werde) und ob ich es aushalten könnte.

Ich weiß es noch nicht. Genug Zeit, um mir in aller Ruhe den Kopf zu zerbrechen, habe ich ja noch.

* Irgendwie kann ich das so nicht stehen lassen. Ich habe sofort, wenn ich so was schreibe, das Bedürfnis, mich zu erklären, weil ich befürchte, jemand anderes könnte mich nicht ernst nehmen. Wahrscheinlich werde ich in den nächsten Tagen einen extra Beitrag dazu schreiben.

40

Sie war ein Mond. Ein komplexer Himmelskörper aus Gedanken und Gefühlen, der um ein Leben kreiste, um einen Planeten.
Er hatte eine helle und eine dunkle Seite, dazwischen Zwielicht. Sie kannte ihn in- und auswendig. Kannte jede seiner Seiten, seine Oberfläche und alles, was darunter lag. Auch die Narben waren ihr vertraut, die die Einschläge von Asteroiden und die Vulkanausbrüche hinterlassen hatten.

Sie war dieser Planet, dieses Leben. Aber sie war auch der Mond, der auf ewig verbunden seine Bahnen am Himmel zog.
Sie wünschte sich, frei zu sein. Frei von einem Planeten, der sie seit einer gefühlten Ewigkeit zwang, ihren Blick ausschließlich auf ihn – und damit auf sich selbst – zu richten. Auf das Zwielicht und seine dunkle Seite, die so anders war, als das Licht. Bizarr, kalt, und auf eine nicht greifbare Art gewaltig. Der mit seiner schwankenden Anziehungskraft irgendwann dazu führen konnte, dass sie hinunter stürzte und sich selbst verlor.
Sie wollte mehr sein, als nur ein gefangener dunkler Satellit. Sie wünschte sich hin zum Licht, hin zu den zahllosen Sternen.

35 – Abwege

Sie war los gesprintet, ganz und gar fokussiert und ohne Rücksicht. Weder auf sich, noch auf den Weg, den sie genommen hatte. Eigentlich war es nur eine kurze Strecke, die es galt, möglichst sicher und unbeschadet zu überwinden. Es gab sogar eine Brücke, die vom einen Ufer zum anderen führte; sie hatte sie vorher gesehen und auch darauf zugesteuert, als sie startete. Als sie noch festen Boden unter den Füßen hatte.
Doch es hatte sich verselbstständigt – sie war zu schnell gewesen, hatte die verbleibende Zeit viel zu gering eingeschätzt und war blindlings auf ihr Ziel zu gerannt, ohne auf die Brücke oder ihre Beine zu achten. Weiterlesen „35 – Abwege“

27

Es war einfach eine Lüge.

„Natürlich will ich gesund werden.“ Gelogen.

„Natürlich will ich mich nicht mehr verletzen.“ Gelogen.

Zumindest empfand Schwarz das so. Aber sie wurde ja nicht gefragt. Nein, die anderen hatten ihr diese Sätze auferlegt, waren sogar einigermaßen überzeugt davon. Dass sie dabei Schwarz‘ Todesurteil unterschrieben, war denen doch vollkommen egal. Weiterlesen „27“