57 – Kontrolle

Wie bastelt man sich eine Essstörung? Eine Anleitung: man nehme (m)ein Leben, stelle es auf den Kopf, entziehe (mir) jegliche Kontrolle über den weiteren Verlauf und warte ab.

Mein Verhältnis zum Essen ist seit meiner Pubertät – wahrscheinlich sogar länger -, sagen wir, nicht unbelastet. Meine Mama kenne ich nur auf Dauer-Diät und mit sich unzufrieden. Kritik an meinem Körper gab es von ihr öfter, wenn auch vielleicht nicht in böser Absicht. Als Kind war ich pummelig, als Prä-Teenie richtig dick. Dann, plötzlich, schränkte ich mein Essen radikal ein und nahm auf Normalgewicht ab. Bis auf wenige Kilo hin oder her halte ich es seitdem, aber in meinem Kopf bin ich immernoch Zwölf und fett.

Aber gut, in den letzten Jahren habe ich mich mit meinem Körper arrangiert, und auch wenn ich nur selten ohne Reuegefühle oder ein schlechtes Gewissen essen kann, esse ich “normal“. Unter der Woche hieß das, sehr restriktiv, am Wochenende war aber fast immer Genießen drin.

Dann geschah vor einigen Wochen diese lebensverändernde Katastrophe, und mein Hungergefühl war erst einmal weg. Mein BMI, vorher bei für mein Gefühl nicht ganz optimalen 22,8, sank innerhalb weniger Tage auf 20,9 und liegt inzwischen bei 20,2. Die Waage wird morgenfrüh die Tendenz dieser Woche zeigen. Der Hunger ist zurück, mein Appetit aber nur sehr eingeschränkt, und der Wille, wenigstens diesen Teil meines Lebens zu kontrollieren, wird eher größer als kleiner. Mehr abnehmen sollte ich nicht – weil meine Hosen nicht mehr passen, mein Gesicht älter aussieht, und Untergewicht rein logisch gesehen wenig erstrebenswert ist.

Und doch bekam ich gestern, als mir ein Kollege ein Eis spendieren wollte, die absolute Vollkrise. Ein anstehender Termin und die zu lange Schlange retteten mich. Ich frage mich, ob ich “einfach so“ wieder normal essen könnte. Die Angst, dann besonders schnell zuzunehmen, ist groß. Und der eher unterbewusste Drang, auf diesen Teil meines Lebens gerade besondere Kontrolle auszuüben, ebenfalls.

Ich kenne das aus früheren Phasen, als ich das Gefühl hatte, keine oder nicht ausreichend Kontrolle über mein Leben zu haben. Dann musste jedes Mal das (Nicht- bzw. sehr eingeschränkte) Essen als Ventil herhalten, mal für wenige Tage, mal für Monate.

Warum ich das hier aufschreibe? Um mir selbst vor Augen zu führen, dass es ein Problem werden könnte. Auch, weil es ein Teil von mir toll findet, dass ich leicht unter meinem bisherigen Wohlfühl- und stark unter meinem Ausgangsgewicht bin, und man mir ansehen kann, dass es mir gerade nicht gut geht. Warum also nicht weiter machen?

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