35 – Abwege

Sie war los gesprintet, ganz und gar fokussiert und ohne Rücksicht. Weder auf sich, noch auf den Weg, den sie genommen hatte. Eigentlich war es nur eine kurze Strecke, die es galt, möglichst sicher und unbeschadet zu überwinden. Es gab sogar eine Brücke, die vom einen Ufer zum anderen führte; sie hatte sie vorher gesehen und auch darauf zugesteuert, als sie startete. Als sie noch festen Boden unter den Füßen hatte.
Doch es hatte sich verselbstständigt – sie war zu schnell gewesen, hatte die verbleibende Zeit viel zu gering eingeschätzt und war blindlings auf ihr Ziel zu gerannt, ohne auf die Brücke oder ihre Beine zu achten. Eine Brücke, von der sie bald unbemerkt abgekommen war und ein Körper, der das Tempo unmöglich bis zum anderen Ufer durchhalten konnte.
Die fehlende Brücke bemerkte sie zuerst, aber die pure Geschwindigkeit ließ sie übers Wasser fliegen, so dass sie es einfach ignorierte. Das Ziel fest im Blick, dachte sie nicht daran langsamer zu werden oder gar den Kurs zu korrigieren.
Erst, als sie das Ufer schon fast berühren konnte, und die ausreichende Zeit sah, die sie noch hatte, wurde sie langsamer. Sie wollte sich etwas weniger Hast gönnen, und beging damit einen riesigen Fehler. Ihre Beine streikten plötzlich, und sie flog nicht mehr. Die kleinen Wellen auf der Wasseroberfläche griffen nach ihren Knöcheln, und ehe sie reagieren konnte, sank sie in die Tiefe. Der steigende Druck presste ihr die Luft aus den Lungen und die Kälte machte sie unendlich müde.
Aber sie musste ans andere Ufer, ihr blieb keine Wahl. Sie zwang ihren taub werdenden Körper weiter nach vorn, weiter in Richtung des rettenden Lands.
Eine letzte Höchstleistung, ein letzter Kraftakt, und sie lag keuchend und zitternd am Strand. Unfähig, auch nur aufzustehen, geschweige denn, die grüne Oase dahinter, auf die sie von Anfang an zugesteuert hatte, zu erreichen.
Nur langsam kam sie wieder zu Atem, und noch langsamer kehrte das Gefühl in ihren tauben Körper zurück.
Mit dem Zeigefinger malte sie ein Fragezeichen in den Sand und machte sich auf den Weg. Sie sah schon das Meer auf der anderen Seite.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s