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Es ist vielleicht ironisch, vielleicht auch nur interessant, dass der Gedanke an die Klinik derzeit den gleichen Stellenwert in meinem Kopf einnimmt, wie vorher die Katastrophe. Das Loch, welches das Ende derselben hinterlassen hat, füllt nun der Klinikgedanke und lässt mich – einigermaßen – funktionieren. Und ich habe wirklich Angst davor, wenn es dann soweit ist, und auch der Gedanke nicht mehr da ist. Wenigstens ist dann da ein Netz, was mich hoffentlich auffängt.
Dieser Tage beinhaltet die Vorstellung eines erstrebenswerten Abends vorallem Alkohol und Rasierklingen. Wenn mich erst das Loch wieder zu verschlingen droht, will ich nicht wissen, wie es dann um meine Selbstbeherrschung bestellt ist.

Seit heute habe ich erst einmal Urlaub, auch wenn mich der Gedanke an die viele freie Zeit überfordert. Aber die paar tausend Dinge, die ich vorhabe, tun das genauso.
Vielleicht schaffe ich ja, was ich mir seit der Klinikzusage vorgenommen habe: ein paar wichtige Dinge aufschreiben, die ich ansprechen muss um mich dann doch nicht zu trauen.

Projekt #mentalhealth

mentalhealth
Ich habe meine #mentalhealth, die ich lieber mit Stabilität denn Gesundheit übersetzen möchte, in meinem Kopf zum Projekt erhoben. Keine Ahnung, warum, aber ich hoffe, dass es so einen anderen Stellenwert einnehmen kann. Ein Projekt klingt netter als ein schnödes es muss sich was ändern.

Einen detaillierten Projektplan gibt es nicht – wird es auch nicht geben. Aber ein paar Punkte finde ich wichtig:
[x] einen Termin bei der Kinesiologin machen
[x] mich um einen Therapeuten kümmern
[ ] zum Therapeuten hingehen
[ ] zum Therapeuten ehrlich sein und Wünsche formulieren, z.B. dass ich mit Vornamen angesprochen werde (wenn auch das „Sie“ so bleibt)
[ ] zu meiner Familie offen und ehrlich sein, z.B. das Alkohol-Thema erwähnen
[ ] mir überlegen, wie ich künftig im beruflichen Umfeld mit dem Thema umgehe
[ ] möglichst jeden Abend mindestens in den Garten gehen
[ ] einmal die Woche etwas früher Feierabend machen
[ ] mir die Arbeit wieder angenehmer gestalten
[ ] Alkohol ist nur noch am Wochenende erlaubt

Das klingt in meinen Augen nicht nur ambitioniert, das ist es auch. Und vielleicht klappt es nicht. Aber vielleicht doch, und wenn es nur für einen schönen Sommer reicht.

Puzzlearbeit

Ich versuche gerade herauszufinden, was von mir übrig ist. Und wer ich vor der Katastrophe war, denn so genau weiß ich das nicht mehr.
Ich lese alte Beiträge und mein Tagebuch, aber viel finde ich dort nicht. Dunkel erinnere ich mich, dass ich mich auf dem richtigen Weg wähnte. Aber wie sieht er aus, der richtige Weg? Ein langsames Herausarbeiten aus der Depression depressiven Phase, ein langsames Hineinarbeiten in meine Rolle als Führungskraft. Und weiter? Was war da noch?

Gerade finde ich nichts. Statt von Erleichterung überwältigt zu werden, sitze ich da und denke ein Geräusch, dem ein Uff sehr nahe kommt. Mein Körper und mein Kopf sind erschöpft und ich spüre, wie beide heimlich darüber nachdenken, sich einfach mal für eine Weile auszuklinken. Irgendwo in mir drin lauert unendliche Erschöpfung und eine körperliche Schwäche, die ich weder in Worte, noch sonstwie fassen kann.

Meinungsverschiedenheiten

Ich entscheide mich. Für nichts. Oder doch dagegen? Ich entscheide mich, dass ich mich nicht entscheiden kann. Oder will. Ist ja auch egal.

Ich hasse es. Ich hasse mich. In Bezug auf meine Entscheidungsfähigkeit war ich auf einem wirklich guten Weg – fast, als wäre es der Weg zu mir selbst. Dann kam die Katastrophe, und alles ist anders. Wichtige Entscheidungen zu treffen fällt mir immer schwerer, und vorallem im Berufsleben ist das wenig hilfreich, geschweige denn zielführend.

Ich wirke wie ein Fähnchen im Wind, dabei bin ich der Auffassung, dass ich nicht den Weg des geringsten Widerstands wähle, sondern einfach unterschiedliche Meinungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedlich überzeugend finde – wahrscheinlich bloß ein Trick von meinem Kopf, damit ich nicht herausfinde, dass ich tatsächlich nur ein Fähnchen bin.

Es ist so anstrengend. Ich höre mir die Argumente für A an, und bin zutiefst überzeugt. Mitunter tage- bis wochenlang. Dann höre ich Argumente für Z, und plötzlich kehrt sich meine innere Überzeugung um. Verstehen kann ich sowieso immer beide Seiten, weil ich beide Sichtweisen nachvollziehen kann. Und dann muss ich eine Entscheidung treffen. Und bin überfordert.

Ich hasse es, dass ich so (geworden) bin. Ich will nicht so sein. Ich will mir beide Seiten anhören und dann eindeutig für mich eine Entscheidung treffen können. Und, ganz verrückt, auch noch dazu stehen können, ohne dann wieder rumzueiern.

Gestern war wieder so eine Situation – die Deluxe-Version, sozusagen. Und seither sind SV-Gedanken da, weil ich einfach nicht mehr darüber nachdenken und meinem Kopf beim Meinungs-Hopping zusehen will. Ich will mich in Stücke hacken, der Situation entfliehen, einfach nicht mehr dort auftauchen. Ein Gefühl, welches ebenfalls nicht dazu beiträgt, mich weniger zu hassen.

Nüchtern betrachtet wäre Alkohol toll

„Hast du geschlitzt?“ Ja, genau so sagt er das. Geschlitzt.

Von vorn. Mein Papa ruft an. Seit Wochen habe ich nicht mehr mit ihm gesprochen, weil es mir bis Ostern so scheiße ging, dass ich nicht telefonieren konnte wollte. Das schrieb ich ihm vor einiger Zeit, und wünschte ihm einen schönen Urlaub. Ob ich in Behandlung sei, fragte er. Nein. Viel mehr schrieb weder ich noch er.

Nun also das unausweichliche Telefonat. Zuerst spricht er mit Schatz, während ich zunehmend nervöser werde. Über Gefühle mit Papa reden war noch nie meine Stärke.

Dann schwebt der Hörer vor meinem Gesicht, und ich nehme ihn mit einem inneren Seufzen entgegen.
Ob es mir besser geht, fragt er. Ja, nein, vielleicht, ein bisschen schon, denke ich – es ist kompliziert. „Ja, schon“, ringe ich mir ab, um Worte verlegen. Dann:“Hast du geschlitzt?“ Einen Moment lang kann ich nicht fassen, dass er überhaupt fragt, während ich die Wortwahl gleichzeitig faszinierend und abstoßend finde. Schon, ein bißchen, aber nicht annähernd genug schlimm. „Nein“ sage ich, bevor ich einen Gedanken daran verschwenden kann, ihm die Wahrheit zu sagen.
„Und du hast es auch nicht vor?“ fragt er dann, und im Tonfall schwingt neben Sorge auch Du dummes kleines Mädchen, wenn du es tätest mit. „Nee“ nuschle ich. Doch, und jetzt gerade ganz besonders, weil du mit so einer Frage und so einem Tonfall daherkommst, dass ich dir mir an die Kehle springen und dich anschreien will, dass das so einfach nicht ist, wie dein verbales, belächelndes Kopfschütteln es impliziert. „Ja, dann ist ja gut. Deswegen hatte ich auch gefragt wegen ärztlicher Betreuung und so, man macht sich ja Sorgen… Euer Urlaub war auch schön, habe ich gehört?“ wechselt er das Thema, während ich wieder daran hängen bleibe, dass meine körperliche Unversehrtheit wohl immer das Wichtigste bei Anderen zu sein scheint. Wenn nach Außen alles okay ist, kann es Innen schließlich auch nicht so schlimm sein. So viel zu der Frage von vor einigen Tagen, warum der Satz Stell dich nicht so an! so ausdauernd in meinem Kopf klebt.

Ja, es geht mir besser als vor Ostern. Vielleicht sogar ganz okay. Aber nach dem Telefonat ist da ganz viel Durcheinander. Alkohol half ein bisschen, und wenn ich nicht so Angst vor den Kalorien hätte, würde ich mich jetzt wohl ordentlich betrinken.

Innere Stimmen

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Sie redete und redete. Diskutierte mit allen möglichen Menschen, denen sie tagtäglich begegnete. Konstruierte Sätze und Realitäten, immer von der Intention getrieben, anderen verständlich zu machen, was sie gerade dachte, wie sie sich fühlte und wie sie die Welt sah. Worte reihten sich in beinahe endloser Folge aneinander und ergaben mal mehr, mal weniger Sinn. Das Bedürfnis, sich mitzuteilen und dadurch vielleicht ein Stück weit besser zu verstehen, war schon immer ein Teil von ihr gewesen.
Manchmal bekam sie Kopfschmerzen davon, wenn sie Sätze begann, deren Ende sie nicht aussprechen wollte oder es nicht einmal kannte. Oder wenn die Worte so schnell heraus mussten, dass sie sich dabei überschlug.
Viele Gespräche führte sie immer und immer wieder, in endlosen Schleifen. Passte hier und da ihre Ausdrucksweise an, interpretierte Reaktionen, erhoffte sich Wendungen. Blieb ruhig und sachlich, wurde wütend, schrie und schlug um sich, brach zusammen – je nachdem, wonach ihr gerade war.
Stumme Sätze, die nur selten den Weg aus ihren Gedanken nach Außen fanden. Stumme Diskussionen, die sie mit Menschen führte, die nur ein Abbild dessen waren, was sie für die Realität hielt. Stumme Bitten um Hilfe, die nie einen Empfänger fanden. Stumme Wut, die nur imaginäre Zimmer verwüstete. Stumme Zusammenbrüche, die nie jemand sah.
Stumme und endlose Diskussionen, die sich im Kreis um sie selbst drehten.