Bedrohung

[Triggerwarnung]

Rosa ist frustriert, weil die erlaubten 30 Minuten Bewegung am Tag in Form von Spaziergängen – auch wenn sie bei maximalem Tempo mit möglichst viel Strecke gefüllt werden – lächerlich sind und ich mich seit zwei Wochen auch noch brav daran halte. Also, bis gestern zumindest. Ich brauche ja ein Thema fürs nächste Einzel.

Das letzte Einzel verbringe ich damit, die Selbstverletzung, die ich geheim halten wollte, detailliert zu erörtern. Nicht, weil ich mich freiwillig anders entschieden hätte, sondern weil Körper der Meinung war, sein Leid in aller Öffentlichkeit zur Schau stellen zu müssen. Gut, ich habe wohl meinen Körperfettanteil ein klitzekleines bisschen falsch eingeschätzt, als es um die Tiefe ging – immerhin ist das letzte Mal knappe 20 Kilo her. Also hole ich mir bei der medizinischen Zentrale einen Verband ab, bei dem ich schon beim Anlegen denke, dass er verdächtig locker sitzt in Anbetracht meiner Sickerblutung, die seit 3 Stunden anhält. Als im Speisesaal beim Abendessen mein Arm plötzlich rote Schlieren auf der Tischplatte hinterlässt, weil es durch diverse Lagen Verband, ein langärmliges Oberteil und eine dicke Sweatjacke gesuppt ist, verkleinert sich schlagartig mein Sichtfeld. Ich schnappe ich mir eine Serviette und gehe erneut zur MZ. Einen Druckverband später, der so fest wie der vorherige locker ist, bin ich wie im Tunnel und möchte im Boden versinken.
Als ich am nächsten Morgen aufwache und meine Hand betrachte, muss ich an Star Trek denken – wenigstens ist meine Zunge nicht taub. Also muss ich noch einmal zur MZ und ernte dort wie auch später von meinem Mitpatienten ungläubige Blicke angesichts des Ballons, der nur entfernte Ähnlichkeit mit einer Hand hat, bekomme aber nun SteriStrips – die mir bisher nicht angeboten wurden – und endlich einen vernünftigen Verband.

Am Abend bin ich vorsichtiger. Ein Pflaster und ein selbst improvisierter Druckverband reichen.

Dass ich nun kommende Woche im Einzel wie vereinbart ganz einsichtig meine gebrauchten Rasierklingen abgebe, geschieht einzig deshalb, weil ich bereits neue habe – Rosa, Schwarz und Rot haben sich zusammengetan und eine Petition eingereicht, weil sie sich unmöglich auch noch diesen durchaus zweideutig zu verstehenden letzten möglichen Ausweg wegnehmen lassen können. Ich stimme dem zu.

Exekutiv

Ich soll mir da echt nichts einreden und auch nichts einreden lassen, sagt Rosa.
Weil, das – bisher recht konsequent ignorierte – Spazierverbot und die zugehörigen Gefühle dazu haben die Frage aufgeworfen, ob ich nicht vielleicht – ganz eventuell vielleicht – doch ein echtes Problem und eher weniger Mitspracherecht bei Entscheidungen rund ums Essen und Bewegung habe.
Bisher ging ich davon aus, dass wir das alles gemeinsam beschließen – und wollen. Aber wenn ich jetzt mal ganz verantwortungsvoll und logisch daran denke, der Einschränkung von Frau Therapeutin nach- oder zumindest entgegenzukommen, stopft Rosa ebenjene Vernunft kompromisslos in eine Kiste, versteckt den Schlüssel und drückt den Knopf, der den Autopiloten aufpustet und ans Steuer von Körper setzt, der eigentlich eher meiner Meinung wäre.

Intensität

Es ist 5 Uhr, seit einer Stunde liege ich wach, ohne den genauen Grund zu kennen. Immerhin konnte ich überhaupt etwas schlafen, denn die erste Nacht hier in der Klinik war sehr kurz.

Heute zum ersten Mal Wiegen. Rosa findet das scheiße, weil wir jetzt schon 1 1/2 Tage Richtmenge essen mussten, Körper weiterhin munter Wasser bunkert und ich seit Montag nicht auf der Toilette war.
Eigentlich will ich es garnicht wissen. Die meisten anderen sind dünner kränker berechtigter, hier zu sein als ich. Aber Rosa sagt, vielleicht sind wir dann um so schneller wieder draußen und können da weitermachen, wo wir aufgehört haben.

Butter, Vollfettfrischkäse und Nudeln schmecken schon geil, Frühstück um 7 mit Semmal ist aber irgendwie pervers. 3 Mal am Tag essen ebenfalls. Magenknurrenhunger habe ich zwischendurch auch, was Rosa aber als persönliches Versagen ansieht. Wenigstens habe ich diese Woche noch nicht so viele Termine, so dass ich gestern spazieren gehen konnte und auch für heute vormittag schon eine – noch größere – Runde geplant habe. Kann ja schließlich nicht nur rumsitzen hier -.-

Ich bin unruhig, und auch wenn ich brav meine Richtmenge esse und sie so gut wie möglich in die Kalorienapp hacke, nur um mich dann bei der Tagesbilanz zu gruseln, drücke ich die Zahl am Ende des Tages auf den geringstmöglichen Wert, der unter diesen Umständen möglich ist.

Nicht der Beitrag, der mir sprachlich gefällt, aber wohl das, was um halb 6 in der Früh halt möglich ist.

Mordlust

Der Geruch macht mich wahnsinnig. Ich stehe in der Küche neben dem Ofen, in dem Schatz erst eine Pizza und nun Schokokekse backt.

Ich würde töten für eine Scheibe Käse, die ich in den Ofen legen und damit diese Kekse überbacken könnte. Denn so riecht es – nach mit Käse überbackenen Schokokeksen, und ich kann mir nichts geileres vorstellen, auch wenn ich mich ein bisschen darüber wundere.

Weil Rosa und ich uns aber – nicht fair verteilt, aber dennoch – notgedrungen ein Gehirn teilen, kommt töten nicht in Frage, also stehe ich nur da, blättere meinen Katalog weiter durch und beruhige Rosa, dass wir von der Vorstellung allein ebenso wie vom Geruch nicht zunehmen werden, auch wenn sie genau das befürchtet – wie auch vom Massageöl gesternabend, welches bestimmt durch meine Haut in die Zellen diffundiert und es sich dort gemütlich macht.

Ich nippe an meinem – kalorienfrei – gesüssten Tee.

Subtext

Rosa platzt fast vor Wut. Sie schaut ungläubig hin und her zwischen mir und dem, was dort steht. Ich kann nur hilflos mit den Schultern zucken und ungläubig zurück schauen. Weil ich es selbst nicht verstehe.

*Mama schickt mir ein Bild aus einer Zeitschrift. Ein Zwetschgenzopf samt Rezept und Kaorienangabe.*
Ich bin ähnlich irritiert wie vor Kurzem, als sie mir das Bild ihres fettig überbackenen Toasts schickt, welches ich kopfschüttelnd ignoriert und Rosa erst garnicht gezeigt habe.
*Mama schreibt, ob der vielleicht lecker ist.*
Ich lese es und schließe die Nachricht wieder.
Ich öffne sie, lese sie nochmal und will sie ignorieren. Wirklich.
Aber dann liest Rosa sie, und ich kann ihre Antwort, dass ich das wohl so bald nicht beantworten kann, immerhin noch mit einem Zwinkersmiley versehen.
*Mama schickt einen fragenden Smiley und ein dickes rotes Fragezeichen.*
Und Rosa explodiert.

Und deshalb werden ab morgen die Kalorien nochmal gekürzt, weil es für heute schon zu spät ist.

Colorblocking

Rosa hat nur deshalb geschwiegen, weil sie Luft geholt hat. Ganz tief. Und jetzt redet sie. Ohne Punkt. Ohne Komma. Was für eine beschissene Idee eine Klinik ist, wenn wir dort im Zweibettzimmer sitzen, keinen Sport mehr machen und die Fitnessuhr nicht mehr tragen dürfen. Und Frühstücken müssen. Frühstücken! So in originärer Bedeutung, zu einstelligen Uhrzeiten. Geht garnicht. Mal abgesehen von den ganzen restlichen Regeln, die mit den unseren mal so gar nichts zu tun haben.
Orange gesellt sich gleich mal dazu und gibt auch noch ihren Senf dazu ab. Weil, jetzt schon wieder in die Klinik, und dann auch noch wegen so etwas peinlichem wie einer Essstörung, die nur GNTM-schauende Teenagermädchen haben, geht ja jetzt echt mal gar nicht. Außerdem, was passiert dann mit deinem Team, und überhaupt, du wirst doch bestimmt eh bald abgesägt.
Dass ich keinen der beiden wirklich verstehe, weil sie einfach gleichzeitig und in Dauerschleife reden, ist beiden egal, weil ihnen ausreicht, dass sie mich nerven. Und verunsichern. Und die Überzeugung, dass das die überflüssigste Entscheidung überhaupt war, fast wie von selbst immer größer wird.
Körper dagegen scheint sich daraus nun langsam aber sicher einen Freifahrtschein zu denken, dass er ja nun nicht mehr leisten muss, was ich ihm persönlich übel nehme. Schließlich kann er sich noch genug ausruhen und unförmig werden, wenn wir uns den Arsch retten lassen. Bis dahin hat er gefälligst zu funktionieren. Sonst wird Rosa zu laut.