26

Sie war gefangen in einem schmalen Spalt zwischen den Welten. Unsichtbar für die Anderen, die sie als Teil ihrer eigenen Welt sahen, blind für die feinen Unterschiede, die ihr wie eine massive, gläserne Wand erschien.

Schon ewig wanderte sie hier umher, auf grauen Pfaden unter einem grauen Himmel. Auf der einen Seite bunter Trubel, den die Anderen wohl „das Leben“ nannten, auf der anderen die immer dunkler werdende Schwärze, die sie als vertraute, dunkel Höhle kannte. Beides zog sie immer wieder in ihren Bann, aber nirgends fand sie einen Durchschlupf, um das Grau zu verlassen. Immer wieder stand sie fasziniert an einem der Ränder und starrte in diese fremden Welten, diese fremden Leben. Weiterlesen „26“ →

25

Ihre Gedanken waren wie ein kosmischer Nebel. Riesig groß und nahezu endlos sah der Nebel aus jeder Richtung etwas anders aus. Mal war er dichter, mal wie ein leichter Dunst, und schillerte in den unterschiedlichsten Farben. Alles war in Bewegung, formte sich stets neu und vermischte sich. Konturen bildeten sich heraus und wurden zu unzähligen Sternen, die hell und flammend alles um sie herum erleuchteten und wärmten.

Die dunkle Materie, die sich im Schatten zwischen dem Nebel verbarg, war anders. Weiterlesen „25“ →

24

Vielleicht hatte sie es geahnt. Mit an Irrsinn grenzender Begeisterung war sie einfach drauf los gestürmt, wohl wissend, dass geradeaus am Horizont ein Abgrund lauern würde. Ungebremst war sie darauf zu gerannt, immer hoffend, dass ihr Weg vorher eine Kurve nahm und sie auf festem Boden bleiben würde.

Aber dann merkte sie, wie sie auf dem immer unwirtlicher werdenden Untergrund stolperte und keine Kurve vor ihr lag. Langsamer werden, die Richtung wechseln war nicht möglich, und so hatte sie sich selbst zugesehen, wie sie über den Horizont fiel.

Sie hielt sich nur noch mit den Fingerspitzen an der Kante über dem dunklen Abgrund fest und wenn sie nach unten blickte, war da nur Schwärze. Sie hatte keine Ahnung, wie tief sie fallen würde, wenn sie los ließ. Vielleicht waren ihre Zehenspitzen nur wenige Zentimeter vom Boden entfernt, oder aber sie brach sich beim Sturz in die Tiefe alle Knochen, falls sie überhaupt überlebte.

Ihr Herz hämmerte vom Dauersprint, ihre Gedanken waren immer noch unterwegs auf dem Weg, den es nicht mehr gab. Mit Mühe kämpfte sie die Tränen der Verzweiflung nieder, da sie sonst die Hände vors Gesicht geschlagen und losgelassen hätte. Trotz dem andauernden Wissen um diesen Abgrund hatte sie nie darüber nachgedacht, was passieren würde, falls sie abrutschte. Ihre Kraft reichte gerade so aus, um sich festzuhalten und darüber nachzudenken, ob loslassen oder um Hilfe schreien die bessere Lösung wäre. Die Schwärze des Abgrunds war verlockend, sie stellte sich vor, wie sie sie auffing und ins vertraute Dunkel davon trug. Lange würde sie die Tränen nicht mehr zurückhalten können…

08.12.2016

23

Gestern war sie in einem schlechten Schwarzweißfilm gefangen gewesen. Viel zu dunkel, grobkörnig. Der Nieselregen lief ihr in den Nacken und ihren Rücken herunter, der schmale Pfad den schroffen Berg hinauf nahm kein Ende. Links und rechts wechselten sich Dornenbüsche mit tiefen Abhängen ab, in denen es nur Schwärze gab.
Mühsam setzte sie immer einen Fuß vor den anderen, weil der Weg zu schmal war, als dass sie hätte umkehren können. Der Wind fauchte ihr unablässig und eiskalt ins Gesicht, brachte sie ins straucheln. Ihr war schwindlig vor Kälte und Erschöpfung, sie bekam kaum noch Luft.

Heute war alles bunt, hell und hochauflösend. Die Sonne schien ihr ins Gesicht und wärmte sie angenehm, der leichte Weg vor ihr führte sie einen sanften Hügel hinunter. Die endlos erscheinenden grünen Wiesen waren voller Blumen, Insekten summten emsig umher.

Leichtfüßig setzte sie einen Schritt vor den anderen und freute sich auf die Landschaften, die sie in weiter Ferne erwarteten. Eine sanfte Briese wehte den Geruch von Natur und Meer und Freiheit zu ihr herüber, sie war trunken vom Leben. In tiefen Atemzügen sog sie all das Neue in sich auf.

Ob der nächste Tag Farbe haben würde, wusste sie nie.

08.10.2016

22

Ein Stein weiß nicht, dass er ein Stein ist. Und trotzdem ist er ein Stein. Auf der Suche nach mir selbst bin ich vermutlich mehr als ein dutzend Mal an mir vorbei gelaufen, ohne mich zu bemerken. Auch wenn ich mir noch so fest vorstelle, ein Stein zu sein, ich bin keiner. Wer also bin ich? Eine Lichtmalerei zwischen den Zeilen der Zeit, eine Ansammlung von Sternenstaub im Universum, ein zufälliger Gedanke?

28.02.2016

21

Rot, all ihr Gedanken waren nur noch rot. Es war ein bedrohliches und unheimliches Rot, aber gleichzeitig so warm, so vertraut. Seit Wochen stellte sie sich vor, wie es sein würde, jetzt zur Klinge zu greifen und es zu tun. Nach so langer Zeit wieder den Schmerz zu spüren und ihr Blut zu sehen. Es machte sie wahnsinnig vor Verlangen, und doch kämpfte sie dagegen an. Ein Stückchen Vernunft flüsterte ihr ins Ohr, dass sie doch im nächsten Sommer wieder T-Shirts tragen wollte, ein Stückchen Liebe schrie sie an, wie verletzt er sein würde, wenn sie es täte. Aber er sieht nicht die vielen einzelnen Tage, an denen ich es nicht getan habe! schrie sie zurück.
Sie wollte doch nur eines: wieder klar denken können, ohne dass der erste und letzte Gedanke eines Tages der an die Klinge war. Sie wollte nicht mehr kontrolliert werden vom Rot, das einfach nicht müde wurde, ihr Bilder in den Kopf zu setzen. Alles, was sie wollte, war Kontrolle. Über sich, über ihre Gedanken. Auch wenn es hieß, Rot für einen Moment das alles zu überlassen. Schmerz. Wärme. Kontrolle. Nur darum ging es. Immer.

01.11.2015